Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

weitere Investitionsschrumpfung, wobei die Untergrenzen
keineswegs so definitiv gegeben sind wie im umgekehrten
Fall. Die Konjunktur basiert auf einem Widerspruch; die
Investitionstätigkeit, die durch einen Verkäufermarkt
herbeigeführt wurde, sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt,
indem sie die Bedingungen für einen Verkäufermarkt
beseitigt. (S. 198 bis 209.) Aber selbst wenn die Bedingun¬
gen für ein Goldenes Zeitalter gegeben wären, würde es
Konjunkturen und Krisen (booms and slumps) geben,
denn die globale Wirkung der Entscheidungen der im
Ungewissen agierenden einzelnen Unternehmer führen
notwendigerweise zu Überspitzungen, Über- oder Unter¬
investitionen und zu den entsprechenden kumulativen
Schwankungen. {S. 209.)
Die Abschnitte über Geld und Finanzen, Rentiers,
Grund und Boden, relative Preise und Welthandel bringen
weitere Modifikationen der ursprünglichen vereinfachen¬
den Annahmen und damit eine immer unmittelbarere
Wirklichkeitsnähe, ohne aber die Hauptthesen zu ändern.7
Die chronische Tendenz zu überhöhten Zinssätzen (über¬
höht im Verhältnis zu den Profitraten) verstärkt die ohne¬
hin stets vorhandenen Tendenzen zur Stagnation. (S. 242.)
Hoher Konsum aus Profiten bedeutet (bei hoher Investi¬
tionstätigkeit) niedrigere Reallöhne und provoziert unter
' Anlaß zum Bedauern mag mancher Leser darin finden, daß
die Annahme des „laisser-faire" nur gelegentlich gelockert wird.
Die Berücksichtigung der Auswirkungen des staatlichen Inter¬
ventionismus würde in dieser Epoche der monopolisierten („ver-
machteten") Wirtschaft und des Wettbewerbs der Systeme nicht
wenig zu einem noch besseren Verständnis der derzeitigen Trieb¬
kräfte der Akkumulation beitragen.
Fritz Klenner:
Die geänderten politischen Verhältnisse und der Macht¬
zuwachs der Gewerkschaften haben die Gewerk¬
schaftspolitik wesentlich verändert. Sie stellt heute nicht
ein nur auf die Lohnpolitik und die Sozialpolitik be¬
schränktes Konzept dar, sondern sie versucht, in allen
Sektoren des wirtschaftlichen, sozialen und darüber
hinaus auch des kulturellen Lebens wirksam zu werden,
die irgendwie für die Arbeitnehmer von Bedeutung sind
•— und das sind fast alle!
Eine solche Politik bedingt ein Sichten und Werten
übernommenen Gedankengutes. Was vor Jahrzehnten
seine Richtigkeit hatte, muß heute nicht mehr zutreffen.
Es frägt sich vor allem, ob das in der Vergangenheit den
Unternehmer darstellende Bild heute noch allgemeine
Gültigkeit hat. Auch der Unternehmer hat sich dem Wan¬
del der Verhältnisse anpassen müssen. War früher der
sozial eingestellte Unternehmer die Ausnahme, so ist er
heute eigentlich die Regel und der unsoziale Unternehmer
bildet die Ausnahme. Es gibt" selbstverständlich in bezug
auf soziales Verhalten verschiedene Auslegungen, doch
kann nicht geleugnet werden, daß die Mehrzahl der Unter¬
nehmer größerer, mittlerer und auch kleinerer Betriebe
sich mit dem Vorwurf unsozialen Verhaltens nicht be¬
lasten will. Dabei sind die Motive nicht ausschlaggebend,
entscheidend sind die Tatsachen. Sie mögen in vielen
Fällen nicht nur durch den Wandel der Zeit, sondern auch
durch die Kraft der Gewerkschaften und die der öffent¬
lichen Meinung herbeigeführt worden sein.
Ebenso hat sich d'as Verhalten vieler Arbeiter und
Angestellter zum Betrieb gewandelt. Wenn auch die
Stellung der meisten Arbeitnehmer im Betrieb eine be¬
sonders enge Betriebsverbundenheit nicht aufkommen
läßt, so ist doch die Wertung der Betriebsstätte als „Aus¬
beuterbude" im Schwinden. Je nach dem Grad des Be¬
triebsklimas gibt es eine mehr oder weniger aufgeschlos¬
sene Haltung zum Betrieb und seinen Problemen.
1 Siehe Paul Blau: „Gefährliche Rezepte" in Arbeit und Wirt¬
schaft 6/1960.
Umständen auch anti-inflationistische Maßnahmen und
damit eine Senkung der Akkumulation; unter Bedingun¬
gen der Stagnation allerdings regt ein stärkerer „Rentier"-
Konsum Beschäftigung und mittelbar auch die Akkumu¬
lation an. Jedenfalls sind Luxusausgaben ein besseres
Hilfsmittel gegen Arbeitslosigkeit als Rüstungsausgaben,
aber weniger gut als produktive oder Sozialinvestitionen.
(S. 272/3.)
Aus der Fülle der Gedanken, die hier nicht einmal
mehr andeutungsweise wiedergegeben werden können —
und die geringeren Geistern Stoff für ein gutes halbes
Dutzend Lehrbücher abgeben würden (darunter vor allem
über die Wechselwirkung von Unterschieden beziehungs¬
weise Änderungen in Naturreichtum [einschließlichBoden],
Bevölkerung undAkkumulation sowie überKonkurrenzund
Monopol) —, sei nur noch die Bemerkung erwähnt, wo¬
nach „das Niveau von Renten, Löhnen und Profitrate nicht
bestimmt wird durch die Grenzprodukte von Boden, Ar¬
beit und Investitionen. Vielmehr werden alle drei zusam¬
men in komplexer Weise durch das Spektrum der techni¬
schen Möglichkeiten, die der ganzen Wirtschaft zur Ver¬
fügung stehenden Mengen von Land und Arbeitskräften,
die Summe der bereits stattgefundenen Akkumulation
und durch das Niveau der wirksamen Nachfrage nach
Waren und durch die Investitionsrate bestimmt".
(S. 311/12.) Diese Bemerkung allein zeigt anschaulich, wie
wenig sich Mrs. Robinson auf den ausgetretenen Pfaden
der „neoklassischen" Sackgassen bewegt und mit welcher
außerordentlich bedeutsamen und originellen Arbeit wir
es hier zu tun haben.
Unter solchen Aspekten gewinnt die Frage der
Gewinnbeteiligung eine andere Bedeutung als in der
Vergangenheit.
Die Gewinnbeteiligung ist keineswegs eine Erfindung
der Gegenwart. Schon vor dem ersten Weltkrieg ver¬
suchten in Deutschland und der österreichisch-ungari¬
schen Monarchie Unternehmer, die Arbeiter an einer
Gewinnbeteiligung zu interessieren. Die wachsende Macht
der Gewerkschaften und der Einfluß von deren Ideologie
auf die Arbeiterschaft brachten es damals mit sich, daß
die Unternehmer allerlei Pläne erörterten, die der Agi¬
tation der Gewerkschaften entgegenwirken sollten.
Die ersten Versuche der Gewinnbeteiligung der Ar¬
beiter in Fabrikbetrieben lagen schon im vorigen Jahr¬
hundert. Insbesondere in England und Frankreich hatte
man in der Industrie und in der Landwirtschaft mit die¬
sem Lohnsystem experimentiert. Aber die verschiedensten
Versuche, durch Gewinnbeteiligung oder Wohlfahrts¬
einrichtungen die Arbeiter an die Betriebe zu fesseln,
führten nur in den seltensten Fällen und auch nur dann,
wenn ehrliche und nicht egoistische Absichten den Unter¬
nehmer leiteten, zum Erfolg.
Zwischen 1905 und 1910, als Folge des raschen An¬
wachsens der gewerkschaftlichen Kräfte, wollten die
österreichischen Unternehmer neuerlich einen Vorstoß in
der Richtung der Gewinnbeteiligung unternehmen. Die
Gewinnbeteiligung war damals als ein System der Ent¬
schädigung der Arbeiter gedacht, bei welchem nach
freiem Entschluß des Unternehmers neben dem scheinbar
in üblicher Höhe bezahlten Lohn noch ein bestimmter
Anteil am Gewinn des Unternehmens zugesagt wurde.
Die Interessen des Unternehmers und der Arbeiter sollten
durch die Gewinnbeteiligung eng verknüpft werden. In
den meisten Fällen war das Versprechen der Gewinn¬
beteiligung nichts anderes „als ein raffiniertes Mittel zur
Ausbeutung der Arbeitskraft", wie damals die freien
Gewerkschaften argumentierten.
Mit Hilfe der Gewinnbeteiligung wollten manche
Gefährliche oder heilsame Rezepte?
Zur Frage der Gewinilbeteiligung und der Volksaktien1
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