Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

Unternehmer die Arbeiter für eine Verlängerung der
Arbeitszeit und für eine größere Anspannung ihrer Ar¬
beitskraft willfährig machen. Durch angestrengte Arbeits¬
leistung sollten die Arbeiter ihr Einkommen über das
allgemeine Durchschnittsmaß steigern und auf diese
"Weise einen, wenn auch sehr zweifelhaften Vorteil er¬
ringen.
Die Unternehmer erhofften sich durch die Gewinn¬
beteiligung eine Untergrabung des Solidaritätsgefühls der
Arbeiter. Die Kritik der Gewerkschaften ging dahin, daß
sich jeder einzelne Arbeiter bei Gewinnbeteiligung gegen¬
über den anderen als kleiner Unternehmer fühlen und
bestrebt sein werde, nicht nur seine Arbeitskraft aufs
äußerste anzuspannen, sondern das gleiche auch von sei¬
nen Arbeitskollegen zu erzwingen. In der Furcht, daß
durch etwaige Lässigkeit seiner Mitarbeiter der Geschäfts¬
gewinn geschmälert und damit sein vermeintlicher Vor¬
teil verkürzt werden könnte, würde er scheel und ängst¬
lichen Auges auf die Tätigkeit seiner Arbeitskameraden
blicken. Durch die Gewinnbeteiligung bestünde also die
Gefahr, daß die Einheit der Arbeiter zersplittert würde.
Dazu kam noch, daß durch die Gewinnbeteiligung das
Interesse der Arbeiter an der Verkürzung der Arbeitszeit,
an der Verbesserung der gesundheitlichen Einrichtungen,
an der Unfallsverhütung und an der Einhaltung arbeits¬
rechtlicher Bestimmungen vermindert worden wäre.
Die wenigsten Unternehmer schufen damals Voraus¬
setzungen für eine tatsächliche Gewinnbeteiligung. Wenn
die Gewinnbeteiligung kein Akt der Willkür sein sollte,
so mußte man den Arbeitern das Recht der Kontrolle
einräumen. Eine auf gesetzlicher Grundlage beruhende
Vertretung der Belegschaften gab es nicht. Jeder, der am
Gewinn eines Unternehmens beteiligt war, hätte die
Möglichkeit haben müssen — so betonten die Gewerk¬
schaften —, die Höhe des Gewinnes und dessen gerechte
Verteilung zu beurteilen sowie Stellung gegen die
Methoden der Verteilung und die hiebei angewendeten
Maßstäbe zu nehmen. Den am Gewinn beteiligten Ar¬
beitern hätte Einblick in die Bücher, ein Einspruchsrecht
gegen die Gewinnfestsetzung und gegen die Verteilungs¬
grundsätze eingeräumt werden müssen.
Es ist klar, daß eine solche Methode sich nicht an¬
wenden ließ und daß es nur ausnahmsweise so fortschritt¬
liche Unternehmer gab, die Einrichtungen in Form von
Belegschaftsvertretungen schufen und die Grundsätze
einer Betriebsdemokratie schon damals verwirklichten. In
allen anderen Fällen verlor mit der Zeit die Gewinn¬
beteiligung ihren Wert auch für jene Arbeiter, die sich
für eine derartige Einrichtung interessierten. Statt zum
Ausgangspunkt des sozialen Friedens wurde die Gewinn¬
beteiligung zu einer Quelle des Mißtrauens.
Die heutigen Formen der Mitbeteiligung
Die Frage der Mitbeteiligung geht heute von zwei
Aspekten aus: von der einer engeren Bindung an den
Betrieb und von der einer Bildung von Eigentum in
Arbeiterhand zur Änderung der gesellschaftlichen Stel¬
lung des Arbeiters. Der Fragenkomplex hat sich wesent¬
lich erweitert, und es gibt eine Reihe von Vorschlägen
zur Gewinnbeteiligung und zur Formung von Eigentum
in Arbeiterhänden.
Nehmen wir die Frage der Gewinnbeteiligung und
Mitbeteiligung zum Zwecke einer engeren Bindung an
den Betrieb in heutiger Schau voraus. Es kommen
— kapitalsmäßig gesehen — verschiedene Formen in
Frage:
Kapitalsparprämien des Arbeitgebers, die auf eine Eigen¬
sparleistung des Arbeitnehmers aufstocken,
Prämien des Arbeitgebers, die nicht an eine Eigenspar¬
leistung des Arbeitnehmers gebunden sind,
Kapitalaufstockung des arbeitgebenden Unternehmens
zugunsten des Arbeitnehmers in Form der Ausgabe be¬
günstigter Kleinaktien,
Bindung von Lohnerhöhungen oder Teilen hievon für
Investitionszwecke,
zu bestimmten Terminen ausgeschüttete Gewinn- und
Ertragsbeteiligungen, meist mit der Gewinn- und Verlust¬
rechnung als Grundlage.
Darüber hinaus gibt es noch andere Formen indirekter
Lohnerhöhungen, die nioht zur Bildung von Eigentum
bestimmt sind, sondern Sozialleistungen darstellen. Be¬
triebe bauen mit Eigenmitteln Wohnhäuser und Eigen¬
heime für die Betriebsangehörigen, sie finanzieren ganz
oder teilweise Urlaube, sie geben in Werkskantinen das
Essen verbilligt oder umsonst ab, sie leisten Zuwendungen
in verschiedenster Form für Heirat, Geburt, für einen
Todesfall und so weiter. Alle diese sozialen Zuwendungen
schmälern den Gewinn und sind daher eine Art Mit¬
beteiligung. Sie könnten, vom Standpunkt des Arbeit¬
nehmers gesehen, einfacher als Lohnerhöhimg gegeben
werden. Lohnerhöhungen sind aber für ein Unternehmen
eine konstante Größe — Zuwendungen sind variabel und
können meist mit einem sich schmälernden Gewinn ein¬
geschränkt werden. Damit ist auch schon — gewerk¬
schaftlich gesehen — die Stellung zu den Sozialleistungen
festgelegt. Sicherlich sind Lohn- und Gehaltserhöhungen
begrüßenswerter und sollen daher auch angestrebt wer¬
den, da sie klare Verhältnisse und Ansprüche schaffen,
während die Inanspruchnahme von Zuwendungen oft
differenziert ist. Auch werden von Unternehmerseite die
Sozialleistungen gern als Fürsorgemaßnahmen aufgezogen
und umgekehrt wird auf Arbeitnehmerseite übersehen,
daß diese Zuwendungen dem Normallohn zuzurechnen
sind. Eine Unternehmensleitung will sich aber vielfach
nicht — und kann sich auch oft nicht — auf Dauer durch
über den Kollektivvertrag hinausgehende Lohnerhöhungen
binden lassen. Es wäre unklug, an deren Stelle Sozial¬
leistungen abzulehnen.
Prüfen wir nun, ob die in der Vergangenheit vor¬
gebrachten Argumente gegen die Gewinnbeteiligung auch
heute noch volle Gültigkeit haben. Wenn auch die Ein¬
führung einer Gewinnbeteiligung in irgendeiner Form in
den meisten Fällen dem Entschluß der Unternehmens¬
leitung und seltener einer Forderung der Beschäftigten
(sie werden eher Lohnforderungen stellen) entspringt, so
wird die Höhe und die Art und Weise der Ausschüttung
in größeren Betrieben doch nicht mehr allein vom Willen
des Unternehmers abhängig sein, sondern in die Form
von Abmachungen mit dem Betriebsrat gegossen sein.
Vollbeschäftigung und soziale Gesetzgebung werden auch
weitgehend verhindern, daß die Arbeitskraft nur zum
Zwecke einer illusionären Gewinnvermehrung zu sehr
angespannt wird. Im übrigen dürfen wir nicht verkennen,
daß diese Gefahr in viel größerem Ausmaße bei Akkord¬
löhnen und Leistungsprämien verschiedenster Art schon
gegeben ist.
Es bleibt die Gewährung eines ausreichenden Ein¬
blickes in die Geschäftssituationen des Unternehmens. Der
Gewinn ist nicht nur ein Gegenstand der Verteilung, son¬
dern das Resultat des ganzen Produktionsprozesses und
darüber hinaus der Art und Weise der Bilanzierung.
Durch die auf gesetzlicher Grundlage beruhende Be¬
triebsvertretung, der auch ein wirtschaftliches Mit¬
spracherecht und bei Aktiengesellschaften die Vertretung
im Aufsichtsrat zusteht, ist eine fundierte, dauernde und
vom Unternehmer unabhängige Vertretung der Beleg¬
schaft garantiert. Durch die Betriebsräte kann eine ent¬
sprechende Bucheinsicht und Informiertheit über die
Betriebsvorgänge sichergestellt werden.
Wenn die Gewinnbeteiligung sich auf bindende Ab¬
machungen mit dem Betriebsrat — am besten zuzüglich
der Gewerkschaft — stützt, so kann eine solche Einrich¬
tung sicherlich zu einer weiteren Verbesserung der Be¬
ziehungen zwischen den Unternehmensleitungen und den
Arbeitern und Angestellten beitragen.2
2 Von einer solchen Absicht war auch Vizekanzler Dr. Pitter¬
mann geleitet, als er für die verstaatlichte Industrie vorschlug,
die Gewinnbeteiligung, die in einzelnen Arbeitsordnungen bereits
verankert ist, auf eine gesetzliche Grundsatzverordnung in ver¬
besserter Form zu stellen.
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