Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Produktivität wird daher eine weitere Zunahme des Brutto-
nationalprodukts ermöglichen. Und es ist zu hoffen, daß
auch die Absatzmöglichkeiten so stark wachsen, daß die
Anpassung der Beschäftigtenstruktur an die Situation in
den anderen westeuropäischen Ländern rasch weiterge¬
führt werden kann. Denn diese Umschichtung der Be¬
schäftigten von Branchen mit wenig rationell genützter
Arbeitskraft in Branchen mit höherer Arbeitsproduktivität
ist für die Hebung des Lebensstandards in Österreich un¬
erläßlich.
Die Umschichtung fördern!
Um die Reibungsverluste bei dieser Umschichtung so
klein wie möglich zu halten, müßten ständige Schulungs¬
möglichkeiten für Erwachsene geschaffen werden. Ferner
müßten die arbeitsmarktorientierte Standortpolitik der
Betriebe und die örtliche Mobilität der Arbeitskräfte geför¬
dert werden. Betrieben, die durch Produktionsumstellun¬
gen in Schwierigkeiten geraten sind, sollten die Arbeits¬
ämter die Lohnfortzahlung an vorübergehend nicht voll
oder überhaupt nicht eingesetzte Arbeitskräfte ermög¬
lichen.
Diese Maßnahmen dürfen allerdings nicht nur darauf
abgestellt sein, bereits arbeitslos gewordene Personen
wieder in Beschäftigung zu bringen — diese Fälle werden
hoffentlich in den nächsten Jahren keine allzu große Rolle
spielen —, sie müßten vielmehr darauf abzielen, die Um¬
schichtungen zu fördern, zum Beispiel indem Schulungs¬
möglichkeiten auch jenen geboten werden, die einen quali¬
fizierteren Beruf anstreben. In anderen Ländern gibt es
bereits solche Einrichtungen. Den Personen, die davon Ge¬
brauch machen, wird eine Unterstützung gezahlt, die
höher ist als die Arbeitslosenunterstützung, um den nöti¬
gen Anreiz für die Teilnahme an der Schulung zu geben.
Die Produktivität der Wirtschaft muß aber auch durch
innerbetriebliche Maßnahmen gesteigert werden. Ein Be¬
ratungsdienst sollte den kleinen und mittleren Betrieben
helfen, die Arbeitskräfte besser einzusetzen.
Wenn Österreich die großen Möglichkeiten nützt, die
ihm sein Arbeitskräftepotential und seine rückständige
Beschäftigtenstruktur noch bieten, dann wird es gewisse
Fehlinvestitionen eher vermeiden können, und es wird
nicht — wie Westdeutschland— erfahren müssen, daß aus¬
ländische Arbeitskräfte den Kampf um eine Stabilisie¬
rung der Wirtschaft eher erschweren als erleichtern.
Heinz Sachs
Die Sozialcharter
der EWG-Kommission
In dem von der Kommission der Europäischen Wirt¬
schaftsgemeinschaft (EWG) vor kurzem veröffentlichten
Memorandum zum Aktionsprogramm für die zweite
Stufe befindet sich auch ein Kapitel über die gemein¬
same Sozialpolitik, welches einige interessante Hinweise
für die Zukunft enthält. Wie einleitend festgestellt wird,
entsprangen gewisse Vorschriften des EWG-Vertrages auf
sozialem Gebiet ursprünglich wirtschaftlichen Erforder¬
nissen und Überlegungen. Heute steht es jedoch außer
Zweifel, daß sie im allgemeinen Vertragsrahmen als
sozialpolitische Vorschriften und Grundsätze aufzufassen
und als solche anzuwenden sind. Die Sozialpolitik ist
daher nicht mehr als eine Art Hilfsdienst für die Wirt¬
schaftspolitik anzusehen. Wenn sich auch die sozialen
Anliegen bisher nur auf einzelstaatlicher Ebene stark
ausgewirkt haben, so will sich die Gemeinschaft dennoch
nicht mit einer passiven Rolle begnügen. Sie will ihre
eigene Sozialpolitik haben, die mit den anderen Sektoren
ihrer Politik abgestimmt sein muß, ihnen aber nicht
untergeordnet werden darf.
Die vorliegenden grundsätzlichen Ausführungen ent¬
springen der auch in allen anderen Bereichen feststell¬
baren Tendenz, die sechs Staaten der Gemeinschaft wäh¬
rend der zweiten Etappe der Übergangszeit zu einer un¬
lösbaren Wirtschaftsunion zusammenzuschweißen. Die
Handhabe für ein gemeinsames Vorgehen ist bereits durch
den EWG-Vertrag selbst gegeben, der in seinen Programm¬
sätzen für die Angleichung der Lebens- und Arbeitsbedin¬
gungen, für die sozialpolitische Zusammenarbeit, für das
gleiche Entgelt für Männer und Frauen und für die Gleich¬
wertigkeit bezahlter Freizeit eintritt.
Auf den bereits erzielten Ergebnissen der ersten
Etappe aufbauend, soll die Sozialpolitik der Gemeinschaft,
die sowohl die Arbeitsmarktpolitik als auch gewisse lohn¬
politische Aspekte umfaßt, auf einige Schwerpunkte kon¬
zentriert werden. Hiebei werden neben der Verstärkung
der Vorschriften über die Freizügigkeit, neben der Ver¬
besserung der Zusammenarbeit der Sozialversicherungs¬
systeme und neben der Aktivierung des Sozialfonds der
EWG vor allem die Berufs- und Beschäftigungspolitik
sowie die Angleichung der Lebens- und Arbeitsbedingun¬
gen im Vordergrund stehen.
Nach der Auffassung der Kommission soll die gemein¬
same Berufsausbildungspolitik, die unter anderem durch
Musterlehranstalten auf Gemeinschaftsebene verwirk¬
licht werden dürfte, die Möglichkeit schaffen, eine ge¬
meinsame Beschäftigungspolitik in Angriff zu nehmen.
Das Ziel dieser Politik wäre nicht die „Sicherung des
Arbeitsplatzes", sondern die „Mobilität der Arbeits¬
kräfte" in geographischer und beruflicher Hinsicht, um
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.