Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Ein Engländer erlebt die Annexion Österreichs
G. E. R. Gedye zögerte keinen Augenblick: Er verzich¬
tete auf die Korrespondentenstelle, und brachte das Buch,
das zu einem großen literarischen Erfolg wurde, in einem
anderen Verlag heraus. Von selbst drängt sich die Frage
auf: Warum haben einflußreiche, dem damaligen konser¬
vativen Ministerpräsidenten Englands, Chamberlain,
nahestehende Kreise verhindern wollen, daß die Welt er¬
fahre, was sich im März 1938 in Österreich wirklich ab¬
gespielt hat?
Darauf gibt es nur eine Antwort: Die Größmächte haben
sich damals gegenüber dem kleinen, vom Naziagressor
bedrohten Österreich schändlich benommen. Sie rührten
keinen Finger gegen Hitler. Im Gegenteil: Sie verbreite¬
ten die törichte Illusion, es sei möglich, die Nazibarbaren
zu „befriedigen" und mit ihnen harmonisch zusammen¬
zuleben. Gegen diese verhängnisvolle Politik, die im Ab¬
kommen von München ihren Höhepunkt erreichte, gab
es in England eine wachsende Opposition.
Und dieser Opposition lieferte Gedyes Tatsachenbericht
neue Waffen: Geht doch aus diesem der annexionistische
Charakter des „Anschlusses" klar hervor, während die
Chamberlainleute — in Übereinstimmung mit der Goeb¬
belspropaganda — das Märchen verbreiteten, Österreich
sei ein „deutsches Land" und daher auch der „Anschluß"
eine Konsequenz des Selbstbestimmungsrechtes der Völ¬
ker. Da die „deutschen Österreicher", so wurde argu¬
mentiert, selbst zu Deutschland wollten, sei es auch vom
demokratischen Standpunkt aus betrachtet, richtig ge¬
wesen, den Einmarsch der deutschen Truppen in dieses
Land zur Kenntnis zu nehmen. Warum soll ein deutscher
Stamm nicht ins gemeinsame Reich heimkehren dürfen?
Gedye hatte auch die Februarereignisse des Jahres 1934
in Wien erlebt. Mit blutendem Herzen berichtete er da¬
mals den englischen und amerikanischen Lesern von dem
tragischen Schicksal der österreichischen Arbeiterbe¬
wegung. Und er fügte seinen Berichten die düstere Vor¬
aussage hinzu: Damit ist die stärkste Bewegung im
Kampf gegen Hitler von jenen ausgeschaltet worden, die
allein viel zu schwach sind, um Österreichs Unabhängig¬
keit verteidigen zu können.
Um so größer war seine freudige Überraschung, als er
in den Tagen vor dem 13. März 1938 feststellen konnte:
Trotz allem, was im Februar 1934 geschehen ist, entsteht
angesichts der furchtbaren Bedrohung durch Hitler eine
Einheitsfront aller patriotischer Österreicher, ohne Unter¬
schied der parteipolitischen oder weltanschaulichen Orien¬
tierung. Der englische Korrespondent sprach mit erst
kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen ehemaligen Funk¬
tionären der Sozialdemokratischen Partei und der freien
Gewerkschaften. Er diskutierte mit einfachen Menschen in
den Betrieben, Funktionären der „Vaterländischen Front"
und Angehörigen jener linkskatholischen Kreise, die
schon seit längerer Zeit bemüht waren, die sozialisti¬
schen Arbeiter und ehemaligen Schutzbündler zu versöh¬
nen, um mit ihnen gemeinsam den Kampf gegen das
nazistische Barbarentum zu führen.
Vor allem die junge Generation von heute, die diese
Zeit nicht selbst erlebt hat, sollte bei dem klug beobach¬
tenden, objektiv berichtenden Ausländer nachlesen, was
sich damals in der Heimat zugetragen hat. Hier müssen
wir uns damit begnügen, jene Stelle aus Gedyes Buch zu
zitieren, die uns den Versuch, alle österreichisch fühlen¬
den Österreicher gegen Hitler zu mobilisieren, nochmals
miterleben läßt; ein Versuch, der gescheitert ist, dem
aber dennoch historische Bedeutung zukommt, da er
später, im Dunkel der Illegalität, von den Widerstands¬
kämpfern mit Erfolg wiederholt wurde:
„Die patriotische Begeisterung war weit über die des Vor¬
tages gestiegen. Überall wurden die Lastwagenkolonnen (der
gegen den ,Anschluß' demonstrierenden Österreicher — J. H.)
mit freudigen Zurufen und Taschentuchschwenken begrüßt.
Heute waren schon viel mehr Leute mit den drei Pfeilen auf
der Straße zu sehen.
Sozialdemokraten und Christlichsoziale begrüßten einander
als Verbündete, jeder auf seine Weise und über eine Kluft
von vier vergeudeten Jahren.
Endlich lag Einigkeit in der Luft — und Sieg. Das etwas steif
klingende ,Österreich', das Dollfuß für seine Anhänger ge¬
prägt hatte, klang plötzlich natürlich, da es so spontan unter
völlig fremden Menschen von Mund zu Mund ging.
Das Radio spielte fröhliche österreichische Weisen; für den
Augenblick wenigstens schienen die Wolken verscheucht,
Zuversicht war an die Stelle der Atmosphäre von Untätigkeit
und Furcht getreten."
Gedye schildert dann mit allen Einzelheiten — aber das
muß man im Original nachlesen —, wie Österreich er¬
würgt wurde: Hitler begriff, daß die Volksabstimmung
eine Mehrheit gegen den „Anschluß" und für Österreichs
Unabhängigkeit gebracht hätte. Daher ließ er die Ent¬
scheidung des österreichischen Volkes nicht zu, sondern
stellte Schuschnigg ein brutales Ultimatum. Dieser kapi¬
tulierte und fügte mit dieser beschämenden Kapitulation
dem Ansehen Österreichs in der Welt schweren Schaden
zu.
Ein Aufruf zum Widerstand wäre zwar militärisch
wertlos, aber von historisch-symbolischer Bedeutung ge¬
wesen. Was damals von dem schwach gewordenen Regie¬
rungschef eines autoritären Regimes versäumt wurde, hat
später die österreichische Widerstandsbewegung unter
schweren Opfern nachgeholt: Sie bewies mit dem Blut
ihrer Besten, daß Österreich sich niemals damit abgefun¬
den hat, zu einer Provinz Großdeutschlands erniedrigt
zu werden.
Doch bevor wir auf die große geschichtliche Tat der
Widerstandsbewegung hinweisen, läßt es sich nicht ver¬
meiden, von jenen zu sprechen, die den Namen unseres
Vaterlandes mit Schmach und Schande bedeckt haben: von
den „österreichischen" Deutschnationalen und den Nazis.
Die „nationalen" Totengräber Österreichs
Der Begriff „national" hat in Österreich eine ungewöhn¬
liche, NichtÖsterreichern kaum verständliche Bedeutung.
Machen wir sie uns bewußt: Es gibt Nationale in Frank¬
reich und England, in Deutschland, Italien und anderen
Ländern. Was diese Nationalen von den anderen politi¬
schen Richtungen unterscheidet, ist vor allem eine ma߬
lose, in Chauvinismus ausartende, meist auch mit Frem¬
denhaß verbundene, Überbewertung des eigenen Volkes.
Ein französischer Nationaler ist der Meinung, daß es
echte Kultur nur in Frankreich gibt, und blickt voll Ver¬
achtung auf alle, die den unverzeihlichen Fehler began¬
gen haben, nicht als Franzosen zur Welt zu kommen. Und
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