Volltext: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

*Deutsche Panzer rollen über die Wiener Ringstraße.
nannt — haben stets nur eine Minderheit gebildet; aller¬
dings eine Minderheit mit starken, einflußreichen Positio¬
nen in den akademischen Berufeil und an den Hochschulen.
Sie konnten im Österreich der Ersten Republik freilich nur
deshalb an Bedeutung gewinnen, weil es weder im sozia¬
listischen noch im katholisch-konservativen Lager ein
echtes österreichisches Nationalbewußtsein gab.
Als es aber Ernst wurde mit der Bedrohung Österreichs
durch Nazideutschland, da erwachte in beiden Lagern, im
sozialistischen, ebenso wie im katholisch-konservativen,
ein nur verschüttet gewesener österreichischer Patriotis¬
mus. Gleichzeitig ließen die „Nationalen" die letzten Mas¬
ken fallen: Sie bildeten die Kader der österreichischen
Nazis und waren an allen von diesen begangenen Ver¬
brechen maßgeblich beteiligt. Nicht zufällig hat später
Seyss-Inquart — der Prototyp des sich zum deutschen
Volkstum bekennenden „Nationalen", der aus „nordischer
List" auch dem Kabinett Schuschnigg angehörte— die Rolle
des Henkers im besetzten Holland gespielt. Und solche,
aus Österreich gebürtige Seyss-Inquarts, gab es auch in
den anderen von Hitler besetzten Gebieten Europas. Sie
haben den Namen unseres Vaterlandes besudelt. Noch
heute kann man holländische, belgische, polnische,
tschechische Widerstandskämpfer treffen, die sich an die
besondere Grausamkeit dieser „Männer aus der Ostmark '
schmerzlich erinnern.
Die Annexion Österreichs unterschied sich daher von
der Annexion anderer europäischer Länder darin, daß es
bei uns eine wesentlich stärkere und im gesellschaftlichen
Leben einflußreichere „fünfte Kolonne" gab. Das erleich¬
terte zunächst die Gleichschaltung des zur „Ostmark" de¬
gradierten Landes. Und das rief im Ausland auch bei vie¬
len früheren Freunden Österreichs den beklemmenden
Eindruck hervor: Die Österreicher sind in ihrer Mehrheit
Nazis geworden. Diese Legende zerstört zu haben, ist das
große geschichtliche Verdienst der österreichischen Wider¬
standsbewegung.
ein nationaler Deutscher ist zutiefst davon überzeugt, daß
bei ihm zu Hause alles besser gemacht wird als in der
übrigen Welt. Es braucht wohl nicht erst bewiesen zu
werden, wie reaktionär eine solche Geisteshaltung ist.
In Österreich spielen die Nationalen aber seit Jahr¬
zehnten eine andere, man könnte sagen eine perverse
Rolle: Ihr Nationalismus besteht in einer Verherrlichung
des Deutschtums und richtet sich mit giftigem Haß gegen
das eigene Land, gegen alles österreichische. So war es
schon im alten habsburgischen Österreich: Wenn man da¬
mals von jemandem sagte, er gehöre einer nationalen
Verbindung an oder er gelte als „nationaler Mann",
dann hieß das: Er ist ein Deutschnationaler und hat für
das „schlappe" Österreich bloß Verachtung übrig. „Natio¬
nale", die österreichisch-national sind, hat es bei uns nie
gegeben. Das Wort „national" war in Österreich zu allen
Zeiten eine Deckname für deutschnational oder gro߬
deutsch, das heißt für antiösterreichisch.
Diese Nationalen — im alten Österreich nach dem be¬
rüchtigten Ritter von Schönerer auch „Schönerianer" ge-
Die drei Phasen des österreichischenWiderstandes
Der Kampf der österreichischen Widerstandsbewegung
läßt sich, grob skizziert, in drei Phasen einteilen: Die erste
Phase, man könnte sie die naiv-heroische nennen, be¬
ginnt unmittelbar nach der Annexion des Landes und
reicht bis zum Kriegsausbruch im September 1939. Sie
wird in einer 1963 erschienenen Broschüre des überpar¬
teilichen Vereines „österreichische Widerstandsbewe¬
gung" („ÖW") wie folgt charakterisiert:
„Patriotische Österreicher, vor allem junge, von idealistischen
Vorstellungen erfüllte Menschen, nehmen ohne konspirative
Erfahrungen und mit vielen Illusionen behaftet, den unglei¬
chen Kampf gegen die fremden Unterdrücker auf. Diese erste
Phase endet in einem Meer von Blut: Fast alle Widerstands¬
gruppen ,fliegen auf, wie der Fachausdruck lautet. Ihre
Träger werden verhaftet, gefoltert, hingerichtet...
Die Gestapo ist entschlossen, ein weithin sichtbares Exempel
zu statuieren: Wer Widerstand leistet, wird vernichtet...
Aber auch diese Opfer waren nicht vergeblich: Widerlegten
sie doch mit ihrem Blut die ungeheuerliche, von der Goebbels-
Propaganda verbreitete und zum Teil sogar im Ausland ge¬
glaubte Lüge, ,die Österreicher' seien über die ,Heimkehr'
ins Reich glücklich."
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