Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

f * Y D ... und ein Nichts zu Hause war. stirbt leicht den „Pensio¬ nierungstod" Man überlege bitte selbst: dann wird man sofort sehen, daß diese beiden Behauptungen einander gegenseitig aus¬ schließen; und wenn man sich auf den soliden Boden der wissenschaftlich erhärteten Tatsachen begibt, so wird man alsbald finden, daß sie beide nicht stimmen. Doch ist zuzugeben, daß die grundlegenden wissenschaftlich erwiesenen Fakten auf diesem Gebiet nur mit großer Mühe und mit viel Zeitaufwand zu erarbeiten sind. Darum sprechen manche Leute lieber in Gleichnissen; diese sind wirksam und sehr anschaulich, und ich gestehe, daß sie manchmal auch auf mich tiefen Eindruck machen. Jedes¬ mal zum Beispiel, wenn ich jetzt etwas von einem Wild¬ schwein lese, muß ich an jenen Kollegen denken, der — sogar ,in einer Ärztezeitung — über das Verhalten der Menschen im Wohlfahrtsstaat schrieb und dessen Schlu߬ folgerungen sich wegen ihres Niveaus jeder wissenschaft¬ lichen Kritik entziehen. Gerade jetzt wäre es an der Zeit, das Problem der Frühinvalidität und das Rentenproblem überhaupt objektiv zu prüfen. Hiefür ist genügend Material vorhanden, und zwar nicht bloß an willkürlich herausgegriffenen statistischen Zahlen, mit denen man alles Mögliche beweisen kann, sondern eine umfassende Übersicht, die der allgemeinen Bevölkerungsstatistik, den Unterlagen der Wiener und der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse über mehrere Jahre, mit ihren rund 890.000 Versicherten, der Statistik der Pensionsversiche¬ rungsanstalten mit zusammen 1,760.000 Rentnern und einer Sondererhebung über 24.000 Todesfälle aus einer Zahl von 909.000 durch drei aufeinanderfolgende Jahre im Bereich der Wiener Gebietskrankenkasse versicherten Personen entstammt. Hiezu kommt das Ergebnis der Aus¬ wertung von 33.000 ärztlichen Untersuchungen der Be¬ triebsfürsorge. Um es nochmals kurz zusammenzufassen: Wenn die Frührentner überwiegend noch verhältnis¬ mäßig rüstige, bloß nicht mehr arbeitsbereite Menschen wären, so würde sich ihre Sterblichkeit nur unwesentlich von der der Beschäftigten gleichen Alters oder der Ge¬ samtbevölkerung unterscheiden. Die Mortalität der In- validenrentner ist aber in den jüngsten Altersgruppen dreißigmal, bei den 40- bis 50jährigen zehn- bis fünfzehn¬ mal und dann immer noch vier- bis achtmal höher als die der gleichaltrigen Beschäftigten. Ein Altersrentner bezieht seine Rente im Durchschnitt während 9,9 Jahren und wird also im Mittel 75 Jahre alt; ein Invalidenpensionist hat seine Rente im Durchschnitt nur 6,8 Jahre lang, trotzdem er sie früher bekommt, und erreicht im Mittel ein Alter von 62,4 Jahren. Auch die Frage, warum diese Frühinvaliden oft so frühzeitig sterben, kann nicht mit Dialektik, sondern nur mit Diagnostik gelöst werden. Bereits bei den Betriebs¬ untersuchungen läßt sich feststellen, daß mehr als ein Drittel der Beschäftigten — und in den höheren Alters¬ gruppen noch bedeutend mehr — an irgendwelchen chronischen Leiden laborieren, wie Herz- und Gefä߬ erkrankungen, chronische Bronchitis mit Lungenblähung, Magen- und Darmerkrankungen, Rheumatismus usw. Entwickeln sich diese Leiden frühzeitig oder schreiten sie rasch fort, so führen sie auch zu vorzeitiger Invalidität, und diese Invaliditätsursachen werden auch oft — mit Ausnahme des Rheumatismus und einiger Erkrankungen der Sinnesorgane — zur Ursache des frühzeitigen Todes. Ich habe im Laufe meiner nun schon ziemlich langen Praxis und auch bei den 25.000 Patienten, die in den letzten 10 Jahren durch meine Spitalsabteilung durch¬ gegangen sind, wohl manchmal einen Beamten gesehen, der den Pensionierungstod starb: etwa den Mann, der, unterstützt durch eine Schar ehrfürchtiger Untergebener, in seinem Amt, nächst Gott, der unbestrittene Herr war, der aber zu Hause nichts zu reden und in allem sich zu fügen hatte, oder — noch schlimmer — ohne ein richtiges Zuhause, nach seiner Versetzung in den Ruhestand, völliger Nichtbeachtung verfiel, öfter noch habe ich gesehen, daß nach dem Tod eines Ehepartners der andere bald nach¬ gefolgt ist, besonders wenn sonst keine familiäre Bindung mehr bestand. Ich bin auch gewiß der letzte, der leugnen würde, daß in schweren Krankheiten der Lebenswille und das Bewußtsein, noch für irgend jemanden da sein zu müssen, oft Erstaunliches zu leisten vermag. Aber den Arbeiter wird man mir erst zeigen müssen, der deshalb früher gestorben ist, weil er infolge vorzeitiger Pensio¬ nierung die gleichen tausend oder zehntausend ein¬ tönigen Handgriffe nicht mehr machen durfte, die jahr¬ zehntelang zu seinem Tagespensum gehörten. Man sollte sich also vor der Verallgemeinerung inter¬ essanter Einzelbeobachtungen und vor allem vor Mode¬ schlagworten hüten. Wenn heute über die Häufigkeit des Rentenbegehrens und der Rentenneurose so unterschied¬ liche Meinungen vertreten werden, so liegt dies offen¬ kundig daran, daß vielen Begutachtungsstellen und auch ganz hervorragenden Fachleuten oft nur eine Auswahl bestimmter Fälle vor Augen steht. Es wird niemanden wundern, daß die Leute mit den zweifelhaften Ansprüchen, 21

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