Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Einen wesentlichen Beitrag zur Ver¬
breitung des guten Buches leisten die
Leihbibliotheken. Neue Möglichkeiten,
auch weniger dicht besiedelte Gebiete
bibliothekarisch zu betreuen, bietet die
fahrbare Leihbücherei, ob sie nun mit
95 Pferdestärken gezogen wird wie der
modernst ausgestattete Bücherbus der
Wiener Städtischen Büchereien oder mit
2 Ponystärken wie der UNESCO-
Biicherkarren, der in Thailand durch
die Dörfer zieht
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innenpolitische Fragen und innermenschliche Bezüge in
ihrem vollen Gehalt darzustellen. Manchmal erhält man
den Eindruck, daß etliche unserer Politiker, in allen
Parteien, mit dieser Barbarisierung nicht unzufrieden
sind — erlaube sie doch, so meint man, mit einigen hand¬
festen Parolen die Massen im Wahlkampf zu mobilisie¬
ren, sie an die Leine zu bekommen. Eine solche Sprach¬
politik, eine solche Politik kurzer Hand hat sich heute
bereits selbst ad absurdum geführt: Unsere Sprache ist so
dürftig geworden, unsere politische Phantasie und Einbil¬
dungskraft sind so verkümmert, daß nur hartgesottene
Manager, die von der industriellen Reklamewirtschaft
herkommen, gerade noch einige alt-neue Schlagworte für
einen Wahlkampf erfinden, das heißt: vom Gegner und
von anderen Verbänden übernehmen können. Für ein
reicheres und reiferes Leben, für ein gesellschaftliches,
politisches und innermenschliches Leben, das gegenwarts-
erfüllt 'und zukunftsoffen ist, reicht unsere Sprache ein¬
fach nicht mehr aus. Diese Sprache, die über keinen
Sprachschatz mehr verfügt, vermag nur primitivste Be¬
dürfnisse auszudrücken und zu befriedigen, einige Lust-
und Unlustgefühle, handfesten Haß und triebhaftes Be¬
gehren. Diese Sprache kann uns in einen Abgrund trei¬
ben. Dieser Sprache hat sich meisterhaft Adolf Hitler be¬
dient.
Die konkrete Frage für alle, die mit Buch und Buch¬
produktion hierzulande und darüber hinaus befaßt sind,
lautet also: Wie schaffen wir dem Buch jene Rolle in der
Geistes- und Meinungsbildung, die unbedingt nötig ist,
damit der Sprachschatz zunimmt? Ohne Deckung in die¬
ser Währung vermag sich auf die Dauer keine Gold¬
deckung, keine Devisendeckung der Nationalbank zu hal¬
ten. Die Wirtschaft und die politische Ökonomie sind im
letzten abhängig von dieser inneren und innersten Wirt¬
schaft. Ein Volk, das sich so wenig vorstellen, ein-bilden,
sagen und sagen lassen kann — einfach, da ihm die
Worte, die Bilder, die Gefühle, die Gedanken fehlen —,
besitzt keine gute Zukunft und vegetiert in einer schlech¬
ten Gegenwart dahin.
Was tun!
Was tun? Diese Frage Tschernyschewskis von 1863 und
Lenins von 1902 stellt sich in eigenem Sinne dem Öster¬
reicher, dem Demokraten, dem Freund einer freiheitlichen
Gesellschaft von 1962. Was tun? heißt hier zunächst: Wie
kann der Kampf um ein Wachsen von Freiheit, von innerer
Freiheit, von innerem Raum geführt werden? Wie kommt
wieder das Buch ins Volk? Wie kommt das Buch in die
neue Zeit, nämlich in die neue Freizeit, in diese Zeit, die
es nie zuvor für die Massen gegeben hat? Wenn sich
nämlich, wie jetzt nicht selten, in dieser neuen Zeit, in
dieser beginnenden Neuzeit, nämlich in der neuen Frei¬
zeit, die Menschen nur noch mehr verarbeiten, verbrau¬
chen, sich auch in Reisen und Vergnügungen so sehr aus¬
geben und abnutzen, daß für innere Substanzbildung keine
Zeit, keine Kraft, keine Lust mehr vorhanden ist, dann
nimmt die innere Unfreiheit noch mehr zu.
Vor mehr als hundert Jahren hat Karl Marx als
Schüler Hegels und durch diesen und durch die deutsche
idealistische Philosophie im letzten als ein Schüler Augu-
stins seinen Kampf gegen die Selbstentfremdung des
Menschen begonnen. Die Selbstentfremdung des Menschen
hat heute neue, unbekannte, oft verdeckte Formen an¬
genommen. Eine ihrer sichtbarsten Formen besteht darin,
daß Menschen, die keinen Sprachschatz mehr besitzen, in
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