Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

eine innere Enge und Dürftigkeit, in eine Armut der Ge¬
fühle und Gedanken geraten, die lebensgefährlich ist.
Franz Kafka hat 1916 festgestellt, angesichts des Ersten
Weltkrieges: „Dieser Krieg ist aus einem entsetzlichen
Mangel an Phantasie entstanden."
Wir gelangen in ein zunächst dumpfes, düsteres, dann
unruhiges und unlustiges Klima, in dem Langeweile, Ver¬
druß, Ärger und Genußsucht, Neid und Angst herrschen,
da die neuen Massen und die neuen herrschenden Kasten
— die sich überall auf der Welt bilden — keine innere
Weiträumigkeit, keine innere Großzügigkeit, kein weites
inneres Land besitzen. Das alles kann nur eine Buchbil¬
dung vermitteln, eine Buchbildung neuer Art — die denn
auch mit neuen Mitteln gefördert und entwickelt wer¬
den müßte. War es einst der Kampf um Schulen, um
Schulgründungen, um Schulen neuen Typs, in dem Mönche
und Kleriker, Adelige und dann Bürger sich ihre Menschen
erzogen und geprägt haben, dann sollte heute von Tag zu
Tag mehr der Kampf um das Buch, um das Buch als un¬
ersetzbares Mittel der Volkserziehung, der Volksbildung,
der Selbsterziehung als der Grundlage einer modernen
Demokratie in den Vordergrund gestellt werden.
Die wichtige Rolle der Belletristik
Dieser Kampf ist vordringlich an zwei Fronten zu füh¬
ren: an der Front des „Unterhaltungsbuches" und an der
Front des historisch-politischen Buches. Wobei dem
Unterhaltungsroman eine erstrangige Bedeutung zu¬
kommt. Wenn es nämlich nicht gelingt, gerade durch ihn
mehr Interesse für den Menschen zu erwecken, dann
bleibt alles politische Interesse, bleibt alle politisierende
Neugierde problematisch, ja fragwürdig.
Der gute Unterhaltungsroman, der erstklassige große
Roman der Weltliteratur hat die einzigartige Aufgabe und
Funktion (und er besitzt das Vermögen, diese Aufgabe
und Funktion zu erfüllen), in faszinierender, anziehender
Weise den Menschen mit dem Menschen bekannt zu
machen, mit der Heimlichkeit und Unheimlichkeit des
Menschen, mit den Landschaften im Menschen. Die Größe
und die wahre Liebenswürdigkeit des Menschen als eines
Wesens, das wert ist, geliebt zu werden, werden hier sicht¬
bar: in der packenden Schilderung, ja Darstellung alles
dessen, wessen der Mensch fähig ist. Der Mensch, der
grausamer als alle erdenkbaren Teufel und alle wilden
Tiere sein kann. Der Mensch, der dümmer, verdummter
als mental zurückgebliebene Kreaturen sein kann, im
Vollbesitz scheinbar seiner geistigen Kräfte, wenn ihn
Haß und Leidenschaften eintrüben. Der Mensch, der als
starker Mann schwächer sein kann als ein Kind, wenn er
In Bibliotheken fühlt man sich
wie in Gegenwart eines großen Kapitals,
das geräuschlos
unberechenbare Zinsen spendet.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
sich in Wahnbildern verirrt. Die Größe, die Würde des
Menschen läßt sich glaubwürdig nur darstellen in Bildern,
in leuchtenden Farben von all dem, was im und was um
den Menschen ist. Der große europäische Roman der Welt¬
literatur kann eine Initiation vermitteln, eine Einführung
in das Alter der Reife, der Überwindung der Pubertät, der
geistigen und seelischen Pubertät nicht zuletzt, wie sie
einst Jahrtausende hindurch in den alten Gesellschaften
die Riten und Bräuche der Initiation, der Weihe des Jüng¬
lings und der Jungfrau, vermittelt haben.
Worum es da geht, kann durch ein einfaches Beispiel
sich jedermann klarmachen. Jeden Sommer liegen auf
dem Österreich nächstliegenden Meeresstrand, an der Adria
zwischen Lignano und Caorle und Cattolica, einige Millio¬
nen Volksgenossen und Parteigenossen dicht nebeneinan¬
der. Wobei die älteren Unterschiede zwischen Volks¬
genossen und Parteigenossen, die das Witzwort des Drit¬
ten Reiches andeutete („Der PG fährt ans Mittelmeer, der
VG gibt die Mittel her"), weitgehend verwischt sind. Hier
werden sie alle braun, sonnenbraun, diese Söhne und
Töchter von Vätern und Müttern, die im Bürgerkrieg, im
kalten und heißen Bürgerkrieg in Mitteleuropa, heran¬
wuchsen, in ihm lebten.
Wer sich nun das „Vergnügen" macht, Schritt für
Schritt, auf diesem Strand einige hundert Meter, dann
einige Kilometer zu gehen und an einem schönen Sonnen¬
tag da die Menschen zu besehen, zunächst was sie tun,
was sie lesen, der kann einen unvergeßlichen Anschau¬
ungsunterricht erhalten. Ganz wenige, wirklich verschwin¬
dend wenige von Tausenden, von Hunderttausenden, lesen
da ein Buch. Gelesen werden Zeitungen, Illustrierte, Gro¬
schenromane, eventuell noch Taschenbücher, da aber meist
„Krimis", Kriminalromane, oder Unterhaltungsromane der
untersten Niveaustufe.
Es bedarf keiner großen Phantasie, keiner besonderen
Einbildungskraft, sich die Beziehungen vorzustellen, die
diese Millionen Menschen, diese Millionen Paare, diese
Millionen Geschlechtswesen miteinander unterhalten.
Diese mitmenschlichen Beziehungen bewegen sich auf
derselben Ebene wie ihre Unterhaltungen im Wort, sie
beschränken sich auf einige wenige Akte, Aktionen und
Reaktionen, Bewegungen und Nichtbewegungen. Das große
Potential „Mensch" wird hier nicht erweckt, nicht erzogen,
nicht gereift. Glaubt man nun, daß diese Menschen für
eine größere Freiheit kämpfen werden? Nicht in Krieg
und Bürgerkrieg, sondern im Ringen des täglichen Lebens
um ein freieres, leuchtenderes, schöneres, größeres, faszi¬
nierenderes Leben? Um ein Leben, das in seinem Glanz,
seiner Schönheit, seinem inneren und äußeren Reichtum
sich den Millionen, den Massen um uns, die nicht unserer
politischen und wirtschaftlichen Zivilisation angehören,
als anziehend, als nachahmenswert vorstellt? Ist das hier
der ganze höhere Lebensstandard des Westens und unserer
österreichischen Konsumkultur?
Große, sehr große Aufgaben warten also auf den Freund
des guten Buches, auf den Freund des Menschen, auf den
Freund seiner Freiheit. Die Pflege, die Propaganda, die
Verbreitung, die Förderung des guten Unterhaltungs¬
romans, des Liebesromans, der indirekt, in tausend Nuan¬
cen und Farben das Gefühlsleben erzieht, sollte grund¬
legend neu durchdacht und mit bedeutenderen Mitteln als
jetzt unternommen werden.
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