Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Zur Diskussion
Gegen das Tannenbaumgeschäft!
Der Beitrag des Kollegen HKP zum
Weihnachtsfes' in der Dezemberausgabe
des „Jugendfunktionärs" ist — ich wähle
bewußt eine friedvolle Umschrei¬
bung — einigermaßen unglücklich aus¬
gefallen. Sein darin enthaltener Pro¬
test gegen die Kommerzialisierung die¬
ses Festes wird zwar gerade bei Men¬
schen mit einer klaren religiösen Über¬
zeugung besondere Zustimmung gefun¬
den haben. Der folgende, größere Teil
des Artikels enttäuschte jedoch zutiefst,
da er nur als eine verbrämte antichrist¬
liche Demonstration verstanden werden
kann. Diese Interpretation wird zwar
manchen Kollegen übertrieben erschei¬
nen, aber sie drängt sich unwillkürlich
auf. Der ganze oberflächliche Exkurs
über die Geschichte des Weihnachts¬
festes, in dem nebenbei Arius gekonnt
vulgärmarxistisch zum Klassenkämpfer
befördert und dem „bürgerlichen" Ge¬
schichtsunterricht eine Zensur erteilt
wird, soll doch offensichtlich junge Men¬
schen beeindrucken und sie zum Schluß
verleiten, Weihnachten sei nicht mehr
als eine Mixtur aus babylonischen, alt¬
römischen, germanischen und sonstigen
heidnischen Vorstellungen und habe
schließlich von der „feudalen" Kirche
den heutigen christlichen Überguß er¬
halten. In diesem Sinn wurde der Ar¬
tikel auch von der, den Gewerkschaften
gegenüber äußerst aufgeschlossenen,
„Furche" verstanden, daher ihre schar¬
fe Glosse in der Ausgabe vom 5. Jänner
dieses Jahres.
Es steht nun sicherlich auch heute je¬
dermann frei, gerade im Dezember ir¬
gend etwas oder auch nichts anstelle von
Christus zu feiern. Wir verlangen auch
keine religiösen Kundgebungen der Ge¬
werkschaftsjugend zur Weihnachtszeit,
aber wir, wehren uns gegen Versuche,
gerade jungen Menschen den Zugang zu
Christus und zur Weihnachtsbotschaft
noch mehr zu erschweren als es Kom¬
merz, Sex und Sekt ohnehin schon tun.
Es ist ohne Zweifel verdienstvoll,
junge Menschen durch Dichterworte und
Musik aus dem Alltag und der Routine
herauszuführen, dies nicht nur im De¬
zember, sondern auch sonst während des
übrigen Jahres.
In diesem Zusammenhang sind nun
die Gedichttips, die dem Artikel bei¬
gefügt sind, auch für den nur wenig Be¬
lesenen erstaunlich. Ist Kollege HKP
nach Tucholsky und Kästner noch nie
auf einen echt christlichen Dichter ge¬
stoßen, keinen „konfessionell Übereifri¬
gen", sondern etwa Claudel, Peguy,
Reinhold Schneider oder die vielen an¬
deren? Diese Einseitigkeit in den Tips
zur Gestaltung von „Weihnachtsfeiern"
ist illustrativ und enttäuschend.
Jedenfalls werden die unter anderem
auch angegriffenen „üblen Geschäfte¬
macher" kaum etwas gegen den Protest
des Kollegen HKP einzuwenden haben.
Sie machen ihr Geschäft, so oder so.
Aber die „konfessionell Übereifrigen",
als einer von denen ich mich durch
diese Zuschrift brandmarke, meinen, Ar¬
tikel zu einem religiösen Thema, i.i die¬
ser Art geschrieben, seien nicht not¬
wendig, auf jeden Fall nicht den Be¬
strebungen einer ideologisch neutralen
Gewerkschaftsbewegung förderlich.
Romuald Riedl
Prügelknabe Masse
Vor großen Aufgaben
Es gibt keine Masse und auch keinen
Durchschnittsmenschen im Sinne Ortega
y Gassets. Das ist die Meinung von Ma¬
rie Rapp (Arbeit und Wirtschaft 1/1963).
Aber man kann da sehr wohl auch
anderer Meinung sein. Ortega bezeich¬
net als Masse die „Gesamtheit der nicht
besonders Qualifizierten", ist aber so
unvorsichtig, auch von einem „Durch¬
schnittsmenschen" zu sprechen. Diese
Charakterisierung des Massenmenschen
verleitet nämlich Frau Rapp, sich auf
Abwege zu begeben: sie versucht Ortega
zu widerlegen, indem sie seinen Durch¬
schnittsmenschen statistisch inter¬
pretiert. Hätte sie dem „Durchschnitt"
die Bedeutung gegeben, die Ortega of¬
fensichtlich im Sinne hatte, als er sei¬
nen „Aufstand der Massen" schrieb, so
wäre ihr das gewiß nicht passiert.
„Durchschnittlich" bedeutet nämlich
auch „gewöhnlich" oder „ohne beson¬
dere Eigenschaften".
Der „durchschnittliche Mensch" könne
nicht denken, meint Ortega (Der Auf¬
stand ..., Rowohlt-Ausgabe, S. 53), und
er maße sich eine Meinung über Dinge
an, von denen er keine Ahnung habe.
Er wolle überall mitreden und mit¬
entscheiden, ohne sich dafür gründlich
vorbereitet zu haben (S. 49). „Den Wust
von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedan¬
kenfetzen oder schlechtweg leeren Wor¬
ten, den der Zufall in ihm angehäuft
hat, spricht er ein für allemal heilig ..."
(S. 50)
Wer könnte ernsthaft leugnen, daß
all diese Vorwürfe gegen viele, viele
Menschen völlig zu Recht erhoben wer¬
den können, gegen jene „große Mehr¬
zahl der Menschen", die sogar Frau
Rapp die „Masse" nennt.
Aber Ortega erhebt diese Vorwürfe
nicht nur gegen den „gemeinen Mann",
sondern — ganz konsequent — auch ge¬
gen diejenigen Wissenschaftler, die sich
über ihr Spezialgebiet hinauswagen und
dabei ihre Meinungen nicht durch eine
gehörige Portion Wissen untermauern
können (S. 82/3). „Wer sich angesichts
eines Problems mit den Gedanken zu¬
frieden gibt, die er ohne weiters in sei-
sem Kopfe vorfindet, gehört intellek¬
tuell zur Masse." (S. 44)
Frau Rapp meint, man könne mit der
„Masse" in der Soziologie nichts anfan¬
gen. Ich bin da anderer Meinung. Denn
die Eigenschaften des Massenmenschen
wirken auch in Gesellschaft und Politik,
so daß sich die Soziologie sehr wohl mit
den Eigenschaften und mit dem Ver¬
halten des Massenmenschen zu befassen
hat, etwa mit dem Dreinredenwollen,
ohne von gewissen Dingen was zu ver¬
stehen, ja sogar ohne den Willen, sich
das nötige Wissen anzueignen.
Über die Folgen der Massenmeinung
für die Politik der Westmächte nach
dem ersten Weltkrieg schreibt Walter
Lippmann, der bekannte Soziologe und
Leitartikler großer amerikanischer Zei¬
tungen: „Die unerfreuliche Wahrheit
ist, daß die herrschende öffentliche
Meinung falsch war, gerade in kriti¬
schen Zeiten. Die Leute haben ihr Veto
eingelegt gegen das Urteil der infor¬
mierten und verantwortlichen Personen
in der Regierung." (W. Lippmann. „The
Public Philosophy", published by The
New American Library, 3. Auflage,
S 23/4.) Und Lippmann zeigt auch, wie
verhängnisvoll sich dieses Veto auf die
Politik der Westmächte ausgewirkt hat.
Die Abhängigkeit der Führer von den
Geführten, die Frau Rapp in ihrem Ar¬
tikel besonders hervorhebt, hier war sie
wirksam. Rache triumphierte über Ver¬
nunft — und die Saat für den zweiten
Weltkrieg war damit gesät.
Ich gebe zu, daß ich hier und in
manch anderen Fällen den Einfluß der
Masse (im Sinne Ortegas) für verderb¬
lich halte. Das hat nichts zu tun mit
einer Überschätzung der Experten oder
der Eliten oder wie immer man die
Sachverständigen bezeichnen mag. Und
es hat auch nichts zu tun mit
„aristokratischen Ordnungsvorstellun¬
gen" (Rapp).
Denn ich erkenne nur die sachliche
Berechtigung der Kritik Ortegas am
„Durchschnittsmenschen" an — ich halte
es für schlecht, wenn jemand auch in
Dinge dreinreden will, von denen er
nichts versteht, und halte es für ver-
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