Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Armes England?
Mitleid spricht aus jeder Linie der nebenstehenden Zeich¬
nung: Da faßt der brutale de Gaulle-Noah den armen Mac-
millan-Löwen am Genick und befördert ihn gefühllos in
die Wüste der Einsamkeit, während die stolze Arche der
EWG — beladen mit glücklicheren Tieren — offenbar so¬
gleich nach sicheren, fruchtbaren Gestaden auslaufen
wird. Unser Zeichner gibt damit die Empfindungen zahl¬
reicher Europäer wieder, die sich — mit vollem Recht —
England gegenüber aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges
und danach ein Gefühl der Dankbarkeit bewahrt haben.
Besonders kränkend für England und Amerika, das
Macmillans Bemühungen nach Kräften unterstützt hat,
scheint ihnen dabei, daß ein Mann den Hinausschmeißer
spielt, der die politische Existenz seines Landes und damit
seine heutige Stellung eben diesen beiden Mächten
schuldet. Sie waren es, die im Verein mit Rußland Hitler¬
deutschland besiegten, als Frankreich selbst schon längst
ohnmächtig auf dem Boden lag.
Die Welle des Mitleids für England und der Empörung
über de Gaulle hat gleichermaßen einfache und prominente
Sozialisten, Liberale und Konservative erfaßt. Nur der
hartherzige Adenauer bleibt äußerlich gelassen, freut sich
vielleicht innerlich über den Streich seines Freundes und
schließt schnell ein Sonderbündnis mit ihm.
Doch auch wir stimmen trotz unserer freundlichen und
dankbaren Gefühle für England nicht in den Klage- und
Verdammungschor mit ein, obwohl wir keineswegs
de Gaulle edle, große Gedanken für seine Handlungsweise
unterschieben wollen, wie dies vereinzelt konservative
Zeitungen tun. Wir glauben, daß er aus engstirniger, rück¬
wärtsgewandter Großmannssucht handelt; daß er ebenso
bedenkenlos den Rest des Ansehens einer demokratisch¬
konservativen Regierung des klassischen Verbündeten
seiner Heimat ruiniert, wie er mit dem faschistischen
Regime Spaniens paktiert, dem er die Aufnahme in die
EWG verspricht — wenn es den geforderten Preis zahlt
und seine Verträge mit Amerika löst! Seine Skrupellosig-
keit in der EWG-Frage ist ebenso groß wie in der Frage
der Rüstung, wo er um der gleichen Großmannssucht
willen Milliarden verpulvert, nur um Frankreich mit
Atombomben und Flugzeugen auszurüsten, die schon auf
dem Zeichentisch überholt sind und deren ganzer welt¬
politischer Effekt in einer außerordentlichen Erschwerung
der Abrüstungsverhandlungen besteht.
Mit dieser Auffassung haben wir de Gaulle gewiß nicht
allzusehr geschmeichelt, aber es scheint uns, daß er mit
dem Hinauswurf Macmillans aus dem Sitzungszimmer
der EWG England selbst eher genützt als geschadet hat.
Wir erinnern unsere Leser an den Artikel unseres Lon¬
doner Mitarbeiters „Manöver im Nebel" in der Oktober-
Kummer unserer Zeitschrift. Dort war vom wachsenden
Widerstand der englischen Öffentlichkeit gegen den Ein¬
tritt in die EWG berichtet worden. Seither haben sich die
Fronten geklärt, der Nebel ist zerstreut: Macmillan und
seine Freunde haben ihr Schicksal auf Gedeih und Ver¬
derb mit dem Eintritt in die EWG verbunden. Sie waren
bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen, um durch ein Er¬
eignis von „historischer Größe" vom doppelten Schiff¬
bruch der konservativen Wirtschafts- und Rüstungspolitik
abzulenken: Im Zeitalter der kontinentaleuropäischen
Wirtschaftswunder stagnieren große Teile der englischen
Industrie, kennen weite Gebiete des Landes wieder eine
beträchtliche Arbeitslosigkeit. Im Zeitalter der Inter¬
kontinentalraketen besitzt England — obwohl Gründungs¬
mitglied des Atomklubs — trotz Milliardenausgaben keine
eigene taugliche nukleare Abwehrwaffe. Soviel Mißerfolg
machte Macmillan sturmreif: er war willens, die Liquidie¬
rung des Commonwealth und eine fühlbare Senkung
des Lebensstandards der englischen Arbeiterklasse —
wenn man so sagen kann — auf sich zu nehmen, sollte
ihm dafür von der Geschichte das große Verdienstzeichen
an die Brust geheftet werden, England heim nach Europa
geführt zu haben. Diese Heimführung ist von de Gaulle
verhindert worden und damit ist Macmillan bankrott,
aber keineswegs England!
Die englische Arbeiterpartei, die mit einiger Wahr¬
scheinlichkeit die nächste Regierung stellen wird, hat sich
noch unter Gaitskell mit großer Mehrheit — zumindest
indirekt — unter den gebotenen Bedingungen gegen den
Beitritt zur EWG ausgesprochen, und die englischen Ge¬
werkschaften nicht minder. Es gibt gute Gründe für die
Annahme, daß diese Auffassung unter der neuen Führung
Harold Wilsons noch mehr Allgemeingut der englischen
Arbeiterbewegung werden wird. Darüber hinaus hat nun
de Gaulle außerordentlich viel dazu beigetragen, diese
Anti-EWG-Haltung populär zu machen: viele in ihrem
Nationalstolz und in ihren traditionellen Freundschafts¬
gefühlen für Frankreich verletzte Engländer, die sonst
für die Ai-beiterpartei wenig übrig haben, werden ihr
jetzt in dieser Frage recht geben und vielleicht sogar für
sie stimmen.
Niemand kann heute schon sagen, wie sich in weiterer
Zukunft die Beziehungen Englands zur EWG schließlich
gestalten werden, aber eines ist gewiß: Eine künftige
Arbeiterregierung kann, völlig unbelastet von Macmillans
verlorenem Glücksspiel, den ganzen Fragenkomplex
neuerlich prüfen und in Freiheit die Entscheidung fällen,
die ihr im Interesse Englands und seiner Arbeiterklasse
richtig erscheint. Ohne de Gaulles grobes Nein wäre
Macmillans Plan wahrscheinlich geglückt. Zumindest für
einige Zeit — vielleicht bis zu den nächsten Parlaments¬
wahlen — hätte der Strahlenglanz des Europahelden das
morsche Regierungsgebäude der Konservativen vergoldet.
Den einmal vollzogenen Beitritt rückgängig zu machen —
wie es Gaitskell noch vor seinem Tode angedroht
hat —, wäre auch einer Arbeiterregierung sehr schwer
gefallen. Sie hätte wohl oder übel die Suppe auslöffeln
müssen, die ihr Macmillan einbrocken wollte. Sollen wir
de Gaulle besonders böse dafür sein, daß er der englischen
Arbeiterbewegung dieses Dilemma erspart hat? Armes
England? Nein, armer Macmillan! R.N.
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