Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Zur Diskussion
derblich, wenn er mitentscheiden darf
—, folgere aber daraus etwas anderes
als jene der Arbeiterbewegung fern¬
stehenden Ideologen, die von Frau Rapp
zitiert werden.
Ich sehe die gewaltige Aufgabe, die
wir noch zu lösen haben bei der Er¬
ziehung der Menschen: Wir müssen sie
auch denken' lehren. Geben wir zu, daß
wir auf diesem Gebiete derzeit nicht sehr
erfolgreich sind. Vielleicht kommen wir
auf neuen Wegen eher zum Ziel.*
Viktor Luwy
• Hier von „selbständigem" Denken zu
reden, ist überflussig; denn das unselbstän¬
dige Denken Ist Ja nichts anderes als ein
Nachplappern dessen, was andere schon vor¬
gedacht haben
' Wie wenig die Leute Jetzt denken, und
auf welche Weise das mit der Verkümme¬
rung ihres „Wortschatzes" zusammenhängt,
das hat Friedrich Heer in seinem inter¬
essanten Vortrag über „Die Holle des Buches
in der Geistes- und Meinungsbildung" auf¬
gezeigt, (Siehe Seite 23 ff. dieses Heftes.)
„Prügelknabe Masse"
Mit seinem Vorwurf, ich hätte Orte¬
gas „Durchschnittsmenschen" aus einem
Mißverständnis heraus statistisch inter¬
pretiert, trifft Viktor Luwy nicht den
Nagel auf den Kopf. Im Gegenteil, ich
habe sehr bewußt die mathematische
Bedeutung des Begriffs gebraucht, um
mit ihrer Hilfe zu zeigen, daß die Glei¬
chung: Massenmensch = Durchschnitts¬
mensch = gewöhnlicher Mensch tautolo-
gisch ist.
Könnte die Masse der Menschen wirk¬
lich schöpferisch denken — und nicht
weniger als das verlangt Ortega —, was
bliebe dann für die genialen Köpfe zu
tun? Trotzki hat einmal im Über¬
schwang des revolutionären Enthusias¬
mus gemeint, daß in der kommunisti¬
schen Gesellschaft das Niveau des
Durchschnittsmenschen auf die Höhe
eines Goethe oder Marx gehoben wer¬
den könnte. Tun wir unser Bestes an
Erziehung, um diesen Zustand zu er¬
reichen, aber rechnen wir lieber nicht
darauf.
Gänzlich anders als Luwy möchte ich
auch Ortegas Diktum beurteilen, daß
das, was in den Köpfen der „Durch¬
schnittsmenschen" steckt, ein vom Zu¬
fall angehäufter „Wust" ist. Vielmehr
glaube ich, daß sich in den Köpfen al¬
ler Menschen die historische und gesell¬
schaftliche Erfahrung umsetzt, bloß in
manchen klarer als in anderen. Wäre
dies nicht der Fall, dann wäre die De¬
mokratie tatsächlich eine Absurdität. So
aber folgt das Recht zum Mitreden aus
dem Miterfahren und Miterleiden des
historischen Prozesses — vorausgesetzt,
daß wir den Grundsatz gelten lassen,
daß jeder Mensch ein Zweck in sich
selbst ist und nicht ein Mittel zu den
Zwecken anderer. M Rapp
Gewerkschaftliche Rundschau
Der Griff nach der Pille
„Nach den neuesten Statistiken
der österreichischen Sozialversicherung
haben die Krankenkassen im Jahre 1951
für Medikamente 192 Millionen Schil¬
ling aufgewendet; im Jahr 1961 be¬
trugen die für denselben Zweck auf¬
gewendeten Ausgaben bereits 686 Mil¬
lionen Schilling. Sie sind somit auf
mehr als das Dreieinhalbfache, nämlich
genau um 257 Prozent, gestiegen." —
„Italienische Journalisten stachen kürz¬
lich tief in die Eiterbeule der italie¬
nischen Medikamentenproduktion, und
was da zutage kam und in der Mai¬
länder Zeitschrift ,Quatrosoldi' ver¬
öffentlicht wurde, hat unter der italie¬
nischen Bevölkerung Empörung hervor¬
gerufen. Namhafte Professoren hatten
den Journalisten die Erprobung von
Medikamenten bestätigt, die nur in der
Phantasie dieser Journalisten existier¬
ten." Diese zwei Zeitungsmeldungen aus
letzter Zeit sind scheinbar völlig zusam¬
menhanglos aneinandergereiht. In
Wahrheit jedoch stehen sie in einem
tiefen inneren Zusammenhang: Der
typische Durchschnittsbürger der sech¬
ziger Jahre des zwanzigsten Jahrhun¬
derts will etwas schlucken, sei es nun
eine schmerzstillende, eine beruhigende
oder eine aufpulvernde Tablette. Die
Hauptsache, er schluckt und bekommt
dadurch das Gefühl, etwas „für sich
getan zu haben". Allein schon der Aus¬
druck „Medikamentengenuß" ist ein Be¬
weis dafür, daß sich in unserer Ein¬
stellung gegenüber Arzneien irgendwo
ein grundlegender Fehler eingeschlichen
haben muß. Bei den alten Griechen
dagegen bedeutete das Wort „Pharma¬
kon" noch gleichzeitig Heilmittel und
Gift. Unserem Sprachgefühl ist dieser
ursächliche Zusammenhang leider schon
verlorengegangen, sonst würde sich
wohl niemand im Ernst das Wort Medi¬
kament mit dem Wort Genuß in einem
Atemzug zu nennen trauen, es sei denn,
er ist ein Selbstmörder. Obwohl die
Statistiken sicher nicht alle Fälle von
chronischer Medikamentensucht erfas¬
sen, ist es schon schrecklich genug, er¬
fahren zu müssen: Jeder zehnte Öster¬
reicher glaubt heute ohne die tägliche
Schlaftablette nicht einschlafen zu kön¬
nen. In der Bundesrepublik Deutsch¬
land sind es nach den Angaben der
Statistiker vier Millionen Menschen, die
Abend für Abend nach der Tabletten¬
schachtel greifen, um sich ein Schlaf¬
mittel einzuverleiben. Besonders nach¬
denklich sollte es uns stimmen, wenn
wir hören, daß ein Drittel dieser Leute
Jugendliche sind. Wohin soll das füh¬
ren? Eine bekannte Tatsache ist es ja,
daß Frauen häufiger in die Kategorie
der Pillenschlucker gehören als Männer.
Dies dürfte allerdings weniger eine
Folge höherer oder geringerer Schmerz¬
empfindlichkeit, sondern vielmehr eine
Folge der Uberforderung der berufs¬
tätigen Frau und Mutter sein. Und je
mehr Menschen sich überfordert fühlen
und dies mit Hilfe von Pillen aus¬
zugleichen versuchen, um so mehr Medi¬
kamente kommen auf den Markt. Jeder
praktische Arzt weiß darüber seine
Leidensmelodie zu singen. Denn ähn¬
lich wie in dem eingangs zitierten italie¬
nischen Testfall ist es überall: Es gibt
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