Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Fritz Kolb
Prestigeinvestitionen
in Entwicklungsländern
„In unserer letzten Redaktionssitzung wurde das Problem der
Nationalismen in den Entwicklungsländern als eine der großen
Fragen der ,dritten Welt' erwähnt, und zwar einerseits die Not¬
wendigkeit, eine nationale Identität und damit Selbstbewußt¬
sein zu gewinnen, und andererseits der so oft damit verbun¬
dene Fluch, mehr oder weniger verderbliche Prestigeinvesti¬
tionen (nicht zuletzt in der Rüstung) vorzunehmen und das
Lebensinteresse der Bevölkerung zu vernachlässigen. Sicher
ein Thema, das wert wäre, in ,Arbeit und Wirtschaft' behandelt
zu werden .,
So stand es in dem Brief, mit dem mich die Schriftleitung
einlud, diesen Artikel zu schreiben. Bei der Arbeit erging
es mir wie dem Arzt von heutzutage. Ein Patient klagt
über Kreuzschmerzen. Beim Nachsehen stellt sich heraus,
Der junge afrikanische Staat Ghana hat die Militärdienstpflicht
auch auf Mädchen ausgedehnt.
daß neben einem Rückenwirbelschaden noch drei oder
vier andere Ursachen vorliegen, von der schlecht arbei¬
tenden Niere bis zum hohlen Zahn. Das Übel der ver¬
nachlässigten Lebensinteressen der breiten Massen in
Entwicklungsländern geht nicht nur auf die Prestige¬
investitionen, sondern auch auf andere Ursachen zurück.
Um nicht weitläufig zu werden, bin ich auf diese ande¬
ren Ursachen nicht eingegangen; dafür mußte ich bei der
Analyse des Prestigebedürfnisses der jungen Staaten
etwas weiter ausholen.
Das Thema,, das die Schriftleitung mit wenigen Sätzen
umrissen hat, soll zunächst ausführlicher dargestellt und
zugleich etwas erweitert werden.
Der denkende Mensch in den Industrieländern des
Westens (und vermutlich auch des kommunistischen
Ostens) steht heute den politischen und wirtschaftlichen
Maßnahmen der Regierenden in manchen Entwicklungs¬
ländern mit Besorgnis gegenüber. Es geschieht so viel Be¬
denkliches, daß man kaum noch bedingungslose Bejaher
antrifft.
Für eine bestimmte Gruppe bedenklicher Vorgänge ge¬
nügt es, wenn man sie aufzählt. Es bedarf keiner kriti¬
schen Untersuchung, um sie als Mißbräuche und Ent¬
artungen zu kennzeichnen. Wir sind unter anderem
Zeugen krasser Korruption bei der Verwendung von
Hilfsgeldern, unverantwortlicher Extravaganz führender
Persönlichkeiten, Unterbringung ganzer Dynastien von
Verwandten in einträglichen Stellungen, charakterloser
internationaler Bettelei einerseits, politischer Erpressung
andererseits und schließlich blutiger Machtkämpfe mit
allen Kennzeichen nicht überwundener Barbarei.
Diese Dinge bedürfen, wie gesagt, keiner Untersuchung.
Wir befassen uns hier mit einem der tieferen Probleme
als Quelle der Besorgnisse: mit dem Nationalismus und
den aus ihm so oft entspringenden Prestigeinvestitionen.
WM
„Berechtigter" Nationalismus
Nationalismus erscheint der großen Mehrheit der
Europäer und Nordamerikaner als etwas Natürliches und
Gerechtfertigtes, solange darunter nicht Engstirnigkeit
und das Gelüste verstanden wird, die eigene Nation über
andere herrschen zu sehen. Man ist daher bereit, auch den
Entwicklungsländern nationalen Stolz und nationalen
Ehrgeiz zuzubilligen. Wie anders, so sagt man sich, soll¬
ten sie jenes staatliche Selstbewußtsein entwickeln, ohne
das die neuen Gebilde auf die Dauer nicht bestehen könn¬
ten? Wenn die Einwohner von Ghana sich nicht als
Ghanesen, jene Indiens nicht als Inder fühlen, dann wird
jeder politische Zufall die Gefahr des Staatszerfalls mit
sich bringen. Wenn der westliche Beurteiler also den
Nationalismus nicht grundsätzlich ablehnt, wieweit billigt
er ihn dann und wo fängt er an, die Stirn zu runzeln?
Er gesteht dem neuen Land selbstverständlich seine
Regierung, seine diplomatischen Vertretungen, seine
Nationalhymne, seine Flagge, seine Straßen, seine Eisen¬
bahnen und sein Schulwesen zu. Unbehagen ergreift ihn
aber, wenn eine Flotte auf Kiel gelegt und eine un¬
rentable Luftfahrtgesellschaft gegründet wird; wenn man
Stahlwerke baut, wo es weder Eisenerz noch Kohle gibt.
Und selbstverständlich auch dann, wenn prunkvolle Re¬
gierungsgebäude in einem Land aufgeführt werden, das
noch zu einem großen Teil vom Borg und von Geschen¬
ken lebt.
2
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.