Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Afrikas sind zum größten Teil freigewordene Kolonien;
die Grenzen wurden beibehalten — und diese waren be¬
kanntlich so willkürlich, wie man sie sich nur denken
konnte. In Asien ist das nicht viel anders: Großreiche
wie Indien, Pakistan und Indonesien beherbergen jedes
mehrere Sprachgruppen, die man als eigene Nation an¬
sprechen könnte.
„Ansprechen könnte" ist ein absichtlich gewählter
Ausdruck. Es besteht nämlich ein großer Unterschied
zwischen einer auf gemeinsamer Sprache aufgebauten
Nation in Europa und einer solchen in Afrika oder Asien.
Die gemeinsame Sprache bedeutet in den Entwicklungs¬
ländern viel weniger als bei uns. Die Gedankenwelt und
das Fühlen der Menschen in Afrika und Asien sind zum
Beispiel viel stärker durch die Religion bestimmt als in
Europa. Fühlt der moslemische Bengale sich wirklich eins
mit einem hinduistischen Sprachgenossen? Vieles deutet
in eine andere Richtung. Und ist nicht in weiten Gebieten
Afrikas der Begriff des Stammes viel bedeutsamer als der
der Nation?
Streben nach staatlicher Festigung
Wir müssen uns hüten, unsere aus europäischen Ver¬
hältnissen entstandenen Begriffe einfach auf die Entwick¬
lungsländer zu übertragen. Was wir derzeit bei den Ent¬
wicklungsländern an Bekundungen staatlichen Willens
beobachten, ist nicht Nationalismus, sondern einfach das
Streben der Regierungen nach Festigung des Staats¬
gebildes, manchmal in vertretbaren Grenzen, manchmal
weit übers Ziel schießend; meistens aber ohne daß eine
Nation überhaupt existiert.
Nun ein zweites warnendes Wort: Wir sind geneigt, zu
glauben, daß sich die sogenannte „dritte Welt", die Welt
der Entwicklungsländer, im ganzen so entwickeln wird,
wie sich Europa und Nordamerika entwickelt haben, daß
sie eines Tages ebenbürtig dastehen werden, als indu¬
strialisierte, demokratisch organisierte Staatswesen, wo¬
möglich zu wirtschaftlichen Großräumen zusammen¬
geschlossen. Für diese weitausgreifenden Voraussagen
fehlen jedoch echte Grundlagen. Unser Denken ist noch
immer von den Geschichtsphilosophien des 19. Jahrhun¬
derts beherrscht — jener Zeit, in der man an große, ein¬
fache Entwicklungen glaubte, die „unaufhaltsam"
waren... Da mußte der nationale Zusammenschluß
kommen, da mußte der Kapitalismus zusammenbrechen,
da mußte das Abendland untergehen und so weiter.
Man nahm als sicher an, daß der Kommunismus zuerst
im höchstindustrialisierten Westeuropa kommen müßte,
er kam aber im Bauernland Rußland; man sagte die
Weltrevolution voraus, welche ausblieb; aber nicht den
Faschismus, der die Welt erschütterte; man glaubte an
Verelendung und immer schärfere Klassengegensätze,
während man die heutigen Verhältnisse, bessere Lebens¬
haltung aller, Mischung von Gemeinwirtschaft und Pri¬
vatwirtschaft, Mischung von Marktmechanismus und
Wirtschaftslenkung, nicht einmal ahnte. Wir haben im
20. Jahrhundert einige entwicklungsdeterministische
Glaubensartikel hinzuerfunden — zum Beispiel den vom
zwangsläufigen Zusammenschluß der Großräume, beson¬
ders Europas; oder den vom Jahrhundert der „dritten
Welt"; was wir aber tun sollten, ist etwas ganz anderes.
Wir sollten uns eingestehen, daß man im 19. Jahrhundert
falsch prophezeit hat und daß wir für geschichtliche Vor¬
aussagen auch heute nicht besser gerüstet sind. Wir sollten
also nicht glauben, das schwarze Afrika, West-, Süd- und
Südostasien, denen wir Entwicklungshilfe geben,
müßten sich in den Bahnen entwickeln, die wir von
Europa her kennen. Eine solche Annahme kann nur zu
falschen Maßnahmen und zu Enttäuschungen führen.
Das Autarkiebedürfnis
Wenn wir die staatlichen Gebilde der „dritten Welt"
unvoreingenommen betrachten — ohne die vermeintliche
Kenntnis des nächsten Entwicklungsstadiums als Ma߬
stab zu setzen —, dann müssen wir eingestehen, daß
manche wirtschaftliche Maßnahmen der neuen Staaten
nicht gar so sinnlos erscheinen, wie man auf den ersten
Blick glaubt. Jeder Staat, daher auch ein Negerstaat,
entwickelt ein gewisses Autarkiebedürfnis. Und diesem
Autarkiebedürfnis entspringen Investitionen, die unwirt¬
schaftlich erscheinen.
Warum ein gewisses Maß von Autarkie? Ein hoher
Grad weltwirtschaftlicher Verflechtung — also das
Gegenteil von Autarkie — führt nach der klassischen
volkswirtschaftlichen Theorie zum Höchstmaß an wirt¬
schaftlichem Wohlstand. Ein Land, in dem der Kakao gut
wächst, erzielt danach für seine Wirtschaft das Beste,
wenn es nur Kakao erzeugt, diesen verkauft und aus dem
Erlös alles andere einführt. Aber eine solche Monokultur
hat auch schwere Nachteile. Wenn der Weltmarkt weni¬
ger aufnimmt oder wenn die Preise fallen, ist die Krise
da, und zwar für die gesamte Wirtschaft des vom Kakao
abhängigen Landes. Es ist nicht anders als der Zusam¬
menbruch der Stromversorgung. Zu dieser Gefahr, die
von dem anonymen Herrscher „Weltmarkt" droht, kommt
noch die der absichtlichen Abschnürung von Lieferungen
in Knappheitszeiten. Wenn zum Beispiel öl knapp wird,
wie zur Zeit der Suez-Krise, liefern die Ölexporteure zu¬
nächst in jene Länder, von denen auch sie etwas brau¬
chen — in die Industrieländer; nicht aber in das Land
des Kakaos. Endlich muß jede Regierung an Zeiten den¬
ken, in denen der Seetransport gehemmt ist: wer dann
noch vollständig auf Einfuhren und Ausfuhren angewie¬
sen ist, wird die Bevölkerung weder ernähren noch klei¬
den können.
Es gibt aber auch noch einen weniger dramatischen
Grund für das Entwickeln von Industrien, die an sich nicht
lohnend wären: die langfristige Beschäftigungspolitik.
Wenn die Hauptmasse der arbeitenden Bevölkerung in
nur einem Erwerbszweig tätig ist, wird jeder arbeits¬
sparende technische Fortschritt in diesem Zweig zu einer
sozialen Gefahr, Sind vielerlei Industrien vorhanden, so
fängt man in einem solchen Fall einen Teil der Arbeits¬
losen doch leichter auf, ebenso wie jene Arbeitslosen, die
durch den Geburtenüberschuß dauernd zuströmen.
Es gibt also gute Gründe dafür, warum in einem Ent¬
wicklungsland Industrien aufgebaut werden sollen, die
sich nicht gerade vom Rohstoff her aufdrängen. Man
sollte nie vergessen: Früher lag die Verantwortung für
das wirtschaftliche Wohlergehen der Kolonie beim Mut¬
terland, ebenso wie jene für die militärische Sicherheit
und die Gewährleistung der Verbindungslinien; jetzt liegt
sie bei der jungen Regierung des jungen Staates. Und das
Mutterland von einst hatte andere Mittel als der junge
Staat, um seiner Aufgabe gerecht zu werden!
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.