Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Künstler, die Ehrungen zurück¬
weisen, die wegen ihrer Einstel¬
lung nicht ausgezeichnet wer¬
den, sondern mit persönlichen An¬
griffen, Schmähung ihrer Arbei¬
ten zermürbt werden sollen,
deren Werke keine Druckerlaubnis
erhalten — diese Künstler be¬
weisen Mut, und ihnen gebührt
unsere Unterstützung.
Die berufsmäßigen „Ketzer", die
Kabarettisten, Satiriker, Bänkel¬
sänger und Karikaturisten sowie
gewisse Literaten sind es ge¬
wöhnt, daß ihre Werke oftmals
Proteste hervorrufen. So lange
sich diese Proteste in Grenzen
halten, in demokratischer Form
vorgebracht werden und keine
Boykottierung der Ktinstler be¬
zwecken und bewirken, ist dage¬
gen nichts einzuwenden.
Proteste dieser Art sind den
Künstlern sogar willkommen.
Bestätigen sie ihnen doch, ins
Schwarze getroffen zu haben.
Denn nichts liebt ein „Ketzer"
mehr, als ins Schwarze zu treffen.
Die Reaktionen der Regierenden
in der östlichen wie in der west¬
lichen Hemisphäre beweisen, wie
unangenehm das für sie ist. Sati¬
riker ziehen mit Vorliebe Dinge
ans Licht, die für manche besser
im Dunkeln geblieben wären. Das
macht diese scharfzüngigen Gal¬
genstricke so sympathisch für die
einen — und so gefährlich für
die Betroffenen.
Auszug aus der DDR-
Zeitschrift „Magazin",
Nr. 3 (März) 1962
KARL-WOLF BIERMANN
(von Hansgeorg Stengel)
. . . der komplette Berliner
Troubadour unserer zweiten
Jahrhunderthälfte. Die Voll¬
ständigkeit Biermanns ergibt
sich aus seiner Fähigkeit,
durch weitgehende künstle¬
rische Eigenproduktion kultu¬
rell störfrei zu sein. Biermann
braucht weder Texter noch
Komponisten, Biermann dich¬
tet und denkt sich die Noten
dazu selber aus. Biermann ist
das perfekte Einmannkombi¬
nat.
St
Wie man Wolff und Klug
als ausgezeichnete Interpreten
rühmen muß, so gehört Bier¬
mann der Ruhm des Schöpfers
und Interpreten aktueller und
sei r poetischer Chansons.
*
Biermann ist, zugegeben, keine
Ausnahme. Es gibt von seiner
Sorte mehr als ein Dutzend.
Aber leider bislang nur in
Paris.
*
Biermann hat eine Faser der
Seele von Paris an die Spree
uberführt. Er macht hinrei¬
ßende politische Chansons,
besingt den Alltag, die Liebe,
Zukunftswünsche, hat viel
Humor und bisweilen einen
Hauch verträumter Melan¬
cholie (aber, bitte sehr, natür¬
lich positiver.'). Ich möchte
keinen Fehltip abgeben, doch
bei Biermann scheint mir
diese Prognose nicht zu ris¬
kant: Wenn seine erstaunliche
Vielseitigkeit nicht in Multi-
funktionalismus ausartet und
seine Kräfte zu sehr strapa¬
ziert, dann wird sich des
Sängers Flug in höchste
Höhen erheben, und das
Klein-Paris von morgen heißt
Berlin.
1965: DDR-Regierungsblatt
„Neues Deutschland"
Das Blatt (die „Frankfurter
Allgemeine"), das bei der Be¬
urteilung progressiver Kunst¬
werke in Sachen Geschlechts¬
leben der Menschen beispiels¬
weise höchst empfindlich sein
kann, nimmt dem Biermann
auch ins Pornographische hin-
Die Fülle der Partei
übergleitende Passagen be¬
denkenlos ab. Wer politisch
pervers ist, darf es auch im
Sexuellen sein... Bei Bier¬
mann fehlt das Ja zum sozia¬
listischen deutschen Staat.
Dafür gibt's ein Tätscheln von
monopolbourgeoiser Kritiker¬
hand.
*
Was Wunder, daß Biermann
in einem anderen Gedicht da¬
von faselt, die Partei der
Arbeiterklasse hacke sich die
Füße ab. In Wirklichkeit han¬
delt es sich um die Füße des
Skeptizismus des Herrn Bier¬
mann. Er zerhackt die Verbin¬
dungen mit dem Volke, die
Verbindungen mit der Partei.
Kritik in derlei Form an der
Partei der ostdeutschen Werk¬
tätigen grenzt an Gottes¬
lästerung: „Es ist natürlich
kein Wunder, daß die Ver¬
treter der alten Unordnung
in Westdeutschland aufjauch¬
zen, wenn sie von solchem
Dichtwerk hören . . . (Offi¬
zielles SED-Organ „Neues
Deutschland".)
Es war einmal ein Mann, -
der trat mit seinem Fuß«
mit seinem nackten FuB.
in einen ScheiBhaufen.
Er ekelte sich sehr
vor seinem einen FuB,
er wollte mit diesem FuB
kein Stück mehr weiter gehn.
Und Wasser war nicht da.
zu waschen seinen FuB,
für seinen einen FuB
war auch kein Wasser da.
Da nahm der Mann sein Beil
und hackte ab den FuB,
den FuB hackte er ab
in Eil' mit seinem Beil.
Die Eile war zu groß,
er hat den säubern FuB,
er hat den falschen FuB
in Eile abgehackt.
Da kriegte er die Wut
und faßte den Entschluß,
auch noch den ondern FuB
zu hacken mit dem Beil.
Die Füße lagen do,
die Füße wurden kalt,
davor saß kreideweiß
der Mann auf seinem Steiß.
Es hackte die Partei
sich ab so monchen Fuß,
so manchen guten FuB
abhackte die Partei.
Jedoch im Unterschied
zu jenem obigen Mann,
wächst der Partei manchmal
der FuB auch wieder an.
        

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