Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Das Barbarische
Albert Einstein sagte
einmal, daß sich ein
Vorurteil schwerer spal¬
ten lasse als ein Atom.
Und gerade darin be¬
steht eine der Hauptauf¬
gaben der Erwachsenen¬
bildung: Vorurteile zu
überwinden. Die Mei¬
nung, die nicht vom
Verstand, sondern von
Instinkten ausgeht und
hartnäckig festgehalten
wird — „die pathetisch
verhärtete Meinung",
wie Theodor W. Adorno
es bezeichnete —, ist
eines der größten Hin¬
dernisse der Verständi¬
gung unter den Men¬
schen. Es ist höchste
Zeit, daß sich die Men¬
schen in ihr Bewußtsein
einprägen, daß derjenige,
der grundsätzlich jeden
Andersdenkenden des¬
halb als Barbaren be¬
trachtet, weil er eine
andere Meinung vertritt,
selbst gerade dadurch
dem Barbarischen ver¬
fällt. (Jindfich Filipec,
wissenschaftlicher Mit¬
arbeiter des Historischen
Instituts der Tschecho¬
slowakischen Akademie
der Wissenschaften,
Prag, Sonnenberg-Briefe
zur Völkerverständigung,
Heft 33, Mai 1965.)
Man sollte sich nicht
schlafen legen . ..
Man sollte sich nicht
schlafen legen, ohne sa¬
gen zu können, daß man
an dem Tag etwas ge¬
lernt hätte. Ich verstehe
darunter nicht etwa ein
Wort, das man vorher
noch nicht gewußt hat;
so etwas ist nichts; will
es jemand tun, ich habe
nichts dagegen; allen¬
falls kurz vor dem
Lichtauslöschen. Nein,
was ich unter dem Ler¬
nen verstehe, ist Fort¬
rücken der Grenzen
unserer wissenschaft¬
lichen oder sonst nütz¬
lichen Erkenntnis; Ver¬
besserung eines Irrtums,
in dem wir uns lange
befunden haben; Gewi߬
heit in manchen Dingen,
worüber wir lange un¬
gewiß waren; deutliche
Begriffe von dem, was
uns undeutlich war; Er¬
kenntnis von Wahrhei¬
ten, die sich sehr weit
erstrecken. (Georg Chri¬
stoph Lichtenberg, 1742
bis 1799.)
Ein Spruch
Wenn es den Leuten
endlich gelungen ist,
unseren Schwung zu
brechen, dann sagen sie,
daß an uns nichts dran
ist. (Robert Scheu.)
Otto Leichter
Vom Glauben
an die Menschheit
Seit jeher ist der Begriff der Frei¬
heit — und Freiheit ist dos ent¬
scheidende Merkmal der Demo¬
kratie — Gegenstand eingehender
Untersuchungen und Studien ge¬
wesen; sie waren zum Teil darauf
aus, die philosophischen Grund¬
lagen des Freiheitsbegriffes zu er¬
gründen: ob es überhaupt so
etwas wie die Freiheit des Willens
gebe. So wurden die politischen
Grundlogen und Formen der Frei¬
heit untersucht: welche staatliche
und gesellschaftliche Orgonisotion
am wirksamsten die Freiheit des
einzelnen garantiere. Und schlie߬
lich hat es auch wirtschaftliche
Studien im Zusammenhang mit
der Frage der Freiheit des Indi¬
viduums gegeben: welche wirt¬
schaftliche Organisation am ehe¬
sten die Freiheit des Individuums
herstellen oder sichern könne.
Selbstverständlich haben Formen
und Inholt der Freiheit auch ge¬
schichtliche Wandlungen erfah¬
ren. Es hat Zeiten so großer gei¬
stiger Abhängigkeit und solcher
wirtschaftlicher Enge gegeben,
daß auch nur eine geringfügige
Lockerung dieser Bindungen be¬
reits als Freiheit erschien. Und es
hat im Zeichen des allgemein
menschlichen Fortschrittes im
neunzehnten Jahrhundert, unter
den Nachwirkungen der großen
Französischen Revolution, eine
bedeutsame Erweiterung nicht nur
des Freiheitsbegriffes, sondern
auch des Freiheitsdranges der
Menschen gegeben. Und in einem
großen, kulturgeschichtlich für die
ganze Menschheit und für alle
kommenden Generationen bedeu¬
tungsvollen Vorstoß in das Reich
wirklicher Freiheit hat der Sozialis¬
mus einen neuen Bereich der Frei¬
heit zu erschließen begonnen: den
der wirtschaftlichen Freiheit.
Freiheit heißt in diesem Zusam¬
menhang Mitbestimmung, Mit¬
wirkung an der Gestaltung der
wirtschaftlichen Verhältnisse, un¬
ter denen man leben soll, und vor
allem Mitentscheidung bei den
Maßnahmen, die das wirtschaft¬
liche Schicksal und damit in im¬
mer höherem Maße auch das in¬
dividuelle, das persönliche Schick¬
sal gestalten. In der frühkapitali¬
stischen, jo in einer auch etwas
weiter entfalteten kapitalistischen
Wirtschaft ist das Schicksal des
einzelnen nicht so unlösbar mit
dem Gesamtschicksal und die Ent¬
scheidung über einzelne wirt¬
schaftliche Fragen nicht so eng
mit der Entscheidung des wirt¬
schaftlichen Massenschicksals ver¬
bunden, nicht, wie das in einer
Gesellschaft mit Massenbetrieben
und einer die gesamte wirtschaft¬
liche Entwicklung erfassenden
Massenproduktion der Fall ist. In
einer solchen Zeit ändert sich, ja
erweitert sich der Freiheitsbegriff.
Gewiß, der einzelne amerikanische
Arbeiter und Angestellte genießt
heute dieselbe individuelle Freiheit
wie vor vierzig oder fünfzig Jah¬
ren. Ein riesenhafter Kontinent
steht ihm offen, und der einzelne
hat dos Recht, dort zu arbeiten,
wo er will. Dieses Recht ist auch
heute unangefochten — und
trotzdem kann eine einzige Ent¬
scheidung einer hondvoll ma߬
gebender Männer, etwa in der
Stahlindustrie oder in einem der
riesenhaften Automobilbetriebe,
dieses auch weiter formal unange¬
tastet gebliebene Recht des ein¬
zelnen so sehr beeinflussen, daß
er eben nicht mehr frei ist, die
„freie" Entscheidung zu fällen,
die er zu fällen wünscht.
So wichtig die formaldemokra¬
tischen Freiheiten für den einzel¬
nen sind und sosehr seine indi¬
viduelle Entschlußfähigkeit und
sein persönliches Glücksgefühl
von diesen Freiheiten abhängen,
so wird er doch, wenn er den
Schleier von den Erscheinungen
des sozialen und politischen, auch
des persönlichen Lebens zu ent¬
fernen vermag, auf den neuen
Inhalt der Dinge stoßen, und
dieser Inhalt besteht in der Ver¬
änderung der ganzen Gesell¬
schaftsstruktur durch eine wirt¬
schaftliche Entwicklung, bei der
der einzelne nur scheinbar seine
individuellen Entscheidungen fällt,
ober in Wirklichkeit sie bereits
vollzogen sieht, bevor er dazu¬
kommt, selbst eine Entscheidung
zu treffen.
In Wirklichkeit hat es solche
Probleme schon immer in der ge¬
sellschaftlichen und politischen
Entwicklung gegeben, nur daß
sie nicht so klar waren. Greifen
wir ein Beispiel aus einer Zeit
heraus, die heute bereits zur Ver¬
gangenheit gehört und in der die
Fragen, die heute die Welt tren¬
nen, nicht so scharf zugespitzt
waren. Frankreich war von 1871
bis 1914 eine Republik und nach
der Beendigung des Abenteuers
von MacMahon eine politische
Demokratie, die mindestens eben¬
soweit fortgeschritten war wie
irgendeines der demokratischen
Regimes auf dem europäischen
Kontinent. Deutschland war in
dieser Periode nicht mehr als eine
halbkonstitutionelle und halb¬
feudale Monarchie ohne parla¬
mentarisch verantwortliche Regie¬
rung. Aber im Deutschland dieser
Zeit entwickelte sich die fort¬
schrittlichste Arbeiterbewegung
Europas, eine beispielgebende Ge¬
werkschaftsbewegung mit großem
Einfluß in den Betrieben, mit
ernsten Ansätzen zu Tarifverträ¬
gen, mit einer weit entwickelten
Sozialversicherung und weitrei¬
chendem Einfluß der Arbeiter und
Angestellten auf diese Sozial¬
einrichtungen. Das demokratische
Frankreich dieser Zeit war in die¬
ser Beziehung weit zurück. In
welchem der beiden Länder hot¬
ten die Arbeiter mehr Mitbestim¬
mungsrecht, in Frankreich oder
in Deutschland? Diese Frage konn
nicht ohne weiteres beantwortet
werden, und man wird vielleicht
so manches Argument finden kön¬
nen, um die Behauptung zu be¬
gründen, daß in sozialer Hinsicht
Deutschland fortgeschrittener war
und die deutschen Arbeiter mehr
Mitbestimmungsrecht — sofern es
es auf die Gesamtheit ihres
Schicksals ankam — hatten als
die französischen Arbeiter.
Wir haben obsichtlich dieses Bei¬
spiel gewählt, weil es die heuti¬
gen Streitfragen um die Demo¬
kratie und ihre richtige Auslegung
vermeidet. Aber es wird un¬
schwer sein, die Lehre dieses Bei¬
spiels und dieses Vergleichs auf
manche der Streitfragen der heu¬
tigen Zeit zu übertragen.
Entscheidend ist das Gesamtaus¬
maß von politischer, wirtschaft¬
licher und sozialer Mitbestim¬
mung, das der einzelne genießt.
Entscheidend sind seine Fähigkei¬
ten und die ihm zur Verfügung
stehenden Chancen, seinen Wil¬
len zum Ausdruck zu bringen und
im Rahmen der Gesamtheit seinen
individuellen Willen wirksam
oder mitentscheidend zu gestalten.
Selbstverständlich hat jeder Ar¬
beiter in Amerika dos Recht, alle
vier Jahre einen Präsidenten und
alle zwei Jahre einen Abgeord¬
neten zu wählen, ober hat er auch
das Recht, mitzuentscheiden, ob
die United States Steel oder die
Ford Company eine Politik der
Produktionseinschränkung oder
Produktionsplanung betreibt? Und
hängt sein individuelles Schicksal,
seine individuelle Freiheit nicht
mehr oder zumindest ebenso von
diesen Entscheidungen ob wie von
den Entscheidungen des Präsiden¬
ten, der durch die von anderen
gesetzten wirtschaftlichen Tat¬
sachen präjudiziert ist?
Das ist das große Problem der
wirklichen Freiheit in unserer
Zeit, und niemand, der der Frei¬
heit wirklich dient und in ihr die
wichtigste Voraussetzung für per¬
sönliche Würde und individuelles
Glück sieht, sollte die Bedeutung
dieses Problems unterschätzen.
Dieser Beitrag erschien 1948 im
Heft 5 des „ÖGB-Bildungsfunktionärs".
Wir werden auch in den nächsten Hef¬
ten unserer Zeitschrift alte, wertvolle
Beiträge für eine neue Generation von
Bildungsfunktionären wieder ver¬
öffentlichen.
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