Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

denten sich ouf Grund ihres
Studiums in fremden Ländern
gewandelt? Mehr als 90 Pro¬
zent beiahten diese Frage.
Wenn sie ihre eigenen Inter¬
essen und Ansichten mit denen
ihrer Freunde und Verwandten
daheim vergleichen, kamen
26 Prozent der Befragten zu
dem SchluB, daß sie objek¬
tiver urteilen. 22 Prozent
fühlten sich „liberaler", fort¬
schrittlicher und geistig be¬
weglicher, 16 Prozent fanden
ihr Arbeitsethos gesteigert. An¬
dererseits wurden Kollegen,
die noch nie im Ausland ge¬
wesen waren, als unprak¬
tischer (47 Prozent Antwor¬
ten), als weniger qualifiziert
(42 Prozent) und als weniger
arbeitseifrig (38 Prozent) be¬
zeichnet.
An ihrer Persönlichkeit fanden
die Befragten besonders die
eigenen Gewohnheiten ver¬
ändert (44 Prozent), ferner
die allgemeine Lebenseinstel¬
lung (39 Prozent) und die be¬
ruflichen Kenntnisse und
Fertigkeiten (31 Prozent).
Nicht weniger als 98 Prozent
der Heimgekehrten bekann¬
ten, daß sie gern wieder ins
Ausland gehen möchten, wenn
ihnen die Gelegenheit geboten
würde, obgleich die meisten
von ihnen inzwischen zu
Hause relativ hohe, verant¬
wortliche Positionen bekleiden.
WAS WISSEN OST UND
WEST VONEINANDER»
Im ganzen waren die früheren
Austauschstudenten der An¬
sicht, daß die Menschen in
den drei westlichen Ländern
weniger über die östlichen Na¬
tionen wissen als umgekehrt.
Nur 20 Prozent der Befragten
fanden die Amerikaner, Briten
und Deutschen „recht gut in¬
formiert", während 37 Prozent
glaubten, den Ägyptern, In¬
dern und Persern dieses Prädi¬
kat zusprechen zu können.
Falsche Informationen und
Vorurteile, die den Befragten
in Ost und West aufgefallen
waren, bezogen sich über¬
wiegend auf die Mentalität
der Menschen und das soziale
Leben; doch während im
Westen — wie die befragten
Studenten meinten — über
das Bildungs- und Kultur¬
niveau sowie über die wirt¬
schaftliche und technische
Entwicklung ihrer Heimat viel¬
fach zuwenig bekannt war,
bezogen sich falsche Vorstel¬
lungen in ihren Heimatstaaten
oft auf die angebliche Sitten-
losigkeit des Westens, ein
Vorurteil, das wahrscheinlich
durch westliche Filme und
Romane genährt wird, die
käufig von Liebe und Ver¬
brechen handeln.
Trotz dieses Mangels an Wis¬
sen und Verständnis wurde
doch ein hoher Grad von ge¬
genseitigem Interesse festge¬
stellt, das sich hauptsächlich
auf Fragen des Gemeinschafts¬
und Alltagslebens, auf Lebens¬
standard und Kulturwerte,
aber auch auf die politische,
wirtschaftliche und soziale
Entwicklung richtet. Erstaun¬
licherweise zeigten die west¬
lichen Völker mehr Interesse
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für solche Fragen als für die
Geschichte und die alte Kultur
der östlichen Länder.
Es ist nur natürlich, daß die
meisten der Studenten (75 Pro¬
zent) sich während ihres Aus¬
landsaufenthaltes vorwiegend
um Probleme kümmerten, die
mit ihrem Studium zusammen¬
hängen, doch gaben 50 Pro¬
zent an, daß sie sich durch
persönliche Erfahrungen, ge¬
sellschaftliche Kontakte und
private Reisen eine gewisse
Kenntnis der Lebensweise, der
Sitten und Gebräuche und der
Mentalität der Menschen in
ihrem Gastland erworben ha¬
ben. Andererseits fühlten sich
weniger als 25 Prozent gut
informiert über Politik, Wirt¬
schaft, Geschichte, Kunst und
Literatur des westlichen Lan¬
des, in dem sie studiert haben.
DER NUTZEN EINER
BILDUNG IM AUSLAND
Welche Werte und Ideen aus
dem Gastland würden die zu¬
rückkehrenden Studenten gern
in ihre Heimat „importieren"?
Die Einstellung zur Arbeit
wurde mit 43 Prozent der
Antworten als „Ausfuhrgut"
am höchsten bewertet. Es
folgte eine zweite Gruppe von
Werten, die sich auf das Ver¬
hältnis des Individuums zum
Staat bezogen: zum Beispiel
staatliche Wohlfahrtspflege,
Verbesserungen im Bereich
des Erziehungswesens.
Die große Mehrheit der Stu¬
denten (90 Prozent) empfand
den Auslandsaufenthalt als
Gewinn für ihre Persönlich¬
keitsentfaltung. Über 60 Pro¬
zent versicherten, daß sie
gelernt hätten, ihr Wissen in
der richtigen Form an Kollegen
und Vorgesetzte weiterzu¬
geben; 54 Prozent waren
sicher, daß sie ihre im Aus¬
land erworbene Bildung zu
einem großen Teil nutz¬
bringend anwenden können.
40 Prozent meinten „bis zu
einem gewissen Grad". Drei
Viertel der Zurückgekehrten
haben als Folge ihrer Aus¬
landserfahrung an ihrem Ar¬
beitsplatz technische und
organisatorische Neuerungen
vorgeschlagen.
Die meisten der jungen Leute
gaben zu, daß sie während des
Studiums im Ausland und auch
danach Schwierigkeiten hat¬
ten: über 40 Prozent wünsch¬
ten sich, vor der Abreise oder
nach der Ankunft am Studien¬
ort besser über das tägliche
Leben und die Sitten und Ge¬
bräuche des Gastlandes unter¬
richtet worden zu sein. Natur¬
gemäß nahm das Bedürfnis
nach solchen Einführungshilfen
mit der Dauer des Aufent¬
haltes ab.
Die drei Untersuchungen und
eine eingehende Analyse ihrer
Ergebnisse sollen von der
UNESCO veröffentlicht wer¬
den. Diese Tiefenanalyse wird
das Institut für Friedensfor¬
schung in Oslo in Zusammen¬
arbeit mit den wissenschaft¬
lichen Leitern der einzelnen
Studien vornehmen.
Robert Mathias
(UNESCO-Dienst)
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