Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 05 (05)

Der Angriff
Die Ärztekammern haben zum Angriff geblasen. Das ist ihr
gutes Recht, sind sie doch nach dem Ärztegesetz dazu be¬
rufen, die gemeinsamen beruflichen, sozialen und
wirtschaftlichen Belange der Ärzte wahrzunehmen und zu
fördern ..Als Gewerkschafter sind wir auch keineswegs
gegen Forderungen an sich, aber wir müssen erstens den
Inhalt der Wünsche der Ärztekammern prüfen und zwei¬
tens die Auswirkungen, die die Erfüllung haben würde,
abschätzen.
Die Ärztekammern verfolgen drei Ziele: eine kräftige
Ermäßigung der Einkommensteuer für Ärzte durch Zuer-
kennung eines zwanzigprozentigen Absetzbetrages vom
Bruttoeinkommen, sodann ein ganzes Bündel von Honorar¬
forderungen und schließlich eine grundlegende Änderung
des Leistungsrechts in der Krankenversicherung.
Ob der dazu nicht geneigte Finanzminister den Wunsch
nach Ermäßigung der Einkommensteuer doch noch erfül¬
len wird, wissen wir nicht, obwohl sich Argumente für eine
steuerliche Sonderbehandlung der Ärzte finden ließen.
Die an die Krankenkassen gerichteten Honorarforderun¬
gen sind — im Lichte der bisherigen Entwicklung — außer¬
ordentlich hoch! Im Durchschnitt erhielt ein praktischer
Vertragsarzt der sozialen Krankenversicherung im Jahre
1966 ein Bruttohonorar von rund 270.000 Schilling (davon
200.000 Schilling von den ASVG-Kassen) und ein Ver¬
tragsfacharzt 350.000 Schilling (davon 260.000 Schilling von
den ASVG-Kassen). Die Honorarsumme ist in den letzten
sechs Jahren insgesamt um mehr als 95 Prozent gestiegen,
während im gleichen Zeitraum die Beitragsgrundlage der
Krankenversicherung um rund 42 Prozent, der Lebens¬
haltungskostenindex um rund 24 Prozent und der Durch¬
schnittslohn je Beschäftigten um genau zwei Drittel ange¬
stiegen sind. Die Ärztehonorare sind also der allgemeinen
Entwicklung beträchtlich vorausgeeilt.
Eine volle Erfüllung der Forderungen der Ärztekam¬
mern würde eine Zunahme der Honorarsumme gegenüber
dem Vorjahr um etwa 64,5 Prozent bedeuten! Bei aller
Hochachtung vor dem Ärzteberuf glauben wir doch, daß
ein Verlangen nach einer Steigerung des Einkommens um
nahezu zwei Drittel von einem Jahr aufs andere nicht sehr
viel Verständnis in der Öffentlichkeit finden wird. Gewiß,
Verbesserungen werden notwendig sein, vor allem, um
Ärzte aufs Land zu bringen, wo die gesundheitliche Be¬
treuung der Bevölkerung manches zu wünschen übrigläßt.
Aber die Ärztekammern sollten nicht die Kuh schlachten,
die sie weiter melken wollen. Was geschähe der Kuh?
Die ASVG-Krankenkassen hatten 1965 noch einen
Gebarungsüberschuß von 173, 1966 von 104 Millionen Schil¬
ling. Für 1967 wird bereits mit einem Gebarungsabgang
von mehr als 150 Millionen Schilling gerechnet. Die Ge¬
samtbelastung aus den bisher vorgelegten Forderungen
der Ärztekammern würde 780 Millionen Schilling betra¬
gen. Weitere Forderungen sind angekündigt, so daß für
1968 eine Ausgabenerhöhung für Ärzte- und Zahnärzte¬
honorare von mehr als einer Milliarde Schilling entstünde.
Wie aus einem Beitrag in diesem Heft hervorgeht, wäre
eine solche Belastung für die Krankenversicherung einfach
ruinös.*
Ist es bei den finanziellen Forderungen das Ausmaß, so
sind es bei dem „Memorandum der Österreichischen Ärzte¬
kammer zur Frage der Neuordnung der gesetzlichen Kran¬
kenversicherung der unselbständig Erwerbstätigen" die
Grundgedanken, deren Durchsetzung unser Gebäude der
sozialen Sicherheit zerstören würde. Nach diesem Memo¬
randum sind die Krankenversicherten in vier Gruppen ein¬
zuteilen:
Die erste Gruppe umfaßt alle unselbständig Erwerbs¬
tätigen bis zu einem Bruttomonatsverdienst von 6300 Schil¬
ling, der sich — ebenso wie bei den folgenden Gruppen —
für jedes weitere zu versorgende Familienmitglied um
je 1000 Schilling erhöht. Die Angehörigen dieser „Klasse"
zahlen dem Arzt selbst (so wie bisher) nichts. Dieser ver¬
rechnet sein Honorar zu einem Vertragstarif direkt mit
der Krankenkasse. 20 Prozent davon hat der Patient zu
tragen. (In welcher Weise, darüber sagt das Memorandum
nichts.)
Die zweite Gruppe — mit einem Monatsverdienst von
6300 bis 12.600 Schilling — zahlt zunächst dem Arzt das
Vertragshonorar und erhält dann von der Krankenkasse
80 Prozent zurückerstattet.
Die dritte Gruppe — von 12.600 Schilling aufwärts —
zahlt dem Arzt ein von diesem frei festgesetztes Honorar
und erhält nachträglich einen satzungsmäßig bestimmten
Zuschuß der Krankenkasse.
Die vierte Gruppe schließlich umfaßt die „wirtschaftlich
Schwachen" (zum Beispiel Bezieher von Waisenrenten,
Notstandshilfen und Ausgleichszulagen und Personen mit
langdauernden Erkrankungen, wie Krebs, Tuberkulose,
Zuckerkrankheit und Geisteskrankheiten). Diese Gruppe
ist von der Kostenbeteiligung in der Höhe von 20 Prozent
des Ärztehonorars und ebenso von der allgemein vor¬
gesehenen Kostenbeteiligung für Medikamente ausgenom¬
men.
Man müßte alle Ärzte für Engel halten, um nicht zu
begreifen, daß eine solche Klassenscheidung der Patienten
zu einem Unterschied in der Behandlung führen würde. Da
gäbe es Patienten, für die man erst später etwas von der
Krankenkasse bekommt, dann solche, die zwar selber zah¬
len, aber nur nach Tarif, ferner die „Nobelpatienten",
denen man Honorare nach Gutdünken abfordern kann,
und zuschlechterletzt die amtlich beglaubigten „Armen".
Selbst bei den Ärzten, die wirklich Engel sind und den
Patienten aller „Klassen" gleiche Sorgfalt widmeten, wür¬
den sich viele „Nichtzahler" und „Arme" zumindest ein¬
bilden, schlechter behandelt zu werden als die „Mehr¬
zahler"; diese würden ihrerseits bevorzugte Behandlung
fordern und meist auch erreichen.
Die Ärztekammern sind — nach dem Ärztegesetz — auch
berufen für die Wahrung des ärztlichen Berufs¬
ansehens und der ärztlichen Berufspflichten zu sorgen".
Würde es das Ansehen der Ärzte heben, wenn — wie der
Präsident des ÖGB, Anton Benya, in seiner Rundfunkrede
am 1. Mai warnte — das häßliche Schlagwort „Weil du arm
bist, mußt du früher sterben", traurige Urständ feierte,
mit dem Nachsatz: „... weil du bei deinem Arzt als ,letzt-
klassig' niedrig im Kurs stehst"?
Zum Glück wird diese Sünde wider den Geist unserer
sozialen Krankenversicherung auch von vielen Ärzten ab¬
gelehnt. Je eher die Ärztekammern diesen Angriff wieder
abblasen und sich nicht noch durch „Kampfmaßnahmen"
auf dem Buckel der Patienten weiter verrennen, desto
besser für ihren Ruf. Auf dem Weg zum sozialen Rück¬
schritt werden ihnen nicht allzu viele folgen.
• Siehe Seite 18, „Aus dem Soll und Haben der Krankenversiche¬
rung", von Eduard Stark.
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