Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 06 (06)

Die katastrophalen Vernichtungsmöglichkelten der
Kernenergie sind bekannt. Aber neue Gefahrenmomente
entstehen auf allen Seiten. Ist es nicht nur eine Frage
der Zeit, bis die Biologie zum genetischen Code durch¬
dringt und eventuell die Fähigkeit erwirbt, in die Struk¬
tur der lebenden Substanz einzugreifen? Was geschieht,
wenn die Folgen dieser Entdeckungen nicht rechtzeitig
erkannt, vorhergesehen und gesteuert werden? Oder noch
schlimmer, wenn die Gesellschaftssysteme nicht fähig sein
sollten, bereits erkannten möglichen katastrophalen Fol¬
gen auszuweichen?
Hier geht es nicht um phantastische Vorstellungen der
Science Fiction. Die unmittelbare Gegenwart beweist, daß
die ungemeisterte Kraft der Wissenschaft vernichtend
wirkt. Nehmen wir zum Beispiel die Bevölkerungs¬
explosion in der sogenannten „Dritten Welt". Man könnte
der Meinung sein, daß diese Welt vor ganz anderen
Problemen steht als denen der Wissenschaft und Technik.
Aber dies wäre nur ein oberflächlicher Trug: Die Bevöl¬
kerungsexplosion ist doch nicht die Folge eines plötzlich
erweckten stärkeren Fortpflanzungstriebs in drei Welt¬
kontinenten, sondern der Ausdruck des durch die Fort¬
schritte der Medizin und Hygiene gestörten ehemaligen
natürlichen Gleichgewichts, das jahrtausendelang durch
Epidemien und Hungersnot aufrechterhalten worden war.
Der einseitige Fortschritt der Wissenschaft bringt un¬
gewollte Folgen. Die Ernährungsbasis hält nicht Schritt,
ein sich ständig vergrößernder Prozentsatz der Welt¬
bevölkerung ist zu Armut und Hunger, aber zugleich zu
Unwissen verurteilt und paradoxerweise gerade infolge
der Fortschritte des menschlichen Wissens. Dies bedeutet
zugleich, daß heute ohne die koordinierte Hilfe der Welt¬
wissenschaft und Technik die Problematik ganzer Kon¬
tinente unlösbar ist.
In ausweglose Situationen würde die gesamte Mensch¬
heit geraten, wenn sie nicht rechtzeitig die Methode der
rationalen Planung erlernt. Falls unsere Vorstellungen
richtig sind, dann gibt es keine andere Alternative. Die
ungeplante Zukunft in der Epoche der wissenschaftlich¬
technischen Revolution führt unweigerlich zur Kata¬
strophe. Die richtige Fragestellung lautet infolgedessen:
Wie muß die Gesellschaft umgestaltet werden, damit sie
fähig ist, ihre eigene Zukunft zu planen? Um diese kon¬
kretere Frage zu beantworten, ist es notwendig, den
Charakter des beginnenden Prozesses der wissenschaft¬
lich-technischen Revolution zu begreifen.
Tiefgreifende Strukturänderungen
Eine Untersuchung der empirischen Daten läßt erken¬
nen, daß in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von
Tendenzen häufig unerwartet von früheren Entwicklungs¬
linien und Proportionen abweicht. Das ungeheure Wachs¬
tum der Wissenschaft, gemessen zum Beispiel an der
steigenden Anzahl der Wissenschaftler und an den wach¬
senden Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den
letzten Jahren, ist bekannt. Eine sichtliche Beschleuni¬
gung der Arbeitsproduktivität macht sich bemerkbar:
Nach amerikanischen Berechnungen ist die Produktion
pro Arbeitsstunde in den letzten zwei Jahrzehnten um
75 Prozent schneller gewachsen als im vorhergehenden
1 Zum Beispiel V. Langenti&re, „Le capitalisme contemporain et la
croissance" in Economie et Politique, 107—8, 109/1963.
Zeitabschnitt. Analysen europäischer Autoren' lassen
keinen Zweifel offen, daß die gleiche Tendenz für die
Industriell hochentwickelten europäischen Staaten gilt.
Zu bemerkenswerten Veränderungen kommt es in der
Struktur der gesellschaftlichen Arbeitskraft. Diese neuen
Tendenzen zeigen einen gesetzmäßigen Verlauf, der eine
enge Korrelation zwischen dem Grad der technischen
Entwicklung und der Zweigberufs- und Qualifikations¬
struktur der Arbeitskräfte aufweist. Bekannt und um¬
stritten ist die Verlagerung der Arbeitskräfte aus dem
primären Sektor — der Landwirtschaft — zunächst in
den sekundären Sektor (Industrie und Bauwesen) und
später besonders in den tertiären Sektor der Dienst¬
leistungen, der nicht nur den gesamten Abstrom aus der
Landwirtschaft auffängt, sondern in den entwickeltsten
Ländern auch aus der Industrie.
Auch in der Entwicklung der Berufsstruktur mit den
entsprechenden Folgen für das Qualifikationsniveau zei¬
gen sich grundlegende Veränderungen ab. Eine der wich¬
tigsten Tendenzen hier ist das absolute und relative
Anwachsen der Angestelltenkategorien. Innerhalb der
Arbeiterberufe kommt es ebenfalls zu bemerkenswerten
Qualifikationsverschiebungen. Es wächst der Anteil der
Arbeiter, die komplizierte Maschinenaggregate als
Maschineneinsteller, Instandhalter und Reparaturfach¬
leute bedienen, also in Berufen, die ein höheres und
breiteres Qualifikationsprofil erfordern. In den nicht¬
manuellen Berufen wächst besonders die Anzahl von
Ingenieuren und Technikern, ganz zu schweigen von der
Anzahl von Wissenschaftlern. Selbstverständlich kommt
im wirklichen Leben diese Tendenz nicht immer so klar
zum Ausdruck, und neben einer allgemeinen Erhöhung
der Qualifikationsanforderungen setzen sich manchmal
auch Gegentendenzen durch. Aber die allgemeine grund¬
legende Richtung der Entwicklung ist klar: In den letzten
Jahrzehnten erhöhten sich die Qualifikationsansprüche.
An einer Scheidelinie der Geschichte
Die Frage ist, wie wir diese empirisch beobachteten
Entwicklungstendenzen bewerten müssen. Geht es hier
lediglich um die Koinzidenz verschiedener Zufälligkeiten
oder vielmehr um tiefere Tendenzen der gegenwärtigen
Zivilisation?
Selbstverständlich können wir nicht alle Wege unserer
interdisziplinären Forschungsarbeit, besonders ihrer ersten
analytischen Phase, hier wiedergeben. Aber wenn wir
selbst unsere bisherigen Ergebnisse eine Arbeitshypothese
nennen, beruht auch sie bereits auf fundierten Unter¬
suchungen und empirischem Material, welches uns er¬
laubt, von einer neuen Erscheinung der wissenschaftlich¬
technischen Revolution zu sprechen. Alles deutet darauf
hin, daß wir uns — 100 bis 200 Jahre nach der industriel¬
len Revolution — am Beginn eines neuen Stromes von
Zivilisationsveränderungen befinden, vor Umwälzungen
eines neuen Typs, die zwar an die bisherige Entwicklung
der Industriezivilisation anknüpfen, aber in vielen Rich¬
tungen andere und häufig — besonders im Bereich der
gesellschaftlichen und menschlichen Zusammenhänge —
direkt entgegengesetzte Tendenzen aufweisen.
Falls dieser Schluß richtig ist, dann können wir für
unsere weitere Forschung und noch mehr für unsere
Prognosen und Zukunftspläne nicht mehr mit der Be¬
schreibung der an der Oberfläche liegenden empirischen
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