Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 06 (06)

liehen Resultaten verfügen, die das Aufrechterhalten eines
intensiven Wachstums gewährleisten. In diesem Zusam¬
menhang ergibt sich eine Gesetzmäßigkeit, derzufolge ein
Vorsprung der Wissenschaft im Verhältnis zur Technik
und der Technik im Verhältnis zur Produktion existieren
muß. Die Daten aus den USA bezeugen unsere Dar¬
legungen: In der Zeitspanne von der Jahrhundertwende
bis zur Gegenwart sinkt der Anteil der extensiven Wachs¬
tumsfaktoren — des Kapitals und der Arbeit — am Wachs¬
tum von etwa zwei Dritteln auf ein Drittel in der gegen¬
wärtigen Zeit. Die intensiven Faktoren — der technische
Fortschritt, der Bildungsgrad (Qualifikation) und das
Niveau der Organisation — stellen folglich gegenwärtig
zwei Drittel der gesamten Wachstumsquellen dar.3
Die veränderte Struktur und Dynamik der Produktiv¬
kräfte führt außer zu ökonomischen zu einer Reihe von
gesellschaftlichen und menschlichen Auswirkungen.
Entfaltung der Fähigketten
Anthropologisch gesehen, erlaubt die vorwiegend ein¬
fache Arbeit der Industrialisierungsphase keine dauernde
Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten und bedeutet
für den Arbeiter nur ein Mittel zur Erhaltung des Lebens,
welches für ihn erst nach der Arbeit beginnt; andererseits
erfordert diese Art der Arbeit auch nicht die Entfaltung
der menschlichen Kräfte und Fähigkeiten.
Die wissenschaftliche Tätigkeit, aber zugleich auch jede
qualifizierte schöpferische Arbeit ist hingegen durch eine
stetige Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten, ihrer
Kenntnisse sowie der menschlichen Kooperation bedingt.
Das Durchdringen der Wissenschaft in sämtliche Bereiche
der menschlichen Zivilisation wirkt auf alle Lebensbedin¬
gungen, Zusammenhänge und Ansprüche: auf das
Arbeits- und Lebensmilieu, auf die Berufstätigkeit und
Freizeit, auf Arbeitsplatz und Wohnen; die rationalen
sowie emotionalen Werte des Menschen verschieben sich.
Es wurde bereits erwähnt, daß der Konsumption ein
neuer Platz eingeräumt wird. Es geht hier besonders um
die Komponenten des Verbrauchs, welche die mensch¬
lichen Fähigkeiten und Kräfte zur Entfaltung bringen,
wie Kultur, Bildung und Gesundheitspflege, und die
infolgedessen auch eine umfassendere, tiefere und schnel¬
lere Anwendung der Wissenschaft und des technischen
Fortschritts vermitteln. Hier kehren sich frühere Vorstel¬
lungen, die diesen gesellschaftlichen Verbrauch als einen
Luxus, als ein Hindernis des Wachstums (Ausgaben auf
Kosten der Akkumulation) oder bestenfalls als irrelevant
vom Standpunkt der Wirtschaftsentwicklung werteten, als
„überflüssige Sozialaufwendungen", in ihr direktes Gegen¬
teil. Während der arbeitende Mensch ein bloßes Glied
des mechanisierten Produktionssystems bildete, wächst im
Zeitalter der Wissenschaft und Technik die Rolle des
menschlichen Faktors wie nie zuvor. Der Mensch selbst,
seine Fähigkeiten und Kräfte, werden zu einem dynami¬
sierenden Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung.
Mitbestimmung unentbehrlich
Die neue Bedeutung des menschlichen Faktors stellt
auch das Problem der Teilnahme des Menschen an der
Leitung in ein neues Licht. War im Zeitalter der Indu¬
strialisierung die Leitung sozusagen „von außen" gegeben,
da ja das mechanisierte Produktionssystem nicht den¬
kende Subjekte, sondern eher Roboter braucht, so wird
im Zeitalter der modernen Zivilisation die Partizipation
des Menschen unumgänglich. Es scheint uns, daß eben die
fehlende Teilnahme des Menschen an der Zivilisations¬
formung die ernsthafteste Barriere des industriellen
Systems darstellte. Eben die wirtschaftlichen und ge¬
sellschaftlichen Prozesse, die der wissenschaftlich-tech¬
nischen Revolution eigen sind, bedürfen eines maximalen
Spielraums für die schöpferische Selbstbestätigung jedes
Individuums. Das System muß sich auf das Subjekt
stützen, auf sein Wissen, sein Können und seine Entschei¬
dungskraft. Es verträgt die traditionelle Industrie¬
hierarchie nicht mehr. Selbst in kapitalistischen Unter¬
nehmen versagt der alte Typ des Managers, der autori¬
tativ entscheidet. Verschiedene Formen der Delegierung
nach unten, der Hinzuziehung von Expertenteams, kol¬
lektive Entscheidungen usw. können als Beweis dieser
These angesehen werden. Im sozialistischen Betrieb geht
Jules Verne sah schon vor einem Jahrhundert nicht nur die
Reise zum Mond voraus, sondern sogar die Landung der zurück¬
gekehrten Kapsel im Meer, wie wir sie von den amerikanischen
Raumfahrten kennen (alte Illustration zur Erzählung „Die
Reise um den Mond" von Jules Verne).
' Siehe Toms-Häjek: Determlnanty ekonomickeho rüstu a naS«
velkä alternativa, EO CSAV — Publikation Nr. 16, Praha 1966.
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