Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

Frauenarbeit heute - und morgen?
GERHARD
HAUSSTEINER
Die Ergebnisse der Verdiensterhebung 1967 der Wie¬
ner Arbeiterkammer, die in rund 400 Wiener Betrieben
der Sachgüterproduktion durchgeführt wurde, liegen
der Öffentlichkeit vor. Eine eingehende Stu¬
die der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der
Wiener Arbeiterkammer wird in Kürze erscheinen.
Der nachstehende Beitrag soll nur ein Problem be¬
leuchten, das allerdings auf Grund seiner großen Aus¬
strahlung zum zentralen Problem geworden ist — die
Frauenarbeit.
Die verwendeten Übersichten entstammen zum Teil
dem Wirtschaftsstatistischen Handbuch 1967 der Kam¬
mer für Arbeiter und Angestellte für Wien (siehe die
Seiten 281 bis 313), zum Teil beruhen sie auf eigenen
Berechnungen. Alle nachstehenden Aussagen und Fol¬
gerungen beziehen sich nur auf Wien. Es ist ferner
unumgänglich, den einen oder anderen Schluß zu zie¬
hen, der an Hand der Übersichten nicht hundertpro¬
zentig verifizierbar ist. Das ist darauf zurückzuführen,
daß Stichprobenerhebungen gewisse Grenzen gesetzt
sind. Dessen ungeachtet können auch diese Schlüsse
vertreten werden, weil die praktische Erfahrung, die
sich aus dem jahrzehntelangen Kontakt mit Arbeitern
und Unternehmern ergibt, zur gleichen Aussage führt.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Lohnhöhe von
vielen Faktoren, wie Geschlecht, Qualifikation, Arbeits¬
zeit, Arbeitsweise, Branche, Betriebsgröße, um nur die
wichtigsten zu nennen, abhängig ist. Welch dominie¬
rende Stellung jedoch dem Geschlecht zukommt, geht
aus der Ubersicht 1 hervor.
Ubersicht 1
Brutto-Wochen- Wochen- Brutto-Stunden-
Jahr verdienst arbeitszeit verdienst
liegt um .... Prozent über den Frauendaten
FA HA FA HA FA HA
1963 +66 +47 +5,4 + 6,7 +58 +38
1964 +72 +41 +8,7 + 6,9 +58 +32
1965 +72 +47 +9,5 +10,2 +57 +34
1966 +70 +42 +8,6 + 9,5 +57 +30
1967 +70 +42 +6,4 + 7,5 +60 +32
Die Daten für das Jahr 1967 zeigen zum Beispiel, daß
die durchschnittlichen Bruttowochenverdienste der
Facharbeiter um rund 70 Prozent und die der Hilfs¬
arbeiter (unter diesem Begriff sind prinzipiell die
„Nicht-Facharbeiter" zu verstehen) um rund 42 Pro¬
zent über jenen der Frauen liegen. Die durchschnitt¬
liche Wochenarbeitszeit ist bei den Facharbeitern um
6,4 Prozent und bei den Hilfsarbeitern um 7,5 Prozent,
der durchschnittliche Bruttostundenverdienst bei den
Facharbeitern um 60 Prozent und bei den Hilfsarbeitern
um 32 Prozent höher. Die Vergleichszahlen der anderen
Jahre zeigen nur geringe Abweichungen.
Minderbewertung der weiblichen Arbeitskraft
Die Gründe für diese großen Abstände sind mannig¬
faltig. Zweifellos steht die traditionelle Minderbewer¬
tung — um nicht zu sagen Unterbewertung — der
weiblichen Arbeitskraft an erster Stelle. (Dieses Fak¬
tum zeigt sich übrigens nicht nur bei manuellen Tätig¬
keiten.)
Zweitens gibt es viele Arbeitsplätze, die Frauen
schon aus institutionel¬
len Gründen nicht offen¬
stehen. Gerade diese Ar¬
beitsplätze, die an den
Arbeiter hohe Anforde¬
rungen stellen, sind rela¬
tiv gut bezahlt. Die
Nachtarbeit mag als das
markante Beispiel für
viele stehen.
Drittens werden leichtere Arbeiten fast ausschlie߬
lich von Frauen geleistet, da sie von Männern schon
auf Grund geringerer Verdienstmöglichkeiten kaum
angenommen werden.
Damit ist, zumindest bei den Arbeitern, dem Grund¬
satz „gleiche Arbeit — gleicher Lohn" weitgehend der
Boden entzogen.
Viertens haben viele Frauen auch Mutterpflichten.
Das hat wieder zur Folge, daß die Frauenarbeitszeit
relativ kurz sein muß, wodurch aber wieder die an
und für sich schon gegebene Schere noch vergrößert
wird.
Fünftens arbeiten Frauen viel häufiger als Männer
in ihren traditionellen — und somit schlechter zahlen¬
den — Branchen.
So zum Beispiel arbeiten von den Fällen der Stich¬
probe nur 4 Prozent der Männer, aber 24 Prozent der
Frauen in den Branchen Textil und Bekleidung, jedoch
11 Prozent der Männer und nur 4 Prozent der Frauen
in der Spitzenbranche graphisches Gewerbe.
Sechstens gibt es nur wenige Facharbeiterinnen. Das
erklärt sich daraus, daß die meisten Arbeiterinnen
ihren Verdienst als „eine zum Haushaltsbudget not¬
wendige Ergänzung" betrachten.
Höhere Qualifikation?
Das Anstreben einer höheren Qualifikation setzt als
Vorleistung eine gewisse „Investition" voraus, die aber
nur dann sinnvoll erscheint, wenn sich diese „Investi¬
tion" auch „amortisieren" kann. Höhere Qualifikation
setzt zumindest kontinuierliche Beschäftigung und
längere Arbeitszeit voraus, was wieder die Leistungs¬
fähigkeit vieler Frauen übersteigen würde. Es muß
aber auch gesagt werden, daß es Berufe gibt, die große
Geschicklichkeit erfordern. Hier sind Frauen beson¬
ders geschätzt — und erhalten trotzdem einen relativ
niedrigen Lohn. Müßten auf Grund eines zu geringen
Angebotes an weiblichen Arbeitskräften Männer diese
Plätze besetzen, wäre dies zweifellos nur bei gleich¬
zeitiger Lohnerhöhung möglich.
Siebentens arbeiten Frauen überwiegend in Gro߬
betrieben, die jedoch im allgemeinen nicht gut ent¬
lohnen.
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