Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

demnächst ausgewählte Ausschnitte aus früheren Jahrgängen der
„Arbeiter-Zeitung" veröffentlichen dürfe.
Auch dieses Argument geht aber leicht daneben. Anscheinend
sind damit früher publizierte Ansichten und Gedanken gemeint,
die in der heutigen „Arbeiter-Zeitung" nicht mehr aufscheinen,
weil sich eben die Zeiten geändert haben.
Aber der Hereinfall der „Presse" beruht doch wohl darauf, daß
sich nach mehr als acht Jahrzehnten die Ansichten der Redaktion
nicht wesentlich von den Ansichten der Urgroßväter unterschei¬
den!
Übrigens ist die „Presse" als Nachfolgeblatt der „Neuen Freien
Presse" geradezu verpflichtet, die Tradition zu wahren, erblickte
doch der Grubenhund am 17. November 1911 in der „Neuen
Freien Presse" das Licht der Welt!
Damals hatte das Blatt Tag für Tag aus allen Teilen der Monarchie
Briefe veröffentlicht, in denen Persönlichkeiten der Gesellschaft
berichteten, wie sie das letzte Erdbeben erlebt hatten. Ein junger
Ingenieur namens Arthur Schütz ärgerte sich über diesen Tratsch
und schickte der „Neuen Freien Presse" einen von „Dr. Erich
Ritter von Winkler" unterschriebenen technisch-abenteuerlichen
Brief. Er sprach von seismischen Störungen, die angeblich in sei¬
nem Ostrauer Laboratorium eine Verschiebung des Hochdruck¬
zylinders an der Dynamomaschine ausgelöst hätten. Der Einsen¬
der forderte, daß bei Erdbeben die Ausspülleitungen aller Tur¬
binen an die Wetterschächte anzuschließen seien und dergleichen
mehr. Der Höhepunkt des Briefes war jene Stelle, an der „Ritter
von Winkler" behauptete, schon eine halbe Stunde vor dem
Erdbeben habe sein in der Ecke schlafender Grubenhund auffal¬
lend gebellt.
Später erfand Schütz für die „Neue Freie Presse" noch eine
Schwester des Grubenhundes, nämlich die Laufkatze, „die mit
ihren Jungen einen unerträglichen Lärm verursachte". Für andere
Zeitungen erfand er das „Rubensche Abendmahl von Leonardo",
perforierten Kupferdraht, ovale Räder und feuerfeste Kohlen für
die österreichischen Bahnen, einen Betonwurm usw.
Gelegentlich bellte der Grubenhund auch politisch. So verbellte
er in der antisemitischen „Deutsch-österreichischen Tageszeitung"
die „jüdische Psychoanalyse", nannte sie eine „kynognostische
Therapie" und meinte, das germanische Nervensystem neige zu
keinen Neurosen.
Nach dem Anschluß Österreichs gab der Grubenhund sogar im
„Völkischen Beobachter" seine Visitenkarte ab. Er schimpfte
über den Literaturverderber Heinrich Heine und stellte der jü¬
disch-zersetzenden Manier Heines das schöne alte deutsche Volks¬
lied „Deutschland ist noch ein kleines Kind" gegenüber. Die
Verse wurden brav abgedruckt — überflüssig fast, zu sagen, daß
sie auch von Heinrich Heine stammten.
Da es aber in der großen Zeit des Dritten Reiches nicht viel zu
lachen gab, hatte auch der Grubenhund nichts zu bellen, bis ihn
gelehrige Schüler des Grubenhundvaters wieder zum Leben er¬
weckten.
Als italienischen Kommunisten die Einreise zu einem Friedens¬
kongreß in Österreich verwehrt wurde, veröffentlichte die Wiener
„Volksstimme" auf der ersten Seite den Protestbrief der Arbeiter
des Florenzer Betriebes „Thunder & Doria", unterzeichnet von
allen Gestalten des Schillerschen Dramas „Fiesco zu Genua", das
damals gerade im Burgtheater aufgeführt wurde.
Einige Wiener Zeitungen fielen einem Scherz des Schauspielers
Helmut Qualtinger zum Opfer, der den Kunstsnobismus blo߬
stellen wollte, indem er auf Briefpapier des PEN-Klubs die An¬
kunft eines berühmten Eskimodichters ankündigte,-von dessen
Büchern auch schon einige verfilmt worden seien, zum Beispiel
„Einsamer Iglu" oder „Brennende Arktis".
Einer der letzten schönen Grubenhunde stand am 30. Juli 1954
in der Grazer „Südost-Tagespost", wo das Auftreten eines Fels¬
grubenbären (ursus fodinae) in Kärnten gemeldet wurde. Der
Einsender forderte sogar, man müsse Spurenabdrücke dieses sel¬
tenen Bären aufnehmen — oder, wie.es in der Jägersprache heiße,
ihn „aufbinden". Man sollte auch die „morognostische" (blöd-
heitserkennende) Apparatur anwenden, die der Nobelpreisträger
Schütz erfunden habe.
Nach Jahren sanften Schlummers — worin sich natürlich auch
ausdrückt, daß die Zeitung in der Rangliste der Informations¬
mittel nicht mehr an erster Stelle steht — ist es doch ganz nett,
daß sich der Grubenhund wieder einmal zu Wort gemeldet hat.
f.d.
        

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