Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

wie weit man dieser Entwicklung die Zügel schießen
lassen kann, ohne daß die wachsende Ungleichheit den
sozialen Frieden, der bisher für die österreichische
Situation so charakteristisch war, ernstlich stört. Wie
eine vor kurzem erschienene Studie der UNO7 zeigt,
ist trotz der Gleichartigkeit der grundlegenden sozio-
ökonomischen Tendenzen der Grad der Ungleichheit
der persönlichen Einkommen in den europäischen Län¬
dern außerordentlich verschieden. Es ist kein Zufall,
daß jene Länder, in denen er — wie etwa in Frank¬
reich — am höchsten ist, auch am schwersten von
* United Nations, „Post-War Incomes in Europe", Genf 1967.
sozialen Kämpfen und gesellschaftlichen Spannungen
erschüttert sind.
Es gibt gewiß keinen absoluten Stand der „Gerech¬
tigkeit" einer Einkommensverteilung, aber ebenso
gewiß gibt es ein Gerechtigkeitsbedürfnis in der Ge¬
sellschaft, das nicht ohne Folgen verletzt werden
kann. Von diesem Punkt mögen wir in Österreich noch
weit entfernt sein, aber es ist nicht zu früh, sich dar¬
über Gedanken zu machen, wo die Grenzen gezogen
werden sollen und welches Instrumentarium für eine
aktivere Verteilungspolitik, jenseits von „Neidkom¬
plexen", aber diesseits der sozialen Friedensgrenze,
entwickelt werden kann.
Die Kluft wird immergrößer
Gemeint ist die Kluft zwischen
den Entwicklungsländern und
den hochindustrialisierten Staaten
Westeuropas und Nordamerikas.
Am Ende der ersten Entwicklungs¬
dekade, die von den Vereinten
Nationen proklamiert worden war
und die das wirtschaftliche Gefälle
zwischen den beiden Ländergrup¬
pen hätte verringern sollen, ist
diese Kluft, nicht nur nicht kleiner,
sondern sogar größer geworden.
Das zeigt sich deutlich in einer
nun zum drittenmal erscheinenden
Publikation der Weltbank,1 einer
Sammlung von grafischen Darstel¬
lungen und Tabellen, deren Stu¬
dium jedem am Problem der Ent¬
wicklungsländer Interessierten zu
empfehlen ist. Aus der reichen
Fülle des dort gebotenen statisti¬
schen Materials seien hier nur
einige besonders wichtige Daten
hervorgehoben. Trotz der ununter¬
brochenen Beteuerungen, daß die
reichen Länder gewillt sind, alles
zu unternehmen, um den Entwick¬
lungsländern zu helfen, den Ab¬
stand aufzuholen, ist das durch¬
schnittliche Pro-Kopf-Bruttonatio-
nalprodukt (BNP) von 84 Entwick¬
lungsländern von 1960 bis 1968
zwar von 167 auf 203 Dollar (Kauf¬
kraft 1968) gestiegen, das der sechs
führenden Industriestaaten (Bun¬
desrepublik Deutschland, Gro߬
britannien, Italien, Japan, Kanada
und der USA) jedoch von durch¬
schnittlich 1532 auf 2113 Dollar, also
um 33 Prozent gegenüber einer
Steigerungsrate von nur 21 Prozent
in den Entwicklungsländern. Von
den namentlich angeführten
29 Entwicklungsländern wiesen
1968 acht ein Pro-Kopf-BNP von
weniger als 100 Dollar jährlich aus
— verglichen mit 1690 Dollar in
Österreich.
Dabei ist der Nettobetrag der
finanziellen Hilfsmittel, die diese
auf zwischenstaatlicher und inter¬
nationaler Ebene erhalten, erheb¬
lich gestiegen, und zwar von
8965 Millionen Dollar 1961 auf un¬
gefähr 13.340 Millionen im Jahr
1969, also um etwas weniger als die
Hälfte, allerdings ohne Berücksich¬
tigung des durch die internationale
Inflation bewirkten Kaufkraft¬
schwundes. Der Nettobetrag, der
aus den OECD-Ländern den Ent¬
wicklungsländern und den inter¬
nationalen Organisationen zur Ver¬
fügung gestellten Mittel fiel von
0,96 Prozent des BNP 1961 auf 0,72
im Jahr 1969, hat also das Ziel der
Entwicklungsdekade (1 Prozent des
BNP) nicht nur nicht erreicht, son¬
dern ist weiter davon entfernt als
am Beginn der Dekade. Die Posi¬
tion Österreichs unter den
16 OECD-Ländern, für die Daten
publiziert sind, ist beschämend.
Österreichs offizielle Entwicklungs¬
hilfe war 1969 mit 0,12 Prozent
des BNP der prozentuell niedrigste
Beitrag; in der Liste der gesamten
finanziellen Hilfen, die aus diesen
16 Ländern in die Entwicklungs¬
länder gingen, wozu auch private
kommerzielle Kredite gezählt wer¬
den, figuriert unser Land an viert¬
letzter Stelle.
Die Steigerung dieses Zustroms
von Finanzen hat aber auch seine
Kehrseite. Die öffentlichen Schul¬
den von 81 Entwicklungsländern
erhöhten sich zwischen 1961 und
1968 von 21,6 Milliarden Dollar auf
etwa 60 Milliarden, also um rund
180 Prozent, und damit der Schul¬
dendienst (Zinsen und Rückzah¬
lungen) von 2,3 auf 5,3 Milliarden
Dollar. Da die Erlöse der Entwick¬
lungsländer aus dem Export von
1 Trends in Developing Countries:
International Bank for Reconstruction
and Development, Washington, D. C.,
August 1970.
Waren und Dienstleistungen nicht
im gleichen Ausmaß größer wur¬
den, stieg der Anteil dieses Schul¬
dendienstes 1969 von 6,4 Prozent
der Exporterlöse auf etwa 8 Pro¬
zent. Das ist zum Teil auch darauf
zurückzuführen, daß die Preise der
Exportgüter aus den Entwick¬
lungsländern, in der Hauptsache
Rohstoffe, weit hinter der Steige¬
rung der Exportpreise der Indu¬
strieländer, die meistens Fertig¬
waren betreffen, zurückblieben.
Noch deutlicher zeigt sich dieser
Trend in der Entwicklung der so¬
genannten „terms of trade", der
Relation zwischen Export- und Im¬
portpreisen. Der Index dieser
„terms of trade" (auf der Basis
von 1950 — 100) stieg in den Indu¬
strieländern von 108 in 1961 auf
111 in 1969, in den Entwicklungs¬
ländern jedoch nur von 89 auf 93.
Einfacher ausgedrückt, die Preise
für die Einfuhren der Entwick¬
lungsländer blieben in der ersten
Entwicklungsdekade weiterhin
höher als die für die Exporte. Die
Entwicklungsländer konnten 1969
für je 100 Dollar, die sie im Export
erzielten, nur den Gegenwert von
93 Dollar einführen.
Die vor kurzem zu Ende gegan¬
gene 25. Generalversammlung der
UNO hat das unbefriedigende Er¬
gebnis der ersten Entwicklungs¬
dekade festgestellt und eine zweite
für die siebziger Jahre beschlossen.
Wiederum haben sich die „entwik-
kelten" Mitgliedsstaaten der Welt¬
organisation dazu verpflichtet, bis
1975 mindestens 1 Prozent ihres
Bruttonationalprodukts für Ent¬
wicklungshilfe aufzubringen. Nach
den bisherigen Erfahrungen ist das
jedoch kaum zu erhoffen, hat doch
der Reichste unter ihnen, die Ver¬
einten Staaten von Amerika,
1969 nur 0,49 Prozent des BNP aus
offiziellen und privaten Quellen in
die Entwicklungsländer fließen las¬
sen. Peter Anders
6 j ARBEIT UND WIRTSCHAFT 2/71
        

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