Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

HEINZ IRRGEHER
Von der (Ausbildungs-) Not zur (Verkaufs-) Tugend
Computer-Branche im Ausbildungsdilemma
In unserem 'Artikel „Computerberufe — Dichtung
und Wahrheit" („Arbeit und Wirtschaft" Nr. 12/1970)
beschäftigten wir uns mit den Berufsbildern der ein¬
zelnen Datenverarbeitungsberufe. In der Berufs¬
gruppe der Organisatoren, Programmierer, Opera¬
teure und des Datenerfassungspersonals herrscht der¬
zeit eine enorme Nachfrage nach qualifizierten
Arbeitskräften. Dies wird durch eine jährliche
Wachstumsrate von etwa 25 bis 30 Prozent an bestell¬
ten und installierten elektronischen Datenverarbei¬
tungsmaschinen (EDVA) verursacht, was einen im
gleichen Ausmaß steigenden Personalbedarf zur Folge
hat. Heute arbeiten in Österreich rund 8000 Menschen
in diesen Berufen, bis 1977 wird ein Bedarf von wei¬
teren 22.000 erwartet.
Grundsätzlich gibt es drei Ausbildungsmöglichkei¬
ten: durch eine Computerherstellerfirma, durch pri¬
vate Einrichtungen und durch das staatliche Bil¬
dungssystem.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem über dia
Herstellerfirmen führenden Ausbildungsweg. (Ein ab¬
schließender Artikel wird die anderen Ausbildungs¬
möglichkeiten beleuchten.) Die Frage, ob die Ausbil¬
dung von Computerpersonal durch die Herstellerfir¬
men einen eigenen Artikel rechtfertigt, läßt sich
leicht beantworten:
Neun Zehntel der Personen, die heute die oben er¬
wähnten Berufe ausüben, sind den Herstellerweg ge¬
gangen. Aber auch unter dem Rest wird es nur
wenige geben, die ohne eine ergänzende Ausbildung
bei einer Herstellerfirma „berufsreif" geworden sind.
Keine „Gebrauchsanweisung" — kein Geschäft
Es wäre falsch anzunehmen, daß die Computer¬
erzeuger diesen Zustand von allem Anfang an mit
Absicht herbeigeführt haben: Unternehmen wie
IBM, Siemens oder Univac hätten zu dem Zeitpunkt,
als sie mit ihren Produkten auf den Markt kamen,
gerne darauf verzichtet, Hauptträger der Ausbildung
zu werden. Da aber zu Beginn des Computerzeitalters
(in Österreich etwa 1960) praktisch keine Alternative
vorhanden war — weder eine staatliche noch eine pri¬
vate —, standen die Computererzeuger vor der Not¬
wendigkeit, die Ausbildungslast zu übernehmen, woll¬
ten sie nicht wesentlich weniger Computer verkaufen.
In den Jahren seither hat sich an dieser Situation
nicht viel geändert: Es gibt zwar staatliche und auch
private Ansätze zu Ausbildungsalternativen, die aber
deshalb nur Ansätze sind, weil sie nicht geeignet er¬
scheinen, dem zahlenmäßigen Bedarf auch nur einiger¬
maßen gerecht zu werden.1 Dieser Umstand läßt ver-
. J Über die Tätigkeit des Berufsförderungsinstituts auf diesem
Gebiet hat Josef Eksl in der Oktober-Nummer von „Arbeit und
Wirtschaft" berichtet. Die Redaktion.
muten, daß weiterhin 90 Prozent der Ausbildung von
den Herstellern der Computer getragen werden müs¬
sen.
Man könnte nun meinen, daß das Nachhinken des
staatlichen Bildungswesens zwar bedauerlich sei, aber
in diesem Fall keineswegs schwer wiege: Schließlich
liegt es ja im Verkaufsinteresse der Computererzeu¬
ger, die Ausbildung zu übernehmen und damit auch
die daraus entstehenden Kosten, die sich dadurch der
Staat und damit der Steuerzahler erspart.
So einleuchtend diese Argumentation auch klingt,
wird doch dabei ein wesentlicher Umstand übersehen:
Das Wissen um die Möglichkeiten und die Grenzen
eines Einsatzes von Computern ist zu einem Monopol
der Erzeuger geworden, dessen Handhabung von ver-
kaufsstrategischen Gesichtspunkten diktiert wird.
Man hat gelernt, aus der Not eine Verkaufstugend zu
machen.
Je —n
Dies führt zur totalen Abhängigkeit — sei sie
bewußt oder unbewußt — aller jener, die direkt oder
indirekt auf Computer angewiesen sind. Da in immer
mehr Lebensbereichen das Instrument der elektroni¬
schen Datenverarbeitung notwendig wird, werden
letztlich alle Staatsbürger davon betroffen sein.
Schließlich ist auch der Mangel an Fachleuten, die von
den Herstellern unabhängig und unbeeinflußt sind, die
also, sagen wir grob: „Computerprobleme" nach objek¬
tiven Gesichtspunkten beurteilen könnten, eine Folge
des Ausbildungsmonopols der Computerhersteller.
Dem Kunden zuliebe ...
Sobald sich ein Unternehmen zum Kauf oder zur
Miete einer EDVA irgendeines Fabrikats entschlossen
hat, wird auch das Problem der Personalrekrutierung
aktuell. In der Regel schlägt das Unternehmen der
Computerfirma einige seiner Mitarbeiter zur Ausbil¬
dung vor, die sich entweder daran interessiert gezeigt
haben oder deren Computerausbildung von der Unter¬
nehmensführung gewünscht wird.
Diese Personen werden daraufhin von der Com¬
puterfirma auf ihre fachliche Eignung getestet. Die
Ergebnisse werden der Unternehmensleitung mitge-
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