Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

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Auf diese Tatsache weist diese die westdeutsche
Computerausbildung sehr gründlich durchleuchtende
Studie im übrigen schon in der Einleitung hin, näm¬
lich, daß die Funktion der Ausbildung schon frühzeitig
von den Herstellerfirmen erkannt worden ist:
„Ausbildung
ist ein wesent¬
licher Teil der
Marktstrategie
der Firmen. Als
Dienstleistung
spielt Ausbil¬
dung im Rahmen
der Kaufverträge
eine bedeutende
\ Rolle. Im übrigen
wird hier die Interdependenz zwischen Marktchancen
sowie gezielten und systematischen Ausbildungs¬
bemühungen beispielhaft ersichtlich."
Der hier dargestellte Zusammenhang führte offen¬
bar dazu, daß in den letzten zehn Jahren zweieinhalb
Computergenerationen3 verkauft werden konnten.
Das Fehlen herstellerunabhängiger Computerfach¬
leute macht sich besonders nachteilig bei der Neu¬
anschaffung eines EDV-Systems in einem Betrieb
bemerkbar. Die Unternehmensleitung weiß in den sel¬
tensten Fällen darüber Bescheid, worüber sie eigent¬
lich entscheidet. Sie ist zur Gänze auf die meist viel¬
versprechenden Angebote und Systempläne der Com¬
puterhersteller angewiesen, die von deren System¬
beratern und Verkaufsrepräsentanten nach den Wün¬
schen und Vorstellungen der Kunden erstellt werden.
Oft aber sind diese Wünsche, die die Lieferfirma
selbstverständlich erfüllt, wirtschaftlich nicht sinn¬
voll — woher soll die Unternehmensleitung, die Wun¬
derdinge erwartet und sich über die Möglichkeit der
Realisierung ihrer Vorstellung freut, das wissen? Zum
Beispiel kann eine der Aufgaben, die auf dem Com¬
puter laufen sollen, eine hohe Maschinenkapazität er¬
fordern, während andere Aufgaben aber eine weit
kleinere benötigen. Angeschafft wird dann eine ziem¬
lich große System-Konfiguration, die nur bei dieser
einen großen Aufgabe ausgelastet ist, bei den
anderen „Jobs" bleibt die restliche vorhandene
Kapazität ungenützt. Mit Krampf wird dann meist
der Versuch unternommen, um jeden Preis zusätzliche
Aufgaben für den Computer zu finden. Dies ist auch
eine der Erklärungen dafür, daß die überwiegende
Zahl aller Computer von den Unternehmen, die ihren
Zuschlag für eine bestimmte Erzeugerfirma meist ge¬
fühlsmäßig geben, nicht sinnvoll, das heißt als Fehl¬
investition eingesetzt sind.4 Betriebsfirmen, die
J3
' Die erste Generation (vor 1960) arbeitete auf Röhrenbasis, die
zweite mittels Transistoren, die dritte mit sogenannten „gedruck¬
ten" Schaltungen, und die Schaltungen der dreieinhalbten sind nur
noch durch Lupen zu erkennen (dadurch hohe Rechengeschwindig¬
keit).
4 Siehe dazu in diesem Zusammenhang auch Universitätsprofes¬
sor Dr. Gerhart Bruckmann: „Automatische Datenverarbeitung:
Alptraum oder Voraussetzung wirtschaftlichen Fortschritts?" in:
„Die Industrie" Nr. 7 vom 14. Februar 1969, Seite 5 ff., oder „Die
Computer werden schlecht genutzt", Interview mit Universitäts¬
professor Dr. Erwin Grochla, Ordinarius an der Universität Köln,
in „Der Volkswirt" Nr. 22 vom 31. Mai 1968, Seite 35 &.
manchmal
herangezogen
werden,
haben zumeist
(auch ihre
Mitarbeiter
sind von
irgendeinem
Hersteller
einmal ausge¬
bildet worden)
ebenfalls eine
bestimmte
Hersteller-
Präferenz.
Es ist sogar
fraglich, ob auf Hochschulebene wirklich Unabhängig¬
keit von den Herstellern herrscht: Konsulentenverträge
zwischen Universätsprofessoren und Computererzeu¬
gern sprechen eher für das Gegenteil.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Verkaufs¬
interessen sind legitim, dies will niemand bestreiten.
Weiterentwicklung von technischem „know-how"
— von Fachwissen — ist nicht nur legitim, sondern
notwendig. Die Erfüllung von Kundenwünschen in
Verbindung mit Verkaufsinteressen ist ebenfalls legi¬
tim. Konsulentenver¬
träge sind es gleich¬
falls. Dennoch gibt
die Summe dieser
Legalität zu äußer¬
stem Unbehagen An¬
laß, einem Unbeha¬
gen, für das die Ab¬
wesenheit des staat¬
lichen Bildungs¬
systems auf diesem
Sektor, das damit
den Erzeugerfirmen
freie Hand gege¬
ben hat, verantwort¬
lich gemacht werden
muß.
Die Bemühungen der letzten zwei Jahre (Schaffung
der Studienrichtung „Informatik" an der Technischen
Hochschule Wien, Institut für Organisation und
Datenverarbeitung an der Universität Graz, einzelne
Spezialvorlesungen an anderen Hochschulen, EDV als
Freigegenstand an kaufmännischen Berufsschulen)
müßten vervielfältigt werden. Die Aussichten dafür
sind allerdings eher trist: Es gibt keine Anzeichen
dafür, daß diesem Anliegen in einem der dargestellten
Sachlage entsprechenden Ausmaß entsprochen würde.
Zweifler seien auf die stiefmütterliche Vorsorge für
unsere Hochschulen in personeller, sachlicher und
budgetärer Hinsicht verwiesen. Es gibt zwar Einzel¬
initiativen zur Errichtung eines herstellerunabhän¬
gigen „know-how". Seit kurzem existiert eine
„österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik",
deren Mitglieder dieses Ziel als Freizeitgestaltung zu
erreichen versuchen.
Solange man Bemühungen dieser Art allerdings
nicht auf breiter Front einrichtet und fördert, machen
solche Schwalben keinen Sommer.
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2/71 ARBEIT UND WIRTSCHAFT j 9
        

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