Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

Arbeitsmarktforschung in Osterreich PETER
Der österreichische "Ärbeitsmarkt ist in Bewegung.
Pendler, Gastarbeiter, Heim- und Teilzeitarbeiter
einerseits, gesetzliche Maßnahmen, Mittel und Mög¬
lichkeiten zur notwendig gewordenen fachlichen Wei¬
terbildung und nicht zuletzt eine sich langsam durch¬
setzende Arbeitsmarktforschung andererseits kenn¬
zeichnen die bunte Palette des heimischen Arbeits¬
marktes.
Die Probleme der Arbeitsmarktforschung beschäfti¬
gen die zuständigen Stellen schon seit langem. Bereits
1956 wurde den Bediensteten der Arbeitsmarkt¬
verwaltung in einem Schulungsheft dargelegt:
„Man bezeichnet ,Arbeitsmarktpolitik' als den Inbe¬
griff der Maßnahmen, die auf Grund der Gegebenhei¬
ten zur Erhaltung oder Erreichung eines bestimmten
Beschäftigtenstandes getroffen werden."
Wer jedoch glaubt, daß die Arbeitsmarktpolitik nur
die Summe der zu treffenden Maßnahmen ist, wird
hier eines Besseren belehrt: „Arbeitsmarktpolitik ist
nicht der Inbegriff von Maßnahmen, sondern besteht,
wenn man die unter diesen Begriff fallenden Erschei¬
nungen kennzeichnet, aus Zielen, Grundsätzen, mehr
oder minder umfassenden Bestimmungen, organisato¬
rischen Einrichtungen, die an der Entstehung sowie
an der Erhaltung von Arbeitsverhältnissen mitwir¬
ken."
Wenn wir behaupten, daß die Arbeitsmarktpolitik
nicht die Summe der Verwaltung ist, so muß — um
eventuellen Mißverständnissen rechtzeitig vorzubeu¬
gen — festgehalten werden, daß die einzig autorisier¬
ten und befugten Institutionen für die Ausübung der
Arbeitsmarktverwaltung die Arbeitsämter, Landes¬
arbeitsämter und die hierfür geschaffenen Stellen des
Sozialministeriums sind.
Gezwungenermaßen muß es sich bei der „Verwal¬
tung" um eine — ohne Zweifel notwendige — „büro¬
kratische" Einrichtung handeln; in diesem Zusammen¬
hang ist jedoch erwähnenswert, daß diese Institutio¬
nen selbst — nämlich die Arbeitsämter — von sich
aus die Notwendigkeit der dynamischen und unbüro¬
kratischen Behandlung arbeitsmarkttechnischer Ma߬
nahmen erkannten, weil nur diese Vorgangsweise den
entsprechenden Erfolg garantiert.
Der thematische Oberbegriff der Industrie- und Be¬
triebssoziologie ist die „Soziologie der industriellen
Verhältnisse", wobei wir uns eine Pyramide vorstel¬
len sollen. An der obersten Stelle, wo die Aufbaulinien
zusammentreffen, steht die Arbeitssoziologie. Dar¬
unter, als auseinanderlaufender Mittelteil, die Indu¬
striesoziologie und ganz unten, als breite Basis, die
Betriebssoziologie.
Zu den allgemeinen arbeitssoziologischen Unter¬
suchungen gehören zum Beispiel eine alle Berufe und
Branchen umfassende Fluktuationsanalyse, also
Arbeitsplatzwechseluntersuchungen, oder die Erstel¬
lung eines polytechnischen Uriterrichtsplanes im Rah¬
men der Berufszuführung.
Die Industriesoziologie umfaßt die berufs- und
branchenmäßigen Erhebungen von interbetrieblichen
Vorgängen und Gegebenheiten. Die entsprechenden
Beispiele hierfür wären die Fluktuationsanalyse in der
Holzverarbeitungsindustrie, die Erstellung eines poly¬
technischen Unterrichtsplanes für die Metallindustrie
oder die Um- und Nachschulungsmaßnahmen und
-möglichkeiten für die Montanindustrie.
In der Betriebssoziologie werden schließlich die
konkreten betrieblichen Problemstellungen vollzogen.
Hier erfolgt dann die eigentliche Feldarbeit.
Eine verhältnismäßig glückliche Themenzusammen¬
stellung gibt uns Dr. Konrad Thomas in seinem Buch
„Die betriebliche Situation der Arbeiter" wieder. Er
spricht dabei von:
# Herrschaft und Ordnung,
0 Information,
# Gruppen,
# Fähigkeiten,
% Lohn und Leistung,
% Anpassung und Gewöhnung.
Es würde zu weit in die reine Theorie führen, all
diese Faktoren näher zu beschreiben. Wichtiger als die
„Schreibtischarbeit" ist die Grundlagensammlung für
die einzelnen gesetzlich festgelegten Maßnahmen.
Die Strukturbestimmung des Arbeitsmarktes im
soziologischen Sinne ist eine Angelegenheit konse¬
quenter Durchführungsmaßnahmen. Die doppelte
Aufgabe der Diagnostik und der Therapie fällt in
Österreich in die Agenden der Arbeitsmarktverwal¬
tung. Eine statistische „Vertheoretisierung" dieses
Fragenkomplexes ist unrichtig; der Arbeitsmarkt
kann nur in seiner Dynamik betrachtet werden.
Zu den ersten praxisbezogenen Arbeiten gehörte
die Fluktuationsanalyse des Landesarbeitsamtes
Wien, die als Totalerhebung den Wiener Arbaitsmarkt
nach verschiedenen Gesichtspunkten durchleuchtete.
Bereits auf breiterer Basis stehen die Untersuchun¬
gen des Linzer Instituts für Arbeitsmarktpolitik.
Hier entsteht, angeschlossen an die Hochschule für
Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, ein Zentrum
der Arbeitsmarktforschung. Einen Teil der Unterla¬
gen, die in Linz zusammengestellt, verarbeitet und
kommentiert werden, liefern die Arbeitsämter, Lan¬
desarbeitsämter beziehungsweise das Sozialministe¬
rium. Daneben werden auch eigenständige Unter¬
suchungen durchgeführt.
Geschichte und Vermittlung
Die Publikationen des Linzer Institutes basieren
stets auf empirische Arbeiten. So untersucht Profes¬
sor Dr. Rudolf Strasser im Heft I „Die rechtliche Ord¬
nung der Arbeitsplatzbesetzung". Er setzt sich vor
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