Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1973 Heft 01 (01)

Kritik- Diskussion -Kommentar Löhne, Preise und Inflation Liebe Maria Szecsi! Gestatten Sie, einige Be¬ merkungen zu Ihren Ausfüh¬ rungen in der Nr. 12/72 von „Arbeit und Wirtschaft", in der Sie meinen Artikel in der „Ar¬ beiter Zeitung" vom 9. Novem¬ ber 1972 kritisieren. So einsei¬ tig bin ich natürlich nicht, zu glauben, daß nur die Lohn¬ politik der Gewerkschaften an der Inflation schuld sei, wenn ich auch zu jenen gar nicht so wenigen gehöre, die den Bei¬ trag der Lohnpolitik zum „Ge¬ samtkomplex der Inflation" ziemlich hoch einschätzen. Das gilt besonders für die Jahre 1971 und 1972, da die Arbeits¬ einkommen plötzlich vom lang¬ jährigen Jahresdurchschnitt von 7 bis 8% auf etwa 13% hin¬ aufschnellten. Das sind jene Erhöhungen, von denen ich schrieb, daß sie beträchtlich über die wirtschaftliche Wert¬ schöpfung hinausgehen und in einer realen Zuwachsrate des Sozialprodukts von 5 oder 6% nicht unterzubringen sind. Diese beiden letzten Jahre ha¬ ben uns dann auch — ganz folgerichtig — die hohe Infla¬ tionsrate beschert. Gewiß, ich habe mich in dem fraglichen Artikel, der, wie Sie freundlicherweise feststellen, „einiges Aufsehen erregte", nur mit der Lohnpolitik befaßt: In einem kurzen Zeitungsar¬ tikel kann man nämlich nicht das gesamte Inflationsproblem behandeln. Wichtiger aber war folgende Erwägung: Die Wo¬ chen, die dem Erscheinen des Artikels vorangingen, waren von einer wahren Preispsy¬ chose erfüllt. Politiker, Interes¬ senvertreter und Massenme¬ dien sprachen, schrieben und stritten darüber. Nur über eine der wichtigsten Ursachen der Preissteigerungen, über die stark gestiegenen Arbeitsein¬ kommen wurde geschwiegen. Das ist erklärlich: Die eine Seite wird sich nicht selber an¬ klagen, die andere, die Un¬ ternehmer, wissen sehr genau, daß sie in einem Inflations¬ klima die gestiegenen Lohn¬ kosten und darüber auf die Preise überwälzen können. Ich hielt es daher für angebracht, dieses Problem zu erörtern. Sie wenden sich dagegen, daß ich Lohnsteigerungen von 14 und 15% als „üblich" be¬ zeichne, und setzen dem ihre „Wirklichkeit" von nur 7,4% entgegen. Diese Werte gelten jedoch ihren eigenen Angaben zufolge für 1968 bis 1970. Wir aber schreiben 1972! Und da heißt es in dem Monatsbericht vom November 1972 des Wirt¬ schaftsforschungsinstituts, auf Seite 431, daß verschiedene Sparten der Lebensmittelarbei¬ ter Tariflohnerhöhungen zwi¬ schen 14 und 15,5% erhielten, daß die Mindestlöhne in In¬ dustrie und Gewerbe im Ok¬ tober 1972 um 15,5% höher waren als ein Jahr vorher. Meine „Wirklichkeit" ist also doch verläßlicher. Nun noch zu einem wichti¬ gen Problem. Sie meinen, wenn ich Sie richtig verstehe, daß eine Fortsetzung der ge¬ werkschaftlichen Lohnpolitik, wie sie bis 1970 verfolgt wurde, also Erhöhungen der Arbeitsverdienste im Jahres¬ durchschnitt von etwa 7,5%, zu einer permanenten Umvertei¬ lung des Volkseinkommens zu¬ gunsten der Gewinne geführt hätte. Über diese These bin ich erstaunt. Sie haben doch selbst die aufschlußreiche Studie „Der Lohnanteil am österreichischen Volkseinkom¬ men 1913 bis 1967" verfaßt, in der Sie, in Übereinstimmung mit ausländischen Untersu¬ chungen, ein Ergebnis erarbei¬ teten, das Ihrer obigen These widerspricht. In der Studie kommen Sie nämlich zu dem Schluß, daß in parlamentari¬ schen Demokratien die Anteile der Löhne einerseits und die der Unternehmergewinne an¬ derseits über längere Zeit¬ räume hinweg unverändert bleiben. Sollte das, was Sie für 54 Jahre nachweisen, ge¬ rade für die Zeit nach 1970 nicht gelten? Das ist nicht an¬ zunehmen. Ich komme daher, gestützt auf Ihre Gedankengänge, zu folgendem Schluß: Nach 1970 gaben die Arbeitnehmer die „produktivitätsorientierte Lohn¬ politik" (Lohnforderungen im Rahmen des Wirtschaftswachs¬ tums) auf und versuchten, sich einen größeren Anteil am So¬ zialprodukt auf Kosten der Ge¬ winne zu sichern. Die Unter¬ nehmer wehrten sich, indem sie ihrerseits ihren Anteil am Volkseinkommen mittels höhe¬ rer Preise zu erhalten suchten. Da das Volkseinkommen durch solche Manöver nicht wirklich vergrößert werden kann, stei¬ gen Arbeitseinkommen und Unternehmergewinne nur no¬ minell, und der Ausgleich wird auf einem mehr oder minder höherem Preisniveau wieder¬ hergestellt. In der Praxis sieht das so aus: Die Löhne jagen die Preise, die Preise jagen die Löhne, und das ganze heißt Inflation. Wenn ich mich seit langem bemühe, die Gefahren der In¬ flation aufzuzeigen, so deswe¬ gen, weil ich überzeugt bin, daß die Mehrheit der Arbeit¬ nehmer und alle wirtschaftlich Schwachen das größte In¬ teresse an einer Stabilität des Geldwertes haben; daher mein Anliegen, eine Lohnpolitik zu betreiben, die diese Stabilität nicht zu sehr gefährdet. Lassen Sie mich abschlie¬ ßend, als Beweis, daß mein Inflationsmodell kein „mono¬ kausales" ist, noch ein paar andere Komponenten der ak¬ tuellen Inflation beispielweise und stichwortartig erwähnen. Zur Beschleunigung der In¬ flationsrate hat 1972 wesent¬ lich die Geschäftspolitik der Kreditinstitute beigetragen. Die der Wirtschaft gewährten Kre¬ dite stiegen innerhalb Jahres¬ frist um die enorme Summe von 40 Milliarden Schilling oder 20% (eine angemessene Zuwachsrate wäre 14 bis 15% gewesen). Bemühungen der Währungsbehörde, diese An- heizung der bereits bestehen¬ den Überkonjunktur zu dämp¬ fen, scheiterten an dem Wider¬ stand des Kreditapparates. Die BauWirtschaft. Als der Bundeskanzler im Spätsommer von einer Baubremse sprach, waren alle Teufel los, zu denen auch die Bauarbeiterge¬ werkschaft zählte. Von der Bauwirtschaft geht, wie be¬ kannt, ein besonders starker Preisauftrieb aus. Und dort wo sich Kreditwirtschaft und Bauwirtschaft treffen, hat sich ein Inflationsherd eigener Art entwickelt: das Bausparen. Ein ursprünglich richtiger wirt¬ schaftlicher Gedanke ist, in manchen Fällen bis zum Mi߬ brauch, verfremdet worden. Das Bundesbudget ist, wie man es dreht und wendet, seit geraumer Zeit ein böser Infla¬ tionsherd. Es ist üblich, den Finanzminister dafür verant¬ wortlich zu machen. Das ist nicht ganz richtig. In einer par¬ lamentarischen Demokratie ist nämlich der Finanzminister so sehr dem Druck, ja der Nöti¬ gung der politischen Parteien, der Interessenverbände, der Sozialpartner ausgesetzt, daß ich hier nur wiederholen kann, was ich schon anderswo sagte: An der Inflation sind wir alle schuld. Ich hoffe, daß wenigstens der letzte Satz Ihre Zustim¬ mung finden wird. Mit den besten Grüßen Ihr Karl Ausch Unrealistisch (Zu Thomas Lachs: „Die Tal¬ fahrt ausgelassen?" in Nr. 11/72.) Es ist nur natürlich, daß ein ÖGB-Referent die Preissteige¬ rungen sieht, allein die Löhne ganz aus seinen Betrachtungen läßt. Es ist einfach unreali¬ stisch, die Preise zu erhöhen, weil die Lohnkosten gestiegen sind, umgekehrt aber auch die Löhne anzuheben, weil die Preise angestiegen sind. Ich verweise auf den sehr interes¬ santen Kommentar des Gene- 2 ;irixil wirlsduill 1/73

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