Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1973 Heft 01 (01)

ralrates der österreichischen Nationalbank, Karl Ausch, in der „Arbeiter-Zeitung" vom 9. November 1972. Vor allem ist es doch bekannt, daß Lohner¬ höhungen im Dienstleistungs¬ sektor durch Produktivitätser¬ höhungen nicht aufgefangen werden können, wodurch die Preise steigen müssen; dazu kommt noch, daß der tertiäre Bereich sich immer mehr aus¬ weitet. Wenn aber die Indu¬ strielöhne steigen, werden auch mehr Dienstleistungs¬ löhne gezahlt, um das Gleich¬ gewicht zu erhalten. Zu den Maßnahmen, die zur Inflationsbekämpfung vorge¬ schlagen werden: Erstens wur¬ den die Löhne dabei natürlich „vergessen", zweitens befindet sich darunter ein Widerspruch' Gefordert wird „strenge Limitie¬ rung des Kapitalimports" unter Beibehaltung des Wirtschafts¬ wachstums bei Vollbeschäfti¬ gung. Entweder man will eine Devisenbewirtschaftung als In- flationsbekämpfungsmaß- nahme, dann muß man aber auch ein stagnierendes Wirt¬ schaftswachstum in Kauf neh¬ men, oder aber ein Wachstum, dann aber ohne Kapitalimport¬ beschränkungen. Kurt Bednar, Wien 17 Kinderreiche Familien diskriminiert (Zu unserem Artikel „Was kann Familienpolitik heute be¬ deuten?" von Albrecht K. Ko- necny in Nr. 9/72.) Der ÖGB und der Arbeiter¬ kammertag sind auf dem besten Wege, jetzt wieder eine andere Diskriminierung zu gebären. Waren nach ihrer Ansicht bis jetzt die „berufstätigen Müt¬ ter" diskriminiert, so wird jetzt die „Nur-Hausfrau und Mutter" durch den Kakao gezogen und als „unerfüllt" hingestellt, als ob die Arbeit an der Schreib¬ maschine oder am Fließband eine mehr erfüllende Aufgabe wäre, besonders dann, wenn die Mutter immer daran den¬ ken muß, ob daheim alles glatt geht. Auf die Idee, daß man auch die tägliche Arbeit der Hausfrau und die Erziehungs¬ tätigkeit der Mutter als Beruf anerkennen könnte, kommt man anscheinend nicht. Es erscheint mir sehr unvor¬ sichtig von „Arbeit und Wirt¬ schaft", den Unselbständigen die Schaffung der Absetzbe¬ träge durch Finanzminister Dr. Androsch womöglich als soziale Großtat hinzustellen. Denn gar so gut ist die Idee nicht, und die Gewerkschaft kommt damit in Gefahr, als Zutreiber des Finanzministers aufzuscheinen. Nach den Er¬ fahrungen mit den Familienbei¬ hilfen sind solche Beträge nämlich sehr starr. Wenn nun die Preise weiter so steigen, so wird der ÖGB vielleicht doch bald zu einer weiteren Lohn¬ runde antreten müssen. Der Gewinner ist der Finanzmini¬ ster, weil dann die Steuer an¬ steigt und damit seine Einnah¬ men; die Absetzbeträge blei¬ ben gleich, die Progression trifft den Familienerhalter mit voller Wucht. Die Steuerfreibeträge haben die Vorteile der Automatik ge¬ habt, denn bei einer Lohnstei¬ gung ist in einem viel beschei¬ denerem Maße die Steuer¬ schuld gestiegen. Es wäre vor¬ teilhaft, einmal die rosa Brille abzunehmen und die Sache mit dem Rechenstift zu prüfen. Ge¬ schröpft wird der Staatsbürger auch unter Androsch. Sie mokieren sich, daß die Kinderbeihilfen gestaffelt sind, und stellen es so dar, daß das aus der Ideologie der Bevorzu¬ gung kinderreicher Familien er¬ klärbar sei. Es ist in Vergessen¬ heit geraten, daß der Antrag der sozialistischen Abgeordneten Floßmann, Moik, Proksch, Joch¬ mann und Genossen im Jahre 1954 eine weit höhere Staffelung nach Kinderzahl zum Inhalt ge¬ habt hat als die heutige Fami¬ lienbeihilfe. Anscheinend weiß aber auch hier der eine nicht, was der andere tut. Im Heft 7-8/1972 von „A+W" haben Sie über die Studie der Salzburger Arbeiterkammer „Das Gesicht der Armut" ge¬ schrieben, die in Zusammenar¬ beit mit dem IFES-Institut des sozialistischen Abgeordneten Blecha entstanden ist, also kei¬ nesfalls von „Bürgerlichen". Das Ergebnis dieser Untersu¬ chung würde für die Staffelung nach Kinderzahl sprechen, denn dort wird ganz eindeutig festgestellt, daß der Ausgleichs¬ zulagen-Richtsatz für den Al¬ leinstehenden (derzeit 1641 S, ab 1. Jänner 1973 1800 S) die Armutsgrenze markiert. Bei einem Bruttoeinkommen von 5000 S — das entspricht unge¬ fähr dem Durchschnittseinkom¬ men der Männer laut Grund¬ zählung des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger vom Jänner 1972 — heißt das, daß das gewichtete Pro-Kopf- Einkommen bei einer Familie mit zwei Kindern über 14 Jahre mit netto 1650 S derzeit noch ganz knapp über der Armuts¬ grenze von 1641 S liegt. Wenn man aber den Ausgleichszu¬ lagen-Richtsatz ab 1. Jänner 1973 mit 1800 S annimmt, dann fällt aber schon die Familie mit zwei Kindern über14 Jahre dar¬ unter. Ist Ihnen wirklich „jedes Kind gleichviel wert", dann sor¬ gen Sie bitte dafür, daß diese tatsächlich vorhandene Diskri¬ minierung weggeschafft wird. Man kann sich des Einwan- des nicht erwehren, daß nicht nur das „Heimchen am Herd" von den Vertretern der Unselb¬ ständigen diskriminiert wird, sondern auch die „kinderrei¬ che Familie". Die Unkenntnis der bevölkerungspolitischen Si¬ tuation ist verblüffend. Wenn das Wachstum der Weltbevöl¬ kerung so zunimmt, daß eine Verdoppelung in 35 bis 37 Jah¬ ren zu erwarten ist, so liegt die Situation in Österreich anders. Mit einem Wachstum von 1,5 Promille wird sich die österrei¬ chische Bevölkerung voraus¬ sichtlich in 462 Jahren verdop¬ peln, wenn die Geburtenrate nicht noch weiter zurückgeht. Ob es dann noch einen Ge¬ werkschaftsbund geben wird? Das alles sollte man überlegen, wenn man die Familie in die Ar¬ mut abdrängt. Warum weichen Sie so der „Erziehungsbeihilfe" aus? Schließlich wurde sie ja 1967 von Rosa Weber, Dr. Hertha Firnberg und Genossen gefor¬ dert und vom Familienpoliti¬ schen Beirat beim Bundeskanz¬ leramt am 24. Februar 1970 auch mit den Stimmen der Ver¬ treterinnen des ÖGB und des Arbeiterkammertages der Bun¬ desregierung zur Realisierung empfohlen. Warum realisiert Dr. Androsch diese alte sozialistische Forde¬ rung nicht? Wahrscheinlich, weil sie ihm etwas kosten würde — nämlich aus dem Budget — und er es diesmal doch nicht gut aus dem Familienlastenaus- gleichsfonds nehmen könnte. Hoffentlich kommt die Arbeit¬ geberseite nicht bei der näch¬ sten Lohnrunde darauf, statt Bargeld ein warmes Mittag¬ essen oder eine Decke anzu¬ bieten, da könnte der ÖGB in Schwierigkeiten kommen; denn wenn schon die Vertreter der Arbeitnehmer nach dem Truck¬ system der Entlohnung durch Naturalien Sachleistungen statt Bargeld bei den Familienbei¬ hilfen fordern, weil die Väter die Beihilfen sowieso versaufen, ist nicht ganz einzusehen, war¬ um nicht auch die Lohnerhö¬ hung versoffen werden soll. Oder hat das Geld für die Fa¬ milienbeihilfen im Lohnsackerl ein Mascherl? Dipl.-Ing. H. Danninger, Linz Chance vergeben (Zu „Bundeswirtschaftskam¬ mer polemisiert gegen .Unter¬ nehmen STOP'" in Nr. 11/72.) Der Arbeitskreis „Duale Be¬ rufsausbildung" dankt für die objektive Zitierung und weist aber darauf hin, daß einige wesentliche Punkte, wie zum Beispiel die Angleichung der Lehrpläne an die Erfordernisse der Wirtschaft, das wirtschafts- kundliche Seminar, die Forde¬ rung nach der Meistermatura sowie die Forderung nach außerordentlichen Lehrern in den Berufsschulen, in dieser Zi¬ tierung fehlen. Da darin die eigentlichen Wege aus der Bildungssackgasse aufgezeigt werden, halten wir diese Punkte für besonders wichtig. Erfreulich ist aber auch, daß der Jugendfunktionär sich posi¬ tiv zur dualen Berufsausbildung stellt. Der Arbeitskreis hält dieses System für eines der besten Ausbildungssysteme Österreichs. Theorie und Praxis werden hier vereint. Der Ju¬ gendliche ist motiviert zu ler¬ nen, weil er weiß, wofür er lernt. Gerade wegen dieser Ge¬ meinsamkeiten erlauben wir uns aber auch kritisch auf den Fragebogen „Unternehmen STOP" einzugehen. Vorweg eines: Hier wurde eine einma¬ lige Chance vergeben. Was hätte ein wissenschaftlich aus¬ wertbarer Fragebogen doch für Ansatzpunkte zu einer echten Reform geben können. Wesent¬ liche Fragen wurden nicht ge¬ stellt, Fragen nach Mißständen nicht genügend differenziert. So bleibt das, was der Jugend¬ funktionär der Bundeskammer vorwirft, nämlich Polemik. Und wenn wir aus Linz er¬ fahren, daß die Ergebnisse des Fragebogens „Unternehmen STOP" keineswegs zur Ein¬ leitung von ordentlichen Ver¬ fahren, sondern zur öffent¬ lichen Anklage von willkürlich ausgewählten Lehrbetrieben genützt werden, bestätigt das — leider — unsere Befürchtun¬ gen. Grundsätzlich begrüßen wir aber die positive Stellung¬ nahme des Jugendfunktionärs zur dualen Berufsausbildung. Die Lehrlingsausbildung wird auch in Zukunft eine der wich¬ tigsten in Österreich sein. Dr. Richard Schmitz, österrei¬ chischer Wirtschaftsbund, Bundesleitung 1/73 nriNif wirtsdinll 3

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