Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1973 Heft 01 (01)

nungen teilen können. Das klar
formulierte Buch will augen¬
scheinlich durch Provokation
aufrütteln. Das ist kein Nach¬
teil, sondern ein Vorzug der
Arbeit, die dadurch als Kataly¬
sator der immer mehr um sich
greifenden politischen Gleich¬
gültigkeit wirken könnte.
„Viele werden meine Auffas¬
sungen nur teilweise oder gar
nicht billigen", meint der 1926
in Dresden geborene Autor, der
an der Universität in Oxford
sein Studium absolviert hat
und bei einem Flugzeugunglück
1968 den Tod fand.
Die in dem vorliegenden Buch
des Kohlhammer-Verlages ab¬
gedruckten neun Referate über
die Sowjetpolitik der siebziger
Jahre, vorgetragen anläßlich
der Jahrestagung (1971) der
„Deutschen Gesellschaft für
Osteuropakunde", wollen die
Perspektiven der Sowjetpolitik
auf der Grundlage einer kriti¬
schen Darstellung der bisheri¬
gen und insbesondere der neue¬
sten Entwicklung aufzeigen.
Auf dieser Tagung sprachen
über Außenpolitik unter ande¬
ren Richard Löwenthal, der die
Ursachen des Entspannungs¬
bedürfnisses bei der sowjeti¬
schen Westpolitik begründete.
Das Referat von Wolfgang
Leonhard über die sowjetische
Innenpolitik rief ein lebhaftes
Für und Wider hervor. Insbe¬
sondere seine These vom „be¬
grenzten Neostalinismus" war
die Zielscheibe des Kreuz¬
feuers. Auf lange Sicht gese¬
hen, bestehe — nach Meinung
Leonhards — doch die Hoff¬
nung, daß die Sowjetunion
nach einer gewissen Periode
mit einer neuen Serie von Re¬
formen von oben beginnen
werde.
Mit Recht hoffen die Heraus¬
geber, daß dieser Sammelband,
der die Vorträge in der von den
Herausgebern überarbeiteten
Form vorlegt, zur Klärung der
umstrittenen Fragen beitragen
werde. R. Neumann
J. P. Netti: Der Aufstieg der
Sowjetunion. Von den revolutionä¬
ren Anfängen zur Weltmacht.
143 Abbildungen. Molden, Wien,
1972. 288 Seiten, Leinen, 190 S.
Richard Löwenthal und Heinrich
Vogel, Hrsg.: Sowjetpolitik der
70er Jahre. Wandel und Behar¬
rung. Kohlhammer, Stuttgart, 1972.
153 Seiten, kartoniert, 152,45 S.
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Aufruf gegen die Gewalt
Manes Sperber gehört jener
um 1900 geborenen Generation
an, für die die Geschichte ihr
an monströsen Gewalttaten
reichstes Zeitalter aufgespart
hatte. Ihr Lebensweg steht un¬
ter dem dopelten Trauma: dem
der deutschen Konzentrations¬
lager und der „Endlösung" in
Auschwitz auf der einen und
dem der massenhaften Ver¬
brechen des stalinistischen
Regimes auf der anderen Seite.
In seiner großen Roman-
trilogie „Wie eine Träne im
Ozean" hat der Autor ihr Schick¬
sal aus der Sicht jener Intellek¬
tuellen beschrieben, die in den
zwanziger Jahren alle ihre
Hoffnungen an die Fahnen Le¬
nins geknüpft hatten und mit¬
ten im verzweifelten Kampf ge¬
gen Hitler, mitten in der Ille¬
galität, erkennen mußten, daß
in ihrem geistigen Vaterland,
der großen Sowjetunion, nicht
minder verabscheuungswürdige
Dinge vor sich gingen. Diese
Erlebnisse haben ihn nie los¬
gelassen, sein ganzes Lebens¬
werk ist von ihnen geprägt.
Auch sein jüngster Essayband,
dem Problem der Gewalt ge¬
widmet, ist eine Fortsetzung
der Gespräche und Selbstge¬
spräche dieser Zeit.
Wie nicht wenige frühere
Kommunisten kommt auch Sper¬
ber zu dem Schluß, daß die
Oktoberrevolution (wie andere
Revolutionen auch) ihre Ziele
verfehlen mußte, weil es ein¬
fach nicht möglich ist, durch
Gewalt zu Freiheit von Gewalt
zu gelangen. Lange vor dem
russischen Oktober hat der eng¬
lische Historiker Lord Acton
mit einer prägnanten Kurzfor¬
mel den Finger auf dieses Di¬
lemma gelegt: „Macht korrum¬
piert, und absolute Macht kor¬
rumpiert absolut." Bei Sperber
wird daraus die „Dialektik der
4
A
m
Gewalt" — der Zwang, die ein¬
mal eroberte Macht mit Ge¬
walt zu erhalten, bei Strafe des
Unterganges; die unvermeid¬
liche Isolierung der revolutio¬
nären Elite von den Massen,
die das Umschlagen der ur¬
sprünglich „reinen", gerechten
Gewalt in Willkür und Terror
gegen die eigene Klasse, ge¬
gen die eigenen Genossen be¬
wirkt.
Dennoch anerkennt er, daß
es ein Ausmaß der Unterdrük-
kung gibt, das den Unterdrück¬
ten kein anderes Mittel läßt als
die revolutionäre Notwehr. Hier
und nur hier — die Anwendung
auf die Dritte Welt liegt nahe —
ist Gewalt moralisch gerecht¬
fertigt, was aber nichts an dem
fragwürdigen Ausgang des re¬
volutionären Unterfangens än¬
dert. Wo es aber legale Mittel
gibt, dem Protest gegen unge¬
rechte Zustände Ausdruck zu
geben und diese in noch so
kleinen Schritten zum Besse¬
ren zu verändern, dort kann
nach Sperber die Gewalt¬
anwendung, sei es im Großen
oder im Kleinen, sei es als
bloße „Provokation" oder als
echte terroristische Tat, nur
schnurstracks ins Verderben
führen.
Diese Überzeugung bringt
Sperber in scharfen Gegensatz
zur Theorie und politischen
Praxis der radikalen Linken
von heute. In den Führern der
Pariser Revolte vom Mai 1968
kann er — der historischen Bei¬
spiele gibt es ja leider ge¬
nug! — nicht die Erbauer der
ersehnten Zukunft sehen. Viel¬
mehr stehen vor seinem geisti¬
gen Auge die künftigen Mörder
ihrer Genossen, oder umge¬
kehrt, die ersten Opfer der von
ihnen entfesselten Revolution.
So füllt ihn der neu erwachte
revolutionäre Enthusiasmus der
Jugend nur mit Entsetzen,
ohne daß ein Schimmer der
Hoffnung seine scharfe, teils
zwar durchaus zutreffende, teils
aber höhnisch-oberflächliche
Kritik an ihren Handlungen,
Ideen und Schlagworten zu
mildern vermöchte. Seine Mah¬
nungen werden deshalb wohl
nur in seltenen Fällen die
Adresse erreichen, an die sie
gerichtet sind. Das ist schade,
denn sie enthalten manches,
was beherzigenswert wäre.
Weitaus schärfer und tiefer
erscheinen mir Sperbers Ge¬
danken zur Psychologie des
politischen Handelns und zur
Analyse der Motivationsstruktur
der aus dem Bürgertum stam¬
menden Intellektuellen. Der
beste Essay des Bandes, „Der
Mensch und seine Taten",
wirft in allgemeinster Form die
Frage nach dem merkwürdigen
Verhältnis von Handeln und
Persönlichkeitswerdung auf —
ein altes Thema Alfred Adlers,
dessen Schüler Sperber war.
Den Ausgangspunkt dieser Pro¬
blematik sieht er in dem Um¬
stand, daß alles menschliche
Handeln in zweifacher Hinsicht
der Unsicherheit ausgesetzt ist:
Nicht nur die Folgen unseres
Tuns sind unvoraussehbar, es
fehlt uns auch das sichere Wis¬
sen um uns selbst, die Selbst¬
erkenntnis, die notwendig wäre,
um „unserem Wesen" gemäß
zu handeln. Hieß es einst bei
Hegel, daß das Wesen des
Menschen seine Taten seien,
so heißt es umgekehrt bei
Sperber: „Wir entdecken han¬
delnd, daß wir nicht oder
nicht nur das sind, was wir zu
sein glaubten, weil wir plötzlich
in uns Züge eines Wesens ent¬
decken, das uns bis zu die¬
sem Augenblick unbekannt ge¬
blieben ist." So kommt es, daß
die Taten des Menschen ihn
seinem Sein entfremden, daß
sie sozusagen eine eigene Lo¬
gik entwickeln können, die ihn
ins Unbekannte treibt. So
macht sich auch der idealisti¬
sche Bürgersohn durch die ihm
an sich fremde Gewalttat mit
Gewalt zu jenem anderen, der
er sein will — zum bedingungs¬
losen Revolutionär, den nichts
mehr mit seiner Klasse verbin¬
det. Alles, was Sperber in Aus¬
führung dieses Grundgedan¬
kens zu sagen hat, sei es nun
am Beispiel der Angeklagten
der Moskauer Schauprozesse
oder der revolutionären Terror¬
gruppen von heute, ist mehr
als lesenswert. Es ist wichtig.
Maria Szecsi
Manes Sperber: „Leben in die¬
ser Zeit — sieben Fragen zur Ge¬
walt." Europa Verlag, Wien 1972.
188 Seiten, Paperback, 98 S.
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