Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1973 Heft 12 (12)

r7Tn7\„ - A I 7 Kritik - Diskussion -Kommentar Dienst ohne Waffe Es ist bemerkenswert, daß sich die »Arbeit und Wirtschaft« immer wieder mit dem Problem der Wehrdienstfrage beschäf¬ tigt — nur eigenartigerweise im¬ mer im negativen Sinn. Nur auf den letzten Absatz des Artikels »Dienst ohne Waf¬ fe« im Oktoberheft bezogen, zeigt sich, daß Sie immer jenen den Vorzug geben, die für die Wehrdienstverweigerung eintre¬ ten, und die Leser dieses Blat¬ tes fragen sich, wieso eigent¬ lich? Wenn man diese Abhandlung betrachtet, so könnte man sie als eine Provokation bezeich¬ nen — eine Provokation näm¬ lich allen jenen gegenüber, die in der Mehrheit dazu verpflich¬ tet sind, den Wehrdienst sehr wohl ableisten zu müssen —, und zwar auch dann, wenn er diesen auch aus anderen Grün¬ den nicht schmeckt! Ich wähle absichtlich das Wort »nicht schmeckt«, denn man kann sich bei all diesen Artikelschreibern nicht des Ein¬ drucks erwehren, daß es ihnen gar nicht so sehr um die Ret¬ tung der religiösen Wehrunwil¬ ligen geht, sondern vielmehr um jene Separatisten, die sich aus Bequemlichkeit und Queru- lantentum vor unliebsamen Ordnungsprinzipien drücken wollen. Von der Verpflichtung, für sein Land und für diese Ge¬ meinschaft allenfalls einzutre¬ ten, wenn es notwendig sein sollte, wollen wir gar nicht sprechen. Wie kommen eigent¬ lich die anderen Söhne, Väter und Männer unseres Landes dazu, für jene Herren den Kopf hinzuhalten, die sich auf Grund von Bequemlichkeitsfakten — oder aus Feigheit — aus dem Staube machen. Mein Sohn ist zwar kein reli¬ giöser Spinner, aber unter die¬ sen Aspekten, wie sie sich hier zeigen, werde ich versuchen, darauf Einfluß zu nehmen, daß er keinen Barrasdienst leisten wird, und wenn unsere jungen Burschen halbwegs etwas im 2 ariNil wirtsdisifl Kopf haben, werden wir uns das Wehrbudget ersparen kön¬ nen. Gewissensgründe sind schon recht, aber ein solches Ge¬ wissen müßten wir eigentlich alle haben. Leider hat es die Menschheit nicht. Daher hat der Gleichheitsgrundsatz zu gelten: entweder alle oder keiner; und die paar Sonderfälle - wenn sie medizinisch festgestellt sind — sind als wehruntauglich in Frieden zu lassen. Aber was hier betrieben wird, ist die reinste Wehrzersetzung; und wenn schon unsere Mehr¬ heit auf einem solchen Stand¬ punkt stehen sollte, dann soll man die anderen Söhne auch schön daheim lassen — und nicht nur die Oberschlauen. Leopold Redl, Klagenfurt Vormarsch der Scharlatane? Wer ist ein Künstler? Jener, der danach trachtet, sich und seine Ideen in seinen Werken zu verwirklichen, streng darauf bedacht, nicht offiziell gefördert zu werden, weil das seiner Seriosität schaden könnte, ängstlich bemüht, wenig zu ver¬ kaufen, wenig anerkannt zu werden? Darauf fixiert, immer nur Unikate zii fabrizieren, die ihm dann ein einzelner ab¬ kauft und in sein Wohnzimmer stellt oder hängt? Oder ist der ein Künstler, der wie Salvador Dali immer im Mittelpunkt steht, ruhelos, jede Chance nützend, sich und sein Werk in den Mittelpunkt zu rücken, bestaunt und be¬ wundert, angefeindet oder ge¬ priesen zu werden? Beide Kriterien sagen so viel wie nichts über den künstleri¬ schen Gehalt eines Werkes aus. Es gibt prominente und unbekannte Nieten. Es gibt stille und laute Künstler. Man¬ che sind laut und extrovertiert, und der Exhibitionismus ist die Triebfeder für ihre Kunst. Man¬ che sind in sich verschlossen, in sich lauschend, und das läßt sie Kunst schaffen. 12/73 Man kann sich ja nicht ein¬ mal darauf einigen, wozu Kunst überhaupt gut sein soll. Man¬ chem Künstler genügt es, durch Schreiben und Malen zu sich selbst zu finden, und künstle¬ rische Betätigung ist für ihn das, was für andere autogenes Training ist. Der Baum, die Landschaft, die aus ihm wach¬ sen, genügt ihm, ob sie nun verkauft und anerkannt werden oder nicht. Manche aber wol¬ len provozieren, zur Diskussion auffordern, aufrütteln: Und das verlangt die Verbreitung: denn was würde das beste Flug¬ blatt nützen, würde es nicht verteilt? Wenn sich also Robert Schmitt1 für die elitäre Kunst einsetzt, für das stille Unikat, so verkennt er, so negiert er, daß viele Künstler das als ih¬ ren Intensionen völlig entge¬ gengesetzt werten würden. Grass hat seine »Blechtrom¬ mel« nicht geschrieben, damit sie nicht gelesen wird. Aber dazu kommt noch ei¬ nes: Schmitt begibt sich — bewußt oder unbewußt — in gefährliche Gesellschaft. Er ist mit seiner Argumentation ge¬ nau in die Schar der Kunst¬ händler geraten, denen jede Demokratisierung der Kunst höchst zuwider ist. Denn bisher hatten sie ja ein Kartell: Auch in der Gra¬ phik produzieren sie so ge¬ ringe Auflagen, daß die Nach¬ frage immer das Angebot über¬ stieg. Das hatte zur Folge, daß man den Preis für Kunstwerke nie zu kalkulieren brauchte. Man hielt ihn künstlich hoch: Das Kartell funktionierte. Und jene, die sich einen teuren Kokoschka, einen teuren Pi¬ casso einfach nicht leisten konnten, schauten durch die Finger. Das ging so weit, daß man die Produktion von Künst¬ lern drosselte, daß man Werke zurückhielt, nur um »den Markt nicht zu übersättigen«. Es wird in der Geschichte der 1 Novemberheft, S. 60: »Der Künstler in der Gesellschaft von heute«. Kunst sicherlich als neue Epo¬ che vermerkt werden, daß die¬ ses Kartell eines Tages durch kalkulierte Großauflagen durch¬ brochen wurde. Durch Gro߬ auflagen, die — immer als Ori¬ ginalkunst vom Künstler be¬ stätigt — plötzlich eine ren¬ table Produktion möglich mach¬ ten und die Preise drücken. So sehr, daß heute — etwa bei »Euro Art« — die Kunst¬ käufer Beamte und Hilfsarbei¬ ter, Dreher, Bäcker und Ver¬ käuferinnen sind. Menschen, die zum erstenmal in ihrem Leben überhaupt Geld für Kunst ausgaben. Gar nicht, um sich »Wertpapiere« zu schaf¬ fen — dazu kannten sie den Markt viel zuwenig —, sondern einfach, weil ihnen Bilder ge¬ fielen und deren Preise er¬ schwinglich waren. Was ist Original? Die Techniken der Graphik erlauben es, ein Werk zu ver¬ vielfältigen. Und zwar so, daß der erste Abzug vom tausen- sten nicht zu unterscheiden ist. Bis zum wievielten Abzug — Dürer hat damit begonnen — reicht nun die Kunst? Bis zum siebten, zum zehnten, zum hundertsten? In allen Fällen ist die künstlerische Aussage dieselbe. Varianten sind nur außerhalb der Darstellung möglich: Man kann ein Auto¬ gramm hinsetzen, also signie¬ ren, und man kann die Blät¬ ter numerieren (wobei sich Snobs einreden können, die Nummer 18 sei besser als die Nummer 21). Ähnlich wie bei der Gra¬ phik ist es bei der Plastik. Wenn eine Skulptur abgegos¬ sen wird, ist der zweite Guß nicht vom hundertsten zu un¬ terscheiden. Weltberühmte Pla¬ stiken, etwa jene von Miche¬ langelo, sind keineswegs der Erstguß, weil das Verfahren ein paarmal schiefging. Kann man also hier sagen: Im Auf¬ trag einer elitären Kunst lassen wir nur zu, daß die Nummern 1 bis 7 Kunst sind und daher pro Stück 50.000 S kosten?

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