Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1985 Heft 01 (01)

der Menschen!« Sie wollen einfach
nicht sehen und zugeben, daß auf
diesem Gebiet schon sehr viel ge¬
schehen ist.
»Arbeit & Wirtschaft«: In der Dis¬
kussion, in den Medien, in der Politik
werden oft Schlagworte verwendet,
die es in sich haben, mitunter können
sie auch sehr gefährlich sein. In der
Ersten Republik gab es das berüch¬
tigte Schlagwort vom »Wasserkopf
Wien«. Schlagworte der letzten Zeit
sind »Sparbüchlsteuer«, »Maschi¬
nensteuer«, die »Betonierer«, das
»Geheimpapier«, das 200 Personen
bekommen haben, die Aussage:
»Kraftwerk, nein danke!« Seinerzeit
hat aber die Arbeiterbewegung auch
Schlagworte gehabt, die vielleicht
heute nicht mehr so bekannt und ge¬
fragt sind, wie: »Wissen ist Macht«,
»Bildung macht frei«. Es gibt eben
positive und negative Schlagworte.
Anton Benya: Als die Arbeiterbe¬
wegung angetreten ist, um mehr Bil¬
dung ins Volk zu tragen, war es die
Sprache, das Zusammensein, war es
die Kontaktnahme der Menschen un¬
tereinander, aber auch die Zeitum¬
stände, die mithalfen. Es war die Zeit
der großen Zinskasernen, wo sich die
Menschen womöglich mehrmals täg¬
lich auf dem Gang getroffen haben
und miteinander sprachen. Da es zu
Hause meist sehr eng gewesen ist -
denn eine Wohnkultur für die breite
Masse hat sich ja erst langsam in der
Zeit der Republik entwickelt-, ist man
abends halt ins Gasthaus gegangen,
ist zusammengesessen und hat wie¬
der miteinander geredet. Heute ha¬
ben viele Wohnungen alles innen,
auch Bad und Toilette. Früher ist man
am Wochenende ins Tröpferlbad ge¬
gangen, wo man sich wieder mit
Menschen getroffen hat. Heute hat
man alles zu Hause. Samstag oder
Sonntag fährt man mit dem Auto mit
der Familie fort, wohl trifft man da
auch Leute, aber das sind immer wie¬
der andere. Die regelmäßigen Kon¬
takte zu den Mitmenschen sind rarer
geworden. Jetzt stehen die Medien
viel mehr im Vordergrund, Zeitun¬
gen...
»Arbeit & Wirtschaft«:... und Me¬
dien, die ins Haus kommen ...
Anton Benya: ... Radio und Fern¬
sehen bringen sozusagen die Welt ins
Haus. Im Journalismus ist halt, zu¬
mindest möchte ich das fast so sa¬
gen, das Negative das Interessantere,
nicht das Positive, nicht das Aufklä¬
rende.
Das Negative
im Vordergrund
»Arbeit & Wirtschaft«: Diesen
Vorwurf muß man näher betrachten.
Anton Benya: Die Massenmedien
bemühen sich oft überhaupt nicht,
den Leuten zu erklären, warum dies
und jenes geschieht. Man sagt nicht,
warum es eine Zinsertragssteuer gibt,
man sagt den Leuten ganz einfach,
damit, mit der Sparbuchsteuer,
nimmt man dir das Geld weg, dein Er¬
spartes wird jetzt besteuert; in Wirk¬
lichkeit wird jedoch nur der Zinser¬
trag besteuert. Man erklärt es aber
nicht, sondern vermittelt den Leuten
das Gefühl, daß ihnen ihr Erspartes
weggenommen wird. Das Erzieheri¬
sche fehlt. Auch die Illustrierten leben
meist von der sensationellen Aufma¬
chung, schulisch-bildnerisch wird
wenig geboten.
Hat früher das Kino oft eine
Traumwelt gezeigt, kommt auch das
heute ins Haus. Man sieht Lebenshal¬
tungen mit einem unerhörten Luxus
und verliert das Gefühl, daß das ein
gewisses Unrecht ist, wenn auf der
einen Seite so großer Reichtum ist
und die Reichen nicht mehr wissen,
was sie alles tun sollen.
»Arbeit & Wirtschaft«: Aber das
Fernsehen zeigt auch, in der Bericht¬
erstattung, das ungeheure Maß an
Elend und Armut.
Die Menschen sind
härter geworden
Anton Benya: Auf der anderen
Seite kommt die Armut ins Haus,
werden Slums und Hungersnöte ge¬
zeigt. Leider stumpfen viele Men¬
schen seelisch ab. Sie sind härter,
verlieren an Gefühl, sie nehmen das
hin und nehmen es doch nicht auf,
denn sonst müßten sie doch nach¬
denken und müßten einen gewissen
Grad an Zufriedenheit darüber ha¬
ben, daß wir in diesem Land von solch
furchtbaren Ereignissen nicht betrof¬
fen sind ...
»Arbeit & Wirtschaft«: Ob das nun
auch Streiks und harte Auseinander¬
setzungen in Polen oder England
sind.
Anton Benya: Daß dort die Men¬
schen etwas erstreiken müssen, was
bei uns eine Selbstverständlichkeit
ist, das wird nicht gesagt, das Positi¬
ve, das auf den Einsatz, den Einfluß,
das Wirken der Gewerkschaftsbewe¬
gung zurückzuführen ist, das wird
übergegangen. Was wir haben, das
ist selbstverständlich, aber jede nega¬
tive Kleinigkeit wird hochgespielt.
»Apparat« und
Mitglieder -
um direkten Kontakt
»Arbeit & Wirtschaft«: Du hast das
Wort Kontaktnahme gebraucht. In ei¬
ner kleinen Broschüre steht folgen¬
des:
»Es ist nicht zu leugnen, daß heute
sowohl in den Gewerkschaften als
auch in den Parteien Organisations¬
müdigkeit und zwischen der oberen
Funktionäreschicht und der Masse
der Arbeiter und Angestellten eine
Kluft besteht. Die obere Funktionäre¬
schicht ist vielfach mit der Leitung
des Angestelltenapparats identisch.
Die mittlere Schicht der Funktionäre
und Angestellten, die Bezirksobmän¬
ner, die Betriebsratsobmänner, die
Sekretäre, die Referenten, das sind
die Menschen, die ständig in Kontakt
mit der Masse stehen, das sind die ei¬
gentlichen Mittler zwischen Apparat
und Mitgliedern, von ihrer Bewäh¬
rung hängen in erster Linie Einfluß
und Stimmung ab.«
Das hat kein heutiger Kritiker der
Gewerkschaft gesagt, kein Gewerk¬
schaftsfeind, das hat Fritz Klenner vor
fast drei Jahrzehnten in der Bro¬
schüre »Das Unbehagen in der De¬
mokratie« geschrieben.
Anton Benya: Diese Dinge können
sich immer wiederholen, weil immer
wieder neue Menschen in neue Funk¬
tionen kommen. Der Aufbau der Ge¬
werkschaftsbewegung nach 1945 hat
natürlich viel mehr Kontaktaufnahme
erfordert, als es später der Fall gewe¬
sen ist.
Wenn wir Ende 1945 erst 300.000
Mitglieder hatten, dann war es-denn
der Apparat war ja auch klein - in er¬
ster Linie die Aufgabe der Betriebsrä¬
te, mit Betriebsräten anderer Betriebe
oder mit dem Betrieb überhaupt Kon¬
takt aufzunehmen, zu schauen, daß
dort einmal ein Vertrauensmann oder
Betriebsrat gewählt wird, und dann
mit ihm im Gespräch zu bleiben. So
hat man von Gasse zu Gasse oder von
Ort zu Ort Betriebe organisiert, so ist
der ÖGB bis Anfang 1947 auf rund
eine Million Mitglieder gekommen.
Bei den Preis- und Lohnabkom¬
men (insgesamt fünf von 1947 bis
1951, Anmerkung) sind wir jeden Tag
draußen gewesen, wir haben nicht
eine, wir haben oft zwei oder drei Ver-
1/85 arlNil wirtsrimf) 13
        

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