Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1985 Heft 01 (01)

Sammlungen gehabt oder Delegatio¬
nen empfangen, weil ein Teil immer
gemeint hat, jedes Preis- und Lohn¬
abkommen trage zur Verschlechte¬
rung der Lebenshaltung bei. Es war
nicht sehr leicht, es war ja nicht nur
die subjektive Meinung gegeben, es
war außerdem noch politisch in diese
Richtung Propaganda gemacht wor¬
den, das war dann vorbei. Später
wurde dann auf der Ebene der Wirt¬
schafts- und Sozialpartnerschaft ein
Instrument geschaffen, die Paritäti¬
sche Kommission. Ich gebe zu, daß
wir später auf der Betriebsebene oder
auf der überbetrieblichen nicht mehr
so stark gewesen sind, als wir es vor¬
her im Gespräch waren. Vielleicht hat
da und dort Bequemlichkeit einge¬
setzt, war der direkte Kontakt nicht
mehr so stark, es wurde viel mehr kor¬
respondiert, viel mehr zu Papier ge¬
bracht, mit Rundschreiben, mit Arti¬
keln ist man an die Menschen heran¬
gegangen.
»Arbeit & Wirtschaft«: In der Folge
ist aber auch die Gewerkschafts¬
presse entsprechend ausgebaut
worden.
Anton Benya: Das wäre in den An¬
fangsjahren gar nicht möglich gewe¬
sen, wir hatten nicht einmal genü¬
gend Papier, wir mußten mit den Leu¬
ten in den Versammlungen reden.
Was wir auch heute brauchen, ist
aber doch immer wieder die Ausspra¬
che mit den Menschen. Das merken
sie auch. In einem Betrieb, wo sich
der Betriebsrat ständig mit seinen
Kollegen zusammensetzt, mit ihnen
diskutiert, haben wir ein gutes Klima.
Dort, wo ein Kollege etwas weniger
den direkten Kontakt sucht, weil er
mit anderen Problemen sehr be¬
schäftigt ist, wird die Bindung
schwächer. Letztlich entsteht natür¬
lich dort, wo der zuständige Gewerk¬
schaftsfunktionär oder Sekretär in zu
langen Intervallen in den Betrieb
kommt, um zu sagen, wie die Dinge
stehen, auch das Gefühl, wozu haben
wir diese Organisation?
Wir müssen Kontakt nehmen, Kon¬
takt in den kleinsten Betrieben, in der
Zahlstelle, in der Ortsgruppe, im Be¬
zirksausschuß.
Verändertes
Gewerkschaftsbild
»Arbeit & Wirtschaft«: Spürt man
nicht, daß in der Bevölkerung, ob das
jetzt von selbst entstanden ist oder
14 arbeit Wirtschaft 1/85
von gewissen Seiten fleißig gefördert
wurde, die Gewerkschaft nicht mehr
diesen Stellenwert hat, den sie, sagen
wir in den vierziger oder fünfziger
Jahren, gehabt hat?
Anton Benya: Freilich war das eine
Zeit, in der wir viele Dinge forderten,
in der unser Programm für jeden ein¬
zelnen etwas enthalten hat. Nun, die
Lohn- und Gehaltsfragen sind immer
gleichgeblieben, aber wenn wir sei¬
nerzeit angetreten sind, den Urlaub
von zwei auf drei und dann auf vier
Wochen zu erhöhen, wenn wir ange¬
treten sind, um die Arbeitszeit von 48
auf 45 dann von 45 auf 43, auf 42 und
auf 40 herabzusetzen, dann waren
das Dinge, die der einzelne gespürt
hat, für die er eingetreten ist. Ebenso
wenn wir etwa um verschiedene Ein¬
richtungen für die Familie gerungen
haben, Geburtenbeihilfe, Heiratsbei¬
hilfe, Karenzurlaubsgeld, Familien¬
geld, Familiengelderhöhung. Auch
wenn es um die Pensionen ging, um
Pensionserhöhungen, um die Pen¬
sionsdynamik, um die Pensionsau¬
tomatik. Da wurde von Fall zu Fall
verhandelt und dann etwas gebracht.
Das war direkt. Heute sind viele dieser
Dinge Gesetze geworden, der Bürger
hat ein Recht darauf, begonnen hat
es aber mit den Gewerkschaften. In¬
zwischen sind Generationen heran¬
gewachsen, die die Entwicklung
nicht mehr kennen. Die haben ver¬
ständlicherweise das Gefühl, ja, das
haben wir alles, aber was kommt jetzt
noch? Das muß man entsprechend
erklären.
»Arbeit & Wirtschaft«: Auch wirt¬
schaftlich.
Anton Benya: Heute haben wir die
große Aufgabe, den Menschen zu sa¬
gen, all das können wir nur halten,
wenn wir möglichst viele Menschen
in Beschäftigung haben. In einer Zeit,
wo in ganz Europa, in der ganzen
Welt aufgrund der Kriegszerstörun¬
gen ein gewaltiger Nachholbedarf
gewesen ist, wurde alles gebraucht,
aber nun ist auf verschiedenen Ge¬
bieten eine gewisse Sättigung einge¬
treten. Es geht natürlich weiter, aber
nicht mehr so rasant wie vordem.
Arbeitszeit¬
verkürzung
»Arbeit & Wirtschaft«: Bei der For¬
derung, auch in einer schwierigen
Zeit möglichst viele Menschen in Be¬
schäftigung zu haben, kommt unwei¬
gerlich die Frage der Arbeitszeitver¬
kürzung ins Blickfeld.
Anton Benya: Die allgemeine Her¬
absetzung der wöchentlichen Ar¬
beitszeit und die allgemeinen Ur¬
laubsverlängerungen waren Verkür¬
zungen der Jahresarbeitszeit. Wenn
der 10. ÖGB-Bundeskongreß be¬
schlossen hat, branchenweise oder
betriebsweise Arbeitszeitverkürzun¬
gen durchzuführen, wird auch das
die 35-Stunden-Woche bringen, aber
nicht nur national, denn das wäre
eine zu starke Kostenbelastung, die
wir als exportorientiertes Land nicht
vertragen könnten.
»Arbeit & Wirtschaft«: Einerseits
haben wir die mehr oder minder
vehement vorgetragene Forderung
nach Arbeitszeitverkürzung in Rich¬
tung 35-Stunden-Woche-wobei sich
Unterschiede ja nur in der Frage der
Vorgangsweise oder des Tempos er¬
geben -, anderseits sehen wir, daß
die meisten Politiker und natürlich
auch viele Gewerkschaftsfunktionäre
ihre Tätigkeit so ernst nehmen, daß
sie eine weit über die Norm hinaus¬
gehende Arbeitszeit haben.
Anton Benya: Der Politiker hat -
wie die meisten anderen auch-seine
fixe Arbeitszeit tagsüber. Als Manda¬
tar muß er sich aber auch in seinem
Wahlkreis bewegen, er muß ja mit den
Leuten reden, und das kann er nuram
Abend. Er soll ja auch sein politisches
Verständnis und Wissen weiterge¬
ben, denn das gehört zum politischen
Leben.
»Arbeit & Wirtschaft«: Das gilt
auch für Gewerkschaftsfunktionäre.
Anton Benya: Natürlich. Der Ge¬
werkschafter hat die Möglichkeit zu
persönlichen Begegnungen meist
auch nur am Abend, nach Betriebs¬
schluß. Er kann in Betriebsversamm¬
lungen sein, aber günstig ist es, wenn
er sich auch nachher noch mit den
Menschen beschäftigt. Gewerk¬
schaftskonferenzen sind dann oft an
Samstagen, weil da Kollegen von ver¬
schiedenen Gebieten kommen kön¬
nen. Für die meisten gilt das nur in
längeren Abständen, für die Funktio¬
näre gilt das für viele Wochenenden.
Das ergibt dann eben die längere Ar¬
beitszeit. Aber das gehört mit dazu,
der Politiker, der Gewerkschafter
muß hinaus, er muß mit den Leuten
reden, und das dann, wenn die Leute
auch bereit sind, zur Stelle zu sein.
        

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