Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1994 Heft 05 (05)

EDITORIAL
Keine Chaiseioneue
fiir Alex
Wohnen ist Menschenrecht. Trotzdem
suchen in Osterreich derzeit rund
200.000 Menschen ein neues Quartier.
Bei knappem Angebot und überhöhten
Mieten. Der freie Mark benachteiligt vor
allem Ausländer und schlecht verdienen¬
de Inländer. Wer ist schuld? Die Frem¬
den? Kaum. Auch sie sind Opfer der
Wohnungsspekulation. Die soll jetzt mit
Hilfe des Mietrechts und des geförderten
Wohnbaus eingedämmt werden. Es gibt
nicht nur zuwenigWohnungen. Wissen¬
schafter rechnen, daß etwa in Wien bis
zum Jahr 2000 jährlich 10.000 Woh¬
nungen gebaut werden müssen, um den
Wohnungsbedarf zu decken. Es mangelt
sogar schon an »für die Mittelschicht
leistbarenWohnungen«. So formuliertes
Franz Köppl, Wohnexperte der Wiener
Arbeiterkammer. Die Hälfte aller Allein¬
verdiener mit Frau und Kind hat bei¬
spielsweise höchstens 18.000 Schilling
Monatseinkommen. »Für die sind die
Wohnungen auf dem freien Markt ein¬
fach zu teuer...« Seite 10
Wir müssen
weiter aggressiv
arbeiten
Der niederösterreichische AK-Präsident
Karl Hundsmüller beschäftigt sich in
dem A&W-Gespräch auch mit der
EU: »Wir sind ja eigendich mit zwei
Dritteln unseres Exports und Imports
schon in der Europäischen Union. Unse¬
re Haupthandelspartner sind Deutsch¬
land, Italien, Frankreich, neben der
Schweiz, die ja nicht EU-Land ist. Mei¬
ner Meinung nach sind wir schon mit
der Wirtschaft voll in der EU integriert.
Man müßte die Frage anders stellen.
Nicht, ob wir dazugehen wollen, son¬
dern die Frage müßte heißen: Was ist,
wenn wir draußen bleiben? Das würde
uns derart hart treffen, wir würden in der
Randzone des großen Marktes liegen,
mit seinen rund 400 Millionen Men¬
schen. Unser Bundesland, das sich in
den letzten Jahrzehnten sehr gut ent¬
wickelt hat, würde sehr wahrscheinlich
in wirtschaftliche Schwierigkeiten gera¬
ten ...«
Seite 20
Fürs Bravsein
wurden wir nicht
gewählt
Auch der oberösterreichische AK-
Präsident Fritz Freyschlag geht auf den
österreichischen EU-Beitritt ein: »Durch
die geographische Lage unseres Bundes¬
landes und die bereits bestehende hohe
Verflechtung des regionalen Außenhan¬
dels mit dem Wirtschaftsgebiet der Eu¬
ropäischen Union haben wir große
Chancen, aus dem Beitritt wirtschaftli¬
chen Nutzen zu ziehen. Die Skepsis ge¬
genüber der Europäischen Union in
Oberösterreich hängt wohl mit der be¬
fürchteten Beschleunigung der Verände¬
rungen in Wirtschaft und Gesellschaft
zusammen. Diese Ängste sind nicht un¬
begründet. Sie werden leider auch noch
von den Unternehmern geschürt. Die
begründen schon seit Jahren ihre Forde¬
rungen nach Sozialabbau, Lohnkürzun¬
gen und erhöhtem Arbeitsdruck mit
dem geplanten Beitritt zur Europäischen
Union.
Seite 28
es:John Maynard Keyn
Vom Ketzer zum
Klassiker
John Maynard Keynes ist nicht mehr
aktuell. Zugleich ist er aktueller denn je.
Seine volkswirtschaftlichen Rezepte,
mit denen eine Generation lang alle In¬
dustriestaaten Wirtschaftspolitik mach¬
ten, funktionieren nicht mehr wie einst,
weil die dafür notwendigen Bedingun¬
gen nur noch teilweise existieren, der
Geist aber, in dem er seine 1936 er¬
schienene »General Theory of Employ-
ment, Interest and Money« schrieb
(»Allgemeine Theorie der Beschäfti¬
gung, des Zinses und des Geldes«) ist
genau der Geist, welcher der Wirt¬
schaftstheorie abhanden gekommen ist
und der ihr heute fehlt. Er war ein glas¬
klar denkender Theoretiker, aber die
Menschen, deren Schicksale von volks¬
wirtschaftlichen Entscheidungen be¬
troffen sind, waren ihm nie egal. Das
Elend, das die Arbeitslosigkeit während
derWirtschaftskrise über Millionen von
Menschen brachte, war ihm nie egal.
Seite 38
Liebe Leserin,
lieber Leser!
Die »Arbeit & Wirtschaft« ist seit mehr als einem
Jahrzehnt in unveränderter Form erschienen. Die mit
der Aprilausgabe vollzogene Umgestaltung des graphi¬
schen Erscheinungsbildes hat weitgehend Zustim¬
mung gefunden. Zwar haben einige Leser den Wegfall
des steiferen Umschlags beklagt, um den es mir per¬
sönlich auch leid ist, und anderen Lesern ist die Schrift
etwas »zu klein«. Aber grundsätzlich habe ich bis jetzt
nur positive Stimmen gehört.
Bei dieser Gelegenheit muß ich auch gleich ein
Mißverständnis aufklären, das anscheinend durch das
letzte Editorial entstanden ist. »A&W neu« ist nicht ent¬
standen, weil modernistische Herausgeber beweisen
wollen, daß sie mit der Zeit gehen. Natürlich geht es
darum, eine an sich gute und geschätzte Zeitschrift für
die Leser (noch) attraktiver zu gestalten.
Ich wollte aber auch nicht bei den Lesern den
Eindruck erwecken, ich sei der Meinung, als neuer
Chefredakteur könne ich alles ganz anders und
viel besser machen. Wenn man auch von den sprich¬
wörtlichen neuen Besen spricht, die gut kehren, und
ich mich sicher mit Eifer und Elan an meine (noch)
neue Aufgabe mache, so glaube ich andererseits
nicht, die Weisheit (alleine) gepachtet zu haben.
Grundsätzlich wollte ich betonen, daß ich die Arbeit
meiner Vorgänger schätze. Sowohl Kurt Horak als
auch Gottfried Duval sind als ehemalige Chefredak¬
teure nach wie vor Mitarbeiter von »Arbeit & Wirt¬
schaft« und unterstützen mich beide tatkräftig, wofür
ich ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken möchte.
Auch Layout und graphische Gestaltung liegen in be¬
währten Händen.
Es ist eine faszinierende Aufgabe, gegen die Ober¬
flächlichkeit der schnellen Tagesinformation anzu¬
kämpfen und Hintergründe auszuleuchten. Dabei
werden an die Leser auch Ansprüche gestellt. Die bunt¬
populistische tägliche Vereinfachung mag besser
verkäuflich und leichter verdaulich sein, aber bei
»Arbeit & Wirtschaft« handelt es sich schließlich nicht
um ein Tagesprodukt, sondern um eine Monatszeitung.
Im Gegensatz zu den journalistischen Eintagsfliegen
bietet die »A&W« Lektüre zumindest für einen ganzen
Monat und wendet sich insbesondere an die direkt ge¬
wählten Interessenvertreter der Arbeitnehmer im Be¬
trieb, die sie mit Informationen für ihre Arbeit versor¬
gen will. Dabei geht es vor allem um ein Gegengewicht
zu der negativen und gegen die Institutionen der Ar¬
beiterbewegung gerichteten Berichterstattung. In die¬
sem Sinne will sich »Arbeit & Wirtschaft« von dem täg¬
lichen Einheitsbrei der Medienkonzerne unterscheiden.
Kein arbeitender Mensch soll sich ein X für ein U vor¬
machen lassen und gegen seine wohlverstandenen
Interessen den Schlagworten der Gegner der Arbeiter¬
bewegung auf den Leim gehen. So verstehen wir unse¬
re Aufgabe.
5/94 iirheit wirtsc-haft
        

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