Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1995 Heft 04 (04)

BERUFSAUSBILDUNG • LESERBRIEF
Berufsschule:
Unterrichtsminister
gegen Lehrlinge
Ein wichtiges Anliegen war
und ist für die österreichische
Gewerkschaftsbewegung die
Sicherung einer modernen, zu¬
kunftorientierten beruflichen
Qualifikation der Lehrlinge.
Die Berufsschule soll den
Lehrlingen das nötige Wissen
und Können dazu, wie zum Bei¬
spiel in Verbindung mit neuen
Technologien, Fremdsprachen,
Deutsch und Kommunikation
vermitteln. Mit Erfolg haben die
Gewerkschaften, der ÖGB und
die Arbeiterkammern seit eini¬
gen Jahren durchgesetzt, daß
in den Rahmenlehrplänen der
Berufsschule die beispielsweise
genannten Wissensbereiche
als Lehrinhalte weitgehend
berücksichtigt wurden.
Dieser Schritt konnte nur
deshalb gesetzt werden, weil es
möglich war, auch die Erweite¬
rung der Berufsschulzeit zu rea¬
lisieren.
Die Erweiterung bedeutet,
daß die Lehrlinge im Rahmen
der jeweiligen Lehrzeitdauer in
den betreffenden Lehrberufen
im wesentlichen um 180 Unter¬
richtsstunden mehr an Schulzeit
haben.
Im September des Vorjahres
wurden in einer weiteren Phase
einige Rahmenlehrpläne inhalt¬
lich und zeitlich erweitert und
verordnet. Mit dieser Verord¬
nung wurden für 26 Lehrberufe
und damit für über 27.000 Lehr¬
linge moderne Berufsschullehr-
pläne geschaffen.
Unterrichtsminister Busek
hat im März auf Druck der Wirt¬
schaft, die vor den Handels¬
kammerwahlen stand, und des
Wirtschaftsminister Schüssel,
die erst wenige Monate alte
Verordnung wieder zu Verhand¬
lungen auf den Tisch gelegt. Es
wurde von ihnen die Rücknah¬
me der Berufsschulzeiterweite¬
rung vor allem beim Lehrberuf
Einzelhandelskaufmann (zirka
17.000 Lehrlinge) verlangt. Das
Verlangen der Wirtschaft und
der beiden zuständigen ÖVP-
Minister wurde von den Ge¬
werkschaften, dem ÖGB, der
Arbeiterkammer und selbstver¬
ständlich der Gewerkschaftsju¬
gend (ÖGJ) kompromißlos ab¬
gelehnt. Eine solche Rücknah¬
me bedeutet, den Rückschritt in
der Bildungspolitik zu vollzie¬
hen. Mit diesem konservativen
bildungspolitischen Verhalten
würde die Bildungssackgasse
für Lehrlinge weiter fortbeste¬
hen.
Zum Zeitpunkt der Abfas¬
sung dieser Zeilen war der
Wille des Unterrichtsministers
aufrecht, die noch in Kraft
befindliche Verordnung durch
eine andere Verordnung zu
ersetzen. Diese sollte den Lan-
desschulräten unbefristet die
Möglichkeit einräumen, zu ent¬
scheiden, ob Lehrlinge im
selben Lehrberuf eine Berufs¬
schulzeiterweiterung haben
oder nicht.
Die damit nach Bundeslän¬
dern unterschiedliche Berufs¬
schulzeitdauer wäre für die
»Ewigkeit« fixiert. Diese Rege¬
lung erhält keinesfalls die Zu¬
stimmung der Interessenvertre¬
ter der Arbeitnehmer. Sollte die¬
se Weichenstellung durch Un¬
terrichtsminister erfolgen, wird
die Berufsschule kaum als mo¬
derne »Bildungswerkstatt«
ihren Beitrag für eine verbesser¬
te Berufsausbildung leisten kön¬
nen.
Gerhard Prager
Die Zwillinge getrennt?
Immer wenn das Verhält¬
nis zwischen der sozialdemo¬
kratischen Partei und der so¬
zialdemokratischen Gewerk¬
schaftsfraktion gespannt oder
gestört war, erinnerte man
sich wie bei der Olah-Krise,
oder nach Kreiskys überra¬
schendem Mallorca-Paket an
die Mahnungen des Parteiei¬
nigers Victor Adler: Partei
und Gewerkschaft sind wie
siamesische Zwillinge — wenn
man sie trennt, haben beide
keine Uberlebenschancen.
Dieses oft zitierte Wort Adlers
hat leider wieder an Aktualität
gewonnen.
Für die heute bestehende
Verstimmung gibt es zwei Ur¬
sachen: Eine ist das schlecht
vorbereitete Sparpaket der
Regierung, auf das sich die
Koalition der beiden Regie¬
rungsparteien nach der Wahl
geeinigt hat. Prinzipiell haben
auch die Gewerkschaften seit
jeher offen gesagt, daß die
Schulden, die man vor Jahren
gemacht hat, um der Krise auf
dem Arbeitsmarkt zu begeg¬
nen, eines Tages zurückge¬
zahlt werden müssen, um
nicht unser wirtschaftliches
Fundament, vor allem die sta¬
bile Währung aufs Spiel zu
setzen. Wobei der Schaden,
und die sich daraus ergeben¬
den Belastungen für den Bür¬
ger noch stärker wären, als
beim sogenannten Sparpaket,
das vorwiegend die Frauen,
Familien, Alten und Arbeits¬
losen neuerlich ins Einkom¬
menfleisch schneidet und
nach Meinung vom ÖGB
und der AK sozial unausgewo¬
gen und aller Wahrscheinlich¬
keit auch nicht ausreichend
ist, um das Staatsbudget wirk¬
lich auszugleichen. In »Arbeit
& Wirtschaft« haben wir die
Kritik an den einzelnen Spar¬
maßnahmen deutlich ge¬
äußert und Alternativvor¬
schläge erstattet. Einen davon,
nämlich die Einhebung einer
Solidarabgabe von Höchst¬
verdienern hat man vor kurz¬
em aufgegriffen.
Eine zweite Ursache der
Verstimmung war die von der
Parteiseite kommende perso¬
nale Schuldzuweisung an
Heinz Vogler, dem Spitzen¬
kandidaten der FSG bei der
jüngsten AK-Wahl, mit der
Aufforderung zum Rücktritt.
Damit drückte man sich
vor der parteiinternen Dis¬
kussion, warum es bei allen
Wahlgängen der letzten Zeit,
selbst in ehemals roten Hoch¬
burgen der Arbeiterbewegung
eine Flucht unserer Stamm¬
wähler nach rechts gegeben
hatte und die demagogi¬
schen Schalmeien eines Jörg
Haider so viele Bewunderer
fanden.
Vielleicht lag es doch eher
daran, daß eine arbeitnehmer¬
freundliche Politik der SPÖ
für alle Wähler nicht mehr er¬
kennbar war. Man ging zu
leichtfertig auf provokante
Forderungen des Koalitions¬
partners (Verlängerung der
Arbeitszeit) ein und Aberken¬
nung von Pensions- und
Dienstrechten im öffentli¬
chen Dienst. Niemals wäre
es uns zum Beispiel eingefal¬
len, den Verhandlungspartner
aufzufordern im Zeichen des
Sparens alle Subventionen für
die konfessionellen Schulen
zu streichen, um auszuloten,
wo seine Schmerzgrenzen lie¬
gen. Das ganze Sparpaket
hätte sorgfältiger vorbereitet
und ausgehandelt werden sol¬
len und zwar von den Sozial¬
partnern. In ihrem Geiste
hielt man sich immer daran,
dem anderen nicht etwas ab¬
zupressen, was er vor den eige¬
nen Leuten nicht vertreten
könne, ohne das Gesicht zu
verlieren.
So lassen die Vorgänge der
letzten Wochen starke Zwei¬
fel aufkommen, ob diese Vor¬
gangsweise unserem Land
und seinen Bürgern weiterhel¬
fen und ob damit nicht jenen
in die Hände gespielt wird,
die von einer dritten Republik
mit autoritärer Verfassung
träumen, von einem Staat, der
so gar nicht mit jenem zu ver¬
gleichen wäre, ftir den unsere
Wiederaufbaugeneration ge¬
arbeitet, gekämpft und geop¬
fert hat. Jene Einsichtigen, die
diese Gefahr befürchten,
müßten in Zukunft eine na¬
tionale Front der Patrioten
bilden, über alle Partei- und
Fraktionsgrenzen hinweg.
Dazu gehört auch die Ope¬
ration der Zwillinge zu ver¬
hindern.
Hans Fellinger
4/95 arbeit Wirtschaft 5
        

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