Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1996 Heft 02 (02)

BETRIEBSRAT UND ARBEITSWELT
Schuster bleib bei deinem Leisten
»Schuster bleib bei deinem Leisten« ist ein altbekanntes Sprich¬
wort, das immer dann Verwendung findet, wenn jemand etwas
tut oder tun will, was andere viel besser können. Die All¬
gemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA), seit ihrer Grün¬
dung zuständig für den Bereich Arbeitsunfälle und Berufskrank¬
heiten und ausgestattet mit dem gesetzlichen Auftrag zur
Verhütung von Arbeitsunfällen, will auch für das Freizeitunfall¬
geschehen zuständig sein. Dazu will man einen Beitrag, den
sogenannten Arbeitnehmerbeitrag, einführen.
Vor kurzem ließ der Gene¬
raldirektor der AUVA, Wil¬
helm Thiel, mit der öffentli¬
chen Erklärung aufhorchen,
daß ein Arbeitnehmerbeitrag
eingeführt werden soll. Damit
würde man davon abgehen,
die Finanzierung der AUVA
ausschließlich durch Beiträge
der Arbeitgeber zu sichern.
Nur nebenbei bemerkt ist die¬
ser »Arbeitgeberbeitrag« im
Prinzip nichts anderes als ein
den Arbeitnehmern vorent¬
haltener Lohnbestandteil.
Faktum ist jedenfalls, daß sich
die Arbeitgeber mit dem Bei¬
trag zur ÄUVA vom Risiko
der Haftung bei Arbeitsunfäl¬
len und Berufskrankheiten
befreien. Generaldirektor
Thiel meint, daß der Arbeit¬
nehmerbeitrag zur Diskussion
stünde.
Da liegt allerdings ein klei¬
ner Irrtum vor, denn diskussi¬
onswürdig ist vielmehr die
Frage, warum denn über¬
haupt solche Überlegungen
angestellt werden. Auch dazu
gibt es eine öffentliche Er¬
klärung des Generaldirektors,
die lautet, daß beispielsweise
in Wien zwei Arbeitsunfall¬
krankenhäuser von der
AUVA betrieben werden,
aber höchstens eines davon
mit Patienten nach Arbeitsun¬
fällen ausgelastet ist. Im zwei¬
ten AUVA-Unfallkranken-
haus werden überwiegend Pa¬
tienten nach Freizeitunfällen
versorgt. Die Kosten für die¬
sen Bereich übernehmen zwar
die zuständigen Krankenver¬
sicherungsträger, wobei aber
die tatsächlichen Kosten für
die AUVA deudich über den
Beitragssätzen der Kranken¬
kassen liegen.
Eigentliche
Hauptaufgabe
Der Tatsache der Ausla¬
stung nur eines Unfallkran¬
kenhauses ist nicht zu wider¬
sprechen, im Gegenteil, sie ist
im Interesse des Arbeitneh¬
merschutzes sogar zu be¬
grüßen. Nur als Argument für
die Einfuhrung eines Arbeit¬
nehmerbeitrags ist sie völlig
ungeeignet. Wenn die kurati¬
ven Einrichtungen der AUVA
von Patienten in Anspruch
genommen werden, die einen
Freizeitunfall erlitten haben,
so bedeutet das eigentlich,
daß der gesetzliche Unfallträ¬
ger Überkapazitäten entweder
aufgebaut hat oder zumindest
eben über solche verfügt. Die
logische Schlußfolgerung dar¬
aus kann aber nur sein, daß
man diese Überkapazitäten
wiederum abbaut. Damit
müßte zwangsläufig ein ande¬
rer Rechtsträger die Einrich¬
tungen weiter betreiben, die
nicht mit Arbeitsunfällen aus¬
gelastet sind.
Damit werden aber auch
bei der gesetzlichen Unfallver¬
sicherung wieder Kapazitäten
und finanzielle Mittel frei.
Die AUVA kann sich damit
wiederum der Klientel ver¬
stärkt zuwenden, von der sich
ihre Existenzberechtigung ab¬
leitet, und das sind die Arbeit¬
nehmer. Durch konsequente
und noch entsprechend aus¬
zubauende Unfallverhütung
kann ein besserer Arbeitneh¬
merschutz erreicht werden.
Die eigentliche Hauptaufgabe der AUVA ist die »Verhütung«
von Arbeitsunfällen
Gerade bei der Unfallverhü¬
tung - übrigens ist das eine
zentrale Aufgabe der AUVA —
gibt es seit Jahrzehnten große
Säumigkeit. Wenn man nur
knapp dreieinhalb Prozent ei¬
nes Jahresbudgets für die ei¬
gentliche Hauptaufgabe,
nämlich die Verhütung von
Arbeitsunfällen und Berufs¬
krankheiten, aufwendet, dann
ist das weit weniger als der
berühmte Tropfen auf den
heißen Stein.
Eng im Zusammenhang
mit der Unfallverhütung steht
allerdings die problematische
Aussage des Generaldirektors
der AUVA: »Statistiken be¬
weisen, daß der Arbeitsplatz
mittlerweile zu den sichersten
Lebensbereichen zählt.« Ge¬
nau das ist nämlich schlicht
und einfach falsch. Man
braucht dazu eigentlich nur
die Statistiken der AUVA le¬
sen, dann erkennt man, daß
über Jahrzehnte hinweg die
Zahl der Arbeitsunfälle nahe¬
zu gleich hoch bleibt. Was
sich erfreulicherweise wirklich
verbessert hat ist, daß es zu
deutlich weniger tödlichen
Arbeitsunfällen kommt. Im
übrigen und nur am Rande
bemerkt: die Arbeitsunfallsta¬
tistik ist mit keiner anderen
vergleichbar, denn in ihr sind
nur jene Ereignisse enthalten,
die zu einer Arbeitsunfähig¬
keit von drei oder mehr Tagen
geführt haben.
Überkapazität
Zusammenfassend ergibt
sich daher, daß die Lösung des
vorhandenen Problems einer
Überkapazität bei den Be¬
handlungseinrichtungen der
AUVA nicht die Einführung
des Arbeitnehmerbeitrags und
damit allenfalls auch die
Schaffung einer gesetzlichen
Freizeitunfallversicherung ist,
sondern die Beseitigung der
Überkapazität. Wer will,
kann eine private Unfallversi¬
cherung für sich selbst und
seine Familie abschließen, mit
oder ohne Selbstbehalt, mit
oder ohne Taggeld, mit oder
ohne Rentenansprüche usw.
Die private Versicherungs¬
wirtschaft bietet hier eine
breite Palette ausgereifter Pro¬
dukte an, und wie sich zeigt,
finden die privaten Unfall¬
versicherungsangebote auch
zahlreiche Abnehmer.
Für die gesetzliche Unfall¬
versicherung gilt es, den
Kampf gegen Arbeitsunfälle
und Berufskrankheiten zu
verstärken und für die Unfall¬
verhütung endlich die not¬
wendigen Geldmittel zur Ver¬
fügung zu stellen. Das not¬
wendige Expertenwissen ist
jedenfalls vorhanden, um die
Betriebe intensiv zu betreuen
und im Zusammenhang mit
der Verhütung von Arbeits¬
unfällen zu beraten und zu
unterstützen.
Ein Ausflug in Geschäfts¬
bereiche, die von der privaten
Versicherungswirtschaft be¬
reits abgedeckt werden, tut
der gesetzlichen Unfallversi¬
cherung nicht gut und ist
auch nicht erforderlich.
»Schuster bleib bei deinem
Leisten« heißt es daher auch
für die AUVA.
Hans Schramhauser
2/96 »trtschaft 17
        

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