Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1996 Heft 02 (02)

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SEITENBISSE
Very bedeutsam
Beim Heurigen. An jenem
Ort, an dem die Konturen der
fernen Kalksburg noch igno¬
riert werden. An jenem Ort,
der von den Engeln im Him¬
mel Tag und Nacht obser¬
viert wird.
1. Gast: Heute möcht ich mit
Ihnen ein philosophisches
Problem diskutieren, und ich
packe des Pudels Kern
gleich beim Schopf: Woran
erkennt man einen bedeu¬
tenden Menschen, ich meine
einen, der very, very bedeut¬
sam ist?
2. Gast: Sehr philosophisch,
sehr doppelgründig. Ich wür¬
de sagen: an seinen Titeln.
(Laut): Oh, Grüß Gott, H§rr
Doktor, wieder einmal auf ein
Plauscherl mit Herrn Hofrat?
Ich sage ja immer: In vino
very Spaß, wie es die alten
Römer beim Heurigen so
trefflich formuliert haben.
1. Gast: Das ist mir zu ein
fach. Es hat große Erfinde
gegeben, die hatten über
haupt keinen Titel. Außer
dem geht ein großer Erfinde
nicht mit einer Tafel spazie¬
ren, auf der steht: »Ich habe
die Mausefalle erfunden.«
2. Gast: Da muß ich Ihnen
zögerlich beipflichten. Die
Bedeutsamkeit muß ja nicht
äußerlich sichtbar sein, den¬
ken Sie nur an den Mann mit
der großen Nase, der inner¬
lich eine unheimliche Tiefe
hatte wie ein Brunnen. Ein
Brunnen mit Nase, würde ich
formulieren.
1. Gast: Also, damit wir heute
noch nach Hause kommen,
werde ich Ihnen meine Er¬
kenntnis anbieten: Bedeut¬
samkeit erkennt man daran,
daß der Bedeutsame ein
Handy trägt wie ein heiliger
seinen Heiligenschein. Das
Handy ist der Strahlenkranz
der Bedeutsamen.
2. Gast: Na ja, so habe ich
diese Dimension noch gar
nicht betrachtet. Eigentlich
habe ich bis jetzt geglaubt,
ein Handybesitzer ist eine
Person, die sich keine Se¬
kretärin leisten kann.
1. Gast: Weil Sie eben histo¬
risch unbeleckt sind. Das
Handy von früher war die De¬
pesche. Denken Sie an den
General, dem der Ober im
Kaffeehaus eine Depesche
brachte und sagte: »Maje¬
stät, der Kaiser, läßt fragen,
ob Sie ihn über den nächsten
Krieg beraten könnten, aber
es tät pressieren.« Und der
General sagte laut: »Der
Krieg kann warten, bis ich
meinen Kaffee ausgetrunken
habe.«
2. Gast (das Handy läutet):
Uii, Ihr Handy klingelt.
1. Gast: Und ich genieße die
Spannung: Wird es mein Ge¬
neraldirektor sein, der Bun¬
deskanzler oder gar Rom?
(Hebt ab.) Ja. Ah, du bist es,
Mausi? Was tropft in der Ba¬
dewanne? Aha, der Wasser¬
hahn. Ich bin gleich daheim,
Mausi, nur mehr ein paar Un¬
terschriften unter ganz bri¬
sante Akten. Wiedersehen,
Mausi. Wiedersehen, Herr
Nachbar.
NS: In Österreich wurden
bisher rund zehntausend
Handyatrappen verkauft.
Man kann mit ihnen weder
reden noch hören. Ihrem Er¬
finder verleihen wir gerne
das Prädikat »very bedeu¬
tend«. Winfried Bruckner
Vorschau
Im Märzheft von »Arbeit & Wirtschaft« wird unter dem
Titel »Wichtige Arbeit in aller Stille« erklärt, wie die Aus¬
schüsse der Arbeiterkammern funktionieren. Ein weiterer
Beitrag behandelt den »Europäischen Sozialfonds«.
Redaktionsschluß
Manuskripte für das Aprilheft müssen bis spätestens
26. Feber in der Redaktion einlangen. Redaktionsschluß fiir
das Maiheft ist der 26. März und fiir das Juniheft der
23. April. Manuskripte fiir die Doppelnummer Juli/August
müssen bis spätestens 22. Mai in der Redaktion eintreffen.
• • • * »1
* •
Neue Formen der Arbeit
Mit neuen Formen der Arbeit setzte sich eine Veranstaltung
des Bildungsforums Steiermark (ÖGB, AK und BFI)
im November 1995 in Graz auseinander.
Im Mittelpunkt der Ta¬
gung standen die zunehmen¬
de Arbeitslosigkeit in Europa
und Veränderungen in der
Arbeitswelt durch Internatio-
nalisierung, massiven Wettbe¬
werb und Rationalisierung.
Der neue steirische AK-Präsi¬
dent Walter Rotschädl be¬
grüßte dazu als Referenten
Mag. Rudolf Moser (AK
Oberösterreich), Dr. Jörg
Flecker (FORBA, Wien), Dr.
Peter Samlicki (AK Steier¬
mark) und Prof. Dr. Birgit
Mahnkopfvon der Fachhoch¬
schule für Wirtschaft, Berlin.
Die Referentin sprach sich für
die Annäherung europäischer
Großregionen durch beglei¬
tende politische und soziale
Integration aus, wobei die In¬
teressenvertretungen der Ar¬
beitnehmer ihrer Meinung
nach eine aktive Rolle zu
übernehmen haben. Monetä¬
re Konvergenzkriterien wie
die Höhe von Haushaltsdefi¬
ziten, Staatsverschuldung, In¬
flationsraten, langfristigen
Zinsniveaus oder Wechsel¬
kursen sind durch soziale und
ökologische Konvergenzkrite¬
rien zu ergänzen oder ganz
zu ersetzen. Gleichermaßen
wichtig wäre eine Kontrolle
der Kapitalbewegungen von
und nach Drittländern, die
steuerliche Erfassung von An¬
lagekapital und insbesondere
eine Steuer auf spekulative Fi¬
nanzbewegungen sowie ein
Verbot von Finanztransaktio¬
nen in »Steuerparadiese« vor
allem innerhalb der Europäi¬
schen Union. Für eine nicht¬
regressive Bewältigung der Ar¬
beitsmarktkrise ist eine aktive
Umverteilungspolitik heute
unabdingbar, meinte Prof.
Mahnkopf abschließend.
Weitere Schwerpunkte in der
den Referaten folgenden Dis¬
kussion: Im Übergang zur so¬
genannten Informationsge¬
sellschaft ergeben sich Proble¬
me der Umorganisation und
Birgit Mahnkopf
Neuverteilung von Arbeit und
Arbeitszeit, Arbeitsmärkte
schrumpfen bzw. segmentie¬
ren sich. Der strukturell am
wenigsten verstandene und
ebensowenig bewältigbare
Wandel besteht darin, daß es
einerseits offensichtlich im¬
mer mehr Arbeit, andererseits
aber immer weniger Arbeits¬
plätze und bezahlte Lohnar¬
beit gibt. Neue Formen von
Selbständigkeit, zunehmende
Bedeutung von Informations¬
dienstleistungen und Telear-
beit erscheinen manchen als
Rettungsanker gegen den
Verlust von Arbeit und Ein¬
kommen. Neue Unterneh¬
menskonzepte gehen in Rich¬
tung »schlanker« Betriebe,
verstärkt durch Prozesse des
»business reengineering« oder
Qualitätsmanagements nach
ISO 9000 ff. oder »betriebsge¬
strickter« Konzepte. Die Ori¬
entierung am Kunden sowie
die Kombination fachlicher
mit problemlösender und so¬
zialer Kompetenz als An¬
spruch an »moderne Arbeit¬
nehmer« gewinnen an Bedeu¬
tung. Traditionelle Lohnan¬
reizsysteme mit ihren Mu¬
stern der systematischen und
kontrollierten Datenermitt¬
lung geraten damit an Gren¬
zen. ÖGB undAK Steiermark
haben gemeinsam mit Be¬
triebsräten in den Vorträgen
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