Full text: Arbeit & Wirtschaft - 2003 Heft 01 (01)

BILANZSKANDALE
Stakeholder
Stakeholder eines Unternehmens
sind Gläubiger, Kunden, Arbeitneh¬
mer, der Staat etc. Sie alle haben -
oft unterschiedliche - Interessen
und Anforderungen an Unterneh¬
men. Ein Unternehmen, das »sta-
keholder-orientiert« geführt wird,
achtet darauf, dass die Interessen
der Stakeholder so gut wie möglich
erfüllt werden. Dies bedeutet etwa
Lohngerechtigkeit und Arbeitsplatz¬
sicherheit für die Beschäftigten,
hohe Qualität für die Kunden, Kre¬
ditsicherheit für die Gläubiger etc.
Demgegenüber stehen Unterneh¬
men, die sich ausschließlich
den »Shareholdern« (Eigentümern)
verpflichtet fühlen. Bei diesen steht
die Erzielung einer möglichst hohen
Rendite im Vordergrund.
ihre Sorgfaltspflicht grob vernach¬
lässigt zu haben. Auch die mangeln¬
de Unabhängigkeit der Prüforgane
wird stark kritisiert. Arthur Ander¬
son in den USA steht in der Folge
nun selbst unmittelbar vor der Pleite,
weil die Gesellschaft die Bilanzen
von Enron testiert und Dokumente
vernichtet hat - aus den Big Five
(Anderson, Deloitte&Touche, Ernst
&Young, KPMG und BWZ Global)
könnten damit bald die Big Four wer¬
den, was auch wettbewerbsrechtlich
nicht unproblematisch ist. Die italie¬
nische Aufsichtsbehörde suspendier¬
te kürzlich einen Wirtschaftsprüfer
von PricewaterhouseCoopers, weil
die Banca Popolare di Novara einen
Verlust von 50 Millionen Dollar
1999 nicht auswies. In Deutschland
Corporate Governance
Unter Corporate Governance wird
die Steuerung und Kontrolle eines
Unternehmens verstanden. Im Mit¬
telpunkt stehen dabei die Organe
eines Unternehmens (Hauptver¬
sammlung, Vorstand, Aufsichtsrat)
sowie deren Aufgaben, Rechte und
Pflichten. Geregelt sind die Regeln
und Pflichten der Organe in diver¬
sen Gesetzen (Aktiengesetz,
GmbHG), in Satzungen oder Ge¬
schäftsordnungen sowie nun auch
im Corporate Governance Kodex.
hat eine Sonderprüfung des inzwi¬
schen vom Neuen Markt verbannten
Telematik-Anbieters Comroad erge¬
ben, dass schon 1998 rund 63 Pro¬
zent des Umsatzes mit einer gar nicht
existenten VT Electronics Ltd. in
Hongkong getürkt worden waren, im
darauffolgenden Jahr bereits 86 und
im Jahr 2000 sogar 97 Prozent - ge¬
prüft und für gut befunden von der
renommierten KPMG, die sich nun
die Frage gefallen lassen muss: Was
sind ihre Testate überhaupt wert?
Ein verzweifelter Versuch der
KPMG, den entstandenen Ima¬
geschaden offensiv zu begrenzen,
schlug kläglich fehl: Der Vorstands¬
sprecher Wiedmann kündigte an, alle
45 von seinem Unternehmen bereits
geprüften und testierten Neue-
Markt-Kunden noch einmal unter die
Lupe nehmen zu wollen. Hämisch
kommentierten Konkurrenten, die
KPMG traue wohl ihrer eigenen Ar¬
beit nicht mehr1).
Rechnungslegungsvorschriften
als Mitauslöser?
Letztlich werden auch die Rech¬
nungslegungsvorschriften - vor al¬
lem die amerikanischen US-GAAP -
als Mitauslöser für diese Krisen ver¬
antwortlich gemacht. Die Eigenarten
des US-GAAP spielten sicher eine
bedeutende Rolle, verbirgt sich da¬
hinter doch ein völlig anderer Denk¬
ansatz. US-GAAP ist auf den kon¬
kreten Einzelfall bezogen, während
es beim internationalen Standard
IAS allgemeinere Grundsätze gibt.
Zum Beispiel die Regel, sämtliche
finanziellen Risiken fair darzulegen.
Wenn plötzlich neuartige Risiken
auftauchen, die es vorher nicht gab,
muss man diese nach IAS in der Bi¬
lanz verbuchen. Die Amerikaner fra¬
gen bei US-GAAP hingegen: Ist
schon mal ein ähnlicher Fall vorge¬
kommen? Wenn nicht, besteht nach
US-GAAP die Freiheit, darüber hin¬
wegzusehen. Weil US-GAAP nicht
für jeden theoretisch möglichen Spe¬
zialfall Lösungen anbieten kann,
können die Amerikaner immer erst
reagieren, wenn diese Fälle bereits
') Spiegel 18/02
eingetreten sind - wie jetzt bei En¬
ron. Dass IAS zukünftig das Rennen
gegen US-GAAP als »der« weltweit
anerkannte Rechnungslegungsstan¬
dard gewinnt, ist allerdings trotzdem
unwahrscheinlich, da hinter US-
GAAP die amerikanische Börsen¬
aufsichtsbehörde SEC steht und die¬
se sich kaum auf IAS festlegen las¬
sen wird.
Die österreichischen und deut¬
schen Rechnungslegungsstandards
(jeweils laut nationalem Handels¬
recht) sind von ihrem Grundansatz
dem Gläubigerschutz verpflichtet.
Eine vorsichtigere Bilanzierung -
etwa in Form der Bildung von Vor¬
sorgen und stillen Reserven - ist die
Folge. Der Nachteil ist die bestehen¬
de Undurchsichtigkeit - handels¬
rechtliche Jahresabschlüsse bilden
nur einen Teil der Realität ab, da etwa
stille Reserven für den Bilanzleser
nicht sichtbar sind.
Es sind aber nicht nur die Rech¬
nungslegungsvorschriften selbst,
viele Skandale wurden durch
bewusste Falschbuchungen herbei¬
geführt, die in jedem System passie¬
ren hätten können - vorausgesetzt,
die Prüfer entdecken sie nicht. Etwa
wenn Umsätze an Tochtergesell¬
schaften verbucht werden, diese aber
keinen Endabnehmer haben. Oder
wenn Kosten als Investitionen ange¬
setzt werden und damit über mehrere
Jahre verteilt werden können. Oder
wenn Bewertungen von Forderungen
oder Lagerbeständen bewusst falsch
vorgenommen werden.
Könnten diese Bilanzskandale
verhindert werden?
Verbrecherisches Verhalten wird
aller Voraussicht nach nie zur Gänze
zu verhindern sein. Schwarze Scha¬
fe wird es wohl immer geben. Pro¬
blematisch wird es jedoch, wenn
sich herausstellt, dass ein großer
Teil der Schafherde schwarz ist
und der Reihe nach ein Skandal
nach dem anderen aufgedeckt
wird. »Jede Bilanz ist so gut, wie der
Bilanzierende es wünscht«, meint
etwa der Bilanzierungsexperte des
Instituts für Wirtschaftsprüfung an
der Universität des Saarlandes, Karl-
32 iirtM-it wirtsHialt 1/2003
        

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