Full text: Arbeit & Wirtschaft - 2004 Heft 10 (10)

Meinung Arbeit&Wirtschait 10. j Ar Siegfried Sorz Chefredakteur Standpunkt Hochzufrieden im Alptraum leben? HochverehrteLeserin, begleiten Sie mich aufeinemAusflug ins Kran¬ kenhaus der Zukunft. Zuerst gibt es da, wie schon heute durchaus üblich, einen Portier. Doch was ist der Raum gleich hinter seiner Loge? Ja, Sie sehen richtig, es ist eine Pfand¬ leihanstalt. Fernseher, Stereoanlagen, Schmuckstücke stapeln sich hier. So fi¬ nanzieren verzweifelte und sehr kranke Menschen ihre Behandlung in unserem Krankenhaus der Zukunft. Sie machen das, weil sie entweder gar keine oder kei¬ ne ausreichende Versicherung haben. Finden Sie diesen Blick in die Zukunft zu schwarzseherisch? Das Land der Zu¬ kunft sind die USA, die Vereinigten Staa¬ ten von Amerika. Dort sind derartige Zustände schon gang und gäbe. Was, das glauben Sie nicht, das finden Sie über¬ trieben? Also bitte, wie Sie wissen, ist »Die Presse« eine bürgerlich konservative und ganz sicher keineswegs linkslastige Zei¬ tung. Dort finden Sie am 17. 9. einen Beitrag mit dem Titel: »USA - Fernseher für eine Operation: Die Pfandleihe im Spital.« Unter anderem können Sie dort lesen, dass 15 Prozent der Amerikaner keine Krankenversicherung haben. 15 Prozent sind immerhin 45 Millionen Menschen, die im Krankheitsfall vor ei¬ ner existentiellen Katastrophe stehen. Diese Dinge sind wohl schwer zu be¬ greifen. So hat mir vor kurzem ein be¬ freundeter Arzt rundheraus erklärt: »Das glaubst du wohl selber nicht!« Dabei ha¬ be ich nichts anderes gemacht, als ver¬ sucht, ihm diese zugegeben sehr düstere Zukunft auszumalen. Ich mochte es nicht glauben, muss aber wohl, angesichts all dieser Vorzeichen. Bruno Kreisky hat seinerzeit einmal gesagt, er hätte den Eindruck, die Banken und die Versicherungen hätten unser Land schon übernommen. Er war sehr scharfsichtig, der alte Herr. Jedenfalls ist es wohl so, geschätzter Leser, dass es eine Seite gibt, die nur pro¬ fitieren kann, wenn unser System der so¬ zialen Sicherung nachhaltig ruiniertwird, wenn unsere Krankenversicherung im¬ merweniger ausreicht undwenn dieMen¬ schen in unserem Land generell verunsi¬ chert sind. Für Qualtingers Herrn Karl war ein Packerl Aspirin ausreichend. Wir alle tun wohl gut daran, jetzt schon flei¬ ßig zu sparen, weil wir ja einmal krank werden könnten. Vielleicht sollten wir alle Versiche¬ rungsmakler werden? Ist das eine Alter¬ native? Jedenfalls ist es ein Boom. Ich will Sie gewiss nicht pflanzen, aber haben sie vielleicht Versicherungsaktien? Tja, was nun die Banken betrifft, so haben wir da zum Beispiel dieWeltbank. DieWeltbank macht sich Sorgen. Sorgen um unser Bruttoinlandsprodukt. In un¬ seren BIP ist nämlich ein zu hoherAnteil an Pensionskosten: 15 Prozent. Das ma¬ che uns zunehmendwettbewerbsunfähig, heißt es. An ihre Rüge schließt die Weltbank eine Forderung an. Gefordert wird ein schneller Umstieg auf das Kapitalde- ckunsverfahren, also aufprivate Pensions¬ vorsorge. Die Chicago Boys von der Weltbank machen dann Systemvergleich und sagen, das zum Beispiel die USA oder Großbri¬ tannien viel weniger für die Pensionen ausgeben. Ja, Herrschaftsseiten, Leute, natürlich ist der Anteil der Pensionskos¬ ten am BIP dort geringer. Die Höhe der staatlichen Pensionen hängt wohl auch von den Einzahlungen ab, welche bei uns deutlich höher sind als in diesen Ländern. Aber das ist denen von der Weltbank wurscht. Ihre Sorge sind ja nicht die Be¬ dürfnisse der Bürger, sondern die Gewin¬ ne der Banken. Dort liegen ihre Interes¬ sen und das liegt ihren Interessenten am Herzen: Profit, Profit, Profit. Uns naiven Normalverbrauchern, uns Arbeitnehmern und unseren Familien ist schon längst der offene Wirtschaftskrieg erklärt worden! Die Weltbank kennen wir übrigens als offene Unterstützer von Diktaturen wie dem Chile von Pinochet, oder als je¬ ne, die dem seinerzeitigen Jugoslawien ein Wirtschaftsprogramm aufgedrückt haben, das zu einer enormen Inflations¬ rate und neben den ethnischen Gründen auch zum Krieg geführt hat. Allein was sie in Russland angerichtet haben, ist sa¬ genhaft. Oberstes Ziel dieser Institution ist die rigorose Öffnung der Märkte. Die materielle Lebensgrundlage der Men¬ schen steht aufdem Spiele - doch was für sie zählt, ist nur der maximale Profit. Streichung von Feiertagen, Auswei¬ tung derWochen-, Monats- und Lebens¬ arbeitszeit, überfallsartiger Pensionsver¬ lust oder besser Pensionsraub, sinkende Reallöhne und steigende Steuern und Abgaben und und und. Sollen wir die Augen ganz fest zuma¬ chen und uns vorsagen: »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr!« Dieser Albtraum ist leider Wirklichkeit. Undwas sagt der Herr Sozialminister: »Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter sind hochzufrieden, sonst hätten sie schon was getan ...«. Hat er Recht? Hat er wirk¬ lich Recht? Siegfried Sorz

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