145 Die häufig erhobenen Forderungen nach einer Begrenzung der öffentlichen Verschuldung sollten (oder dürfen) sich nicht an der absoluten Höhe, sondern an der "Last der Verschuldung" orien- tieren. Von einer Begrenzung der öffentlichen Verschuldung könnte dann bereits gesprochen werden, wenn diese Last bzw. der entsprechende Zins-Steuersatz konstant bleibt. Eine gleichblei- bende oder gar abnehmende absolute Verschuldung wäre zur Er- reichung dieses Zieles somit keineswegs erforderlich. Die Analyse von Domar zeigt ferner, daß die Wachstumsrate des Volkseinkommens der "archimedische Punkt" für die Belastungs- wirkung und damit die Grenze der Staatsverschuldung aus volks- wirtSchaftlicher Sicht ist. Das bekannteste Ergebnis seiner Studie ist denn auch, daß das Verhältnis Schuldendienst/Volkseinkom~ men und die Beziehung Schuldenstand/Volkseinkommen trotz ständiger (Netto- )Neuverschuldung in einer wachsenden Wirt- schaft einem bestimmten Endwert zustreben. Dieser ist seinerseits von der Wahl der Parameter Zinssatz (i), Wachstumsrate des Volkseinkommens (r) und vom jährlichen Verschuldungsanteil des Staates am Volkseinkommen (a) abhängig. Eine weitere bedeutsame Erkenntnis Domars besteht schließlich darin, daß für die Einschätzung der Wirkungen der Staatsver- schuldung der Inhalt des Begriffes "öffentliche Investitionen" nicht zu eng (etwa lediglich im Sinne der VGR) interpretiert wer- den darf und ferner die gesamtwirtschaftliche Produktivität öf~ fentliche Ausgaben mitberUcksichtigt werden muß. Der direkte Vergleich zwischen der (Umwegs-)Rentabilität schuldfinanzierter öffentlicher Ausgaben und dem Zinssatz der Staatsverschuldung spielt allerdings bei Domar keine Rolle. Weiters erhebt sich die Frage, ob es für das Modell von Domar gleichgültig ist, ob man von realen oder monetären Größen aus- geht, ob also (r) und (a) nominell oder real sind. Das Problem der Staatsverschuldung ist sicher ein reales und ein monetäres Pro- blem. Die Erfahrung zeigt, daß es in der Realität vorkommen kann, daß die Inflationsrate höher als die Rendite der Staatspa- piere ist. Selbstverständlich zahlt der Staat auch in dieser Situation seine Zinsen und erhebt dementsprechend die "Zinssteuer" , aber die Realverzinsung ist in dieser Situation negativ, die Last erlei~h- tert sich fUr den Staat auf Kosten der Vermögenssubstanz der Rentiers. Langfristig ist aber eine solche reale Negativverzinsung ohne ernste Probleme für den Staatskredit nicht denkbar.