- kb jst nur durch ein die Zunahme der Kapitalintensität übersteigendes Wachstum des Kapitalstocks zu er¬ reichen, d. h. die Investitionen müssen kräftig steigen. Voraussetzung hierfür ist in der heutigen Situation nach aller Erfahrung zunächst ein deutliches Wachstum der Nachfrage. Dies herbeizuführen ist Aufgabe der Wirt¬ schaftspolitik. Die Tarifpolitik kann hierbei nur insofern Hilfestellung leisten, als sie wenigstens durchsetzt, daß die private reale Konsumnachfrage nicht beschnitten wird. Daß Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnaus¬ gleich dies zu bewirken vermag, bestreitet selbst der Bei¬ rat nicht. Daß sie dies erreichen kann, ohne gleichzeitig die kostenseitigen Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wachstum von gesamtwirtschaftlicher Produktion und Investitionstätigkeit 7.» verschlechtern, wird zu zeigen sein. a) Das zentrale Argument des Beirats ist die These, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit — ob mit oder ohne Lohnausgleich — habe die Lohnstückkosten steigernde Wirkungen, wodurch die Nachfrage nach Arbeit stärker zurückgedrängt v/erde, als die den Arbeitsmarkt entla¬ stenden Effekte der Arbeitszeitverkürzung ausmachen. Dabei geht er davon aus, daß das aktuelle Rcallohnni- veau nicht vollbeschäftigungskonform ist. „Eine Arbeits- ; Zeitverkürzung korrigiert weder Fehlentwicklungen des Reallohns noch Verzerrungen der Lohn-Zins-Rciation". Als Therapie folgt daraus implizit: Die Lohnstückkosten I müssen sinken. Es überrascht nicht, daß aus dieser Position eine Ab¬ lehnung der Wochenarbeitszeitverkürzung mit Lohnaus¬ gleich erfolgt. Dabei richtet sich die Attacke irn Kern zu- 1 nächst nicht gegen Arbeitszeitverkürzung als eine beson¬ dere Form der Ausschöpfung des Verteilungsspiel- raums, sondern gegen die Ausschöpfung des kostenni- vcauneutralen Verteilungsspielraums zugunsten der Ar¬ beitnehmer schlechthin. b) Für die Gewerkschaften ist weder die Ausgsngsdia- gnose schlüssig noch der Therapievorschlag „Lohnver¬ zicht" (hier verstanden als Verzicht auf c'ie Ausschöp¬ fung des kostenniveauneutralen Verteilungsspielraums) I zur Schaffung von Arbeitsplätzen akzeptabel; das gilt zumindest so lange, wie das Produktionspotential nicht voll ausgelastet ist. Abgesehen davon, daß in einer Situa¬ tion allgemein hoher nachfragebedingter Unterausla¬ stung der Kapazitäten das Grenzprodukt der Arbeit nicht definiert ist, führt „Lohnverzicht" zu einem weite¬ ren Nachfrageausfall und damit zu einer Verschlechte¬ rung der Absatzerwartungen der Unternehmen, die | mehr schadet, als die möglicherweise antretende Entia- 1 stung bei den Lohnstiickkosten nützt. Das gilt umso mehr, als die Finanzpolitik einen zunehmend kontrakti- ven Kurs, verfolgt und das hohe Realzinsniveau in den USA den Kapitalmarkt in der Bundesrepublik belastet. Die Hoffnung, in dieser Situation werden die autonomen Investitionen anspringen und die Nachfragelücke schlie¬ ßen, ist Illusion. M.a.W. „Lohnvcrzicht" verbessert die Bedingungen für den Aufschwung nicht, sondern ver¬ schlechtert sie. Er bewirkt allenfalls eine vorübergehende Aufstockung der von vielen Unternehmen gehaltenen hohen Liquiditätsbestände, was angesichts der interna¬ tionalen Zinskonstellation mit großer Wahrscheinlich¬ keit zu verstärktem Kapitalexport führen würde; indi¬ rekt trügen die deutschen Arbeitnehmer zur Finanzie¬ rung der Reaganschen Rüstungspolitik bei. Schließlich führt „Lohnverzicht" zu sozialen Spannungen im In¬ nern, was die mittelfristigen Wachstumschancen bela¬ sten würde. Auch das Argument, die internationale Wettbewerbs¬ fähigkeit der deutschen Wirtschaft und damit das Ex¬ portwachstum ließen sich so verbessern, hat nichts für sich. Die hohen Außenhandelsbilanzüberschüsse de¬ monstrieren die Stärke der deutschen Wirtschaft im in¬ ternationalen Konkurrenzkampf. Die Ursache für die trotzdem relativ schwache Expansion der deutschen Ex¬ porte liegt ausschließlich in der schlechten Konjunktur¬ entwicklung bei den Handelspartnerländern. Die wirt¬ schaftspolitische Aufgabe der Bundesrepublik im inter¬ nationalen Konzert besteht nicht in der Einfuhr, sondern im Export von Beschäftigten. Bereits heute leiden viele Länder unter dem Wettbewerbsvorsprung Japans und der Bundesrepublik; bei stagnierendem Welthandel se¬ hen sie sich gezwungen, protektionistische Maßnahmen zu ergreifen. Jede Aktion, die eine weitere Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit für die deut¬ sche Wirtschaft über den erreichten hohen Stand hinaus bewirkt, wird die Tendenz zum Protektionismus verstär¬ ken. Dadurch werden mittelfristig die Wachstumschan¬ cen der deutschen Wirtschaft beschnitten, denn es ist ein schwieriges, langwieriges Geschäft, die Partnerländer dazu zu bewegen, ihre Handelsbarrieren wieder abzu¬ bauen. Aus diesen Gründen bestehen die Gewerkschaften in der kommenden Tarifrunde auf der Ausschöpfung we¬ nigstens des kostenniveauneutralen Verteilungsspiel¬ raums, der im wesentlichen durch das Wachstum der Arbeitsproduktivität und die Inflationsrate bestimmt ist. Innerhalb dieses Rahmens wird zu entscheiden sein, wel¬ cher Anteil auf die Nominallohnsteigerung und welcher auf die Verkürzung der Wochenarbeitszeit entfallen soll. Setzt man die Konstanz der Reallöhne als wünschens¬ wert voraus, dann verbleibt eine Arbeitszeitverkürzung im Ausmaß des Produktivitätsanstiegs. Dieses Bild wird den folgenden Erörterungen zugrunde gelegt, und es bleibt die Frage, ob eine im Ausmaß der Produktivitäts¬ steigerung durchgeführte Arbeitszeitverkürzung bei vol¬ lem Lohnausgleich mit dem Postulat der Kostcnniveau- neutralität vereinbar ist oder nicht. c) Der Beirat hat recht, wenn er sich nicht vorstellen kann, daß eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn-