- 6o - lern.- Lohnausgleich durchnetzt, bezieht hingegen öffentliche Schelte für diesen angeblichen Beitrag zur1 Schwächung unserer Wirtschaft. Wer begründen möchte, daß die Gewinne' unangemessen .gestiegen sind, muß zut moralischen Kategorien greifen und sagen, die.Höhe der Gewinne sei ungerecht im Vergleicji;; zum Anstieg der Löhne. Von der Sache ' her kann er sich "zwar auf die Notwen¬ digkeit der . Massenkaufkraft im wirt¬ schaftlichen Kreislauf berufen, eine Be¬ gründung, die auch bei der Verkürzung ,der •. Arbeitszeit greift, weil weniger Arbeitslose mehr Massenkaufkraft be¬ deuten'; aber spätestens bei der Frage : des vollen Lohnausgleichs tritt das AU-^ 'zweckargCtiiieiit „Gefährdung der inter¬ nationalen ; Wettbewerbsfähigkeit" in Funktion,-, - ? ?- j- ! " Daß die Arbeitgeber den Verteil, den sie in der Kostendiskussion .genießen, voll ausspielen, darf niemanden wun¬ dern. Wie uneingeschränkt die Bundes¬ regierung ihnen dabei assistiert, wird zwar auch nur noch wenige wundern, ist aber gleichwohl bemerkenswert. Das Ka-' biriett Kohl/Genscher folgt dabei der Devise, die der Bundesarbeitsministert: kürzlich in einem Spiegel-Interview zum besten gegeben hat: „Von ruinier¬ ten Unternehmen haben nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Arbeit¬ nehmer nichts. Also: Was den Unter¬ nehmen hilft, hilft auch den Arbeitneh¬ mern." Solche Sätze muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Diese dem- | agogische Mischung aus v/ahrer Schale und falschem Kern macht dem Kollegen Blüm so schnell keiner nach. (Polemisch läßt sich solchen Äußerungen leicht be¬ gegnen, z. B. mit der Frage, warum Nor¬ bert Blüm dann Mitglied einer Gewerk¬ schaft und nicht eines Unternehmer- Unterstützungsvereins ist; aber er ist ja immerhin Mitglied der christlich-libera¬ len Regierung.) Sie argumentativ zu zerlegen, erfordert einige Anstrengun- | gen. I Diese Schwierigkeit beruht u. a. dar- I auf, daß in der öffentlichen Diskussion i zwar unterschieden wird zwischen dem Interesse der Arbeitnehmer und dem, I was im gesamtwirtschaftlichen Inter- | esse liegt. Bs wird jedoch nicht mehr ! unterschieden zwischen dem Interesse j der Unternehmer und dem der Wirt¬ schaft, Was Arbeitnehmer in ihrem In-. | teresse fordern oder ablehnen, steht — jedenfalls in weiten Teilen der öffent- lichkeit — von vornherein im Verdacht, unserer Wirtschaft abträglich zu sein. ' Die Interessen hingegen, die Unterneh¬ mer geltend machen, lallen im öffent¬ lichen Verständnis beinahe automatisch ? mit dem Interesse der Wirtschaft insge¬ samt zusammen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Für den realen Gang des Wirtschaftsprozesses ist die Unterschei¬ dung zwischen den Interessen der Un¬ ternehmer und dem Interesse der Wirt¬ schaft nur von geringer Bedeutung, denn am"Ende sind es immer die Unter¬ nehmer, die "die wirtschaftlichen Ent¬ scheidungen fällen —• und sie fällen sie selbstverständlich „in ihrem Interesse". Diese Machtposition der Unterneh¬ mer, die nur die Kehrseite der unzurei¬ chenden Mitbestimmungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer ist, hat weitreichende gesellschaftspolitische Konsequenzen, denn — wir'wüßten es auch, wenn es uns nicht tagtäglich gepredigt würde — vom Wohl und Wehe der Wirtschaft hängt dag Wohlergehen der Gesamtge- sellschaft entscheidend ab. Ein aktuelles Beispiel mag genügen: Noch vor weni¬ gen Jahren bestand zwischen allen Parteien Ubereinstimmung, daß die Arbeitsschutzbestimmungen für Jugendliche und Frauen, die jetzt ent¬ weder schon beseitigt wurden oder zur Disposition gestellt werden, einen wich¬ tigen gesellschaftspolitischen Fortschritt bedeuten. Wenn die Unternehmer auf¬ grund des Uberangebotes an Auszubil¬ denden und arbeitsuchenden Frauen ihre wirtschaftliche Entscheidung, ob sie mehr Auszubildende und mehr Frauen einstellen, von der Abschaffung dieser Arbeitsschutzbestimmung abhän¬ gig machen können, dann verwandeln sich diese Bestimmungen eben in „aus- bildungs- und einstellungshemmende Vorschriften". Und Norbert Blüm hat wieder einmal recht: Der Abbau des Arbeitsschutzes hilft den Unternehmern — sie können über die Arbeit der Aus¬ zubildenden und der Frauen freier ver¬ fügen, und er hilft den betroffenen Arbeitnehmern — sie bekommen einen Arbeitsplatz. „Also: Was den Unterneh¬ men hilft, hilft auch den Arbeitneh¬ mern." Der Bundesarbeitsminister kann sich sogar einbilden, etwas für die Arbeitnehmer getan zu haben, indem er etwas gegen sie tut öffentlich legitimieren läßt sich diese politische Logik aber eben nur dann, wenn man das Interesse der Unterneh¬ mer ohne jede kritische Distanz um- standslos mit, dem Interesse „unserer Wirtschaft" gleichsetzt, . Die Anwendung dieser Überlegungen auf die Tarifauseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnaus¬ gleich läßt die Probleme, die die Ge¬ werkschaften mit der öffentlichen Dar¬ stellung ihrer Position haben, in klare¬ rem Licht erscheinen. Solange das In¬ formationsmonopol und die fast unein¬ geschränkte wirtschaftliche Entschei- dungsgewait der Unternehmer bestehen, solange die Gewinnhöhe nicht ebenso wie die Lohnhöhe einer sachlich kriti¬ schen Diskussion unterworfen und das Unternehmerinteresse automatisch dem wirtschaftlichen Gesamtinteresse gleichgestellt wird — so lange werden die Gewerkschaften in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Berechti¬ gung ihrer Forderungen notwendiger¬ weise nicht allzu gut dastehen. Auch wenn jede Arbeitszeitverkürzung der Vergangenheit von den Unternehmern mit denselben Drohungen bekämpft*, wurde, mit denen sie heute operieren, und sich die Schreckensvisionen noch jedesmal als falsch erwiesen haben welches die Öffentlichkeit überzeugende Argument kann ein Gewerkschafter hier und jetzt ins Feld führen gegen den Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber¬ vereinigung Gesamtmetall, der in bester Klassenkampfmanier droht: „Die Be¬ reitschaft (!) der Betriebe zum Durch¬ halten von Belegschaften, zur Neuein¬ stellung von Arbeitsuchenden und zur Ausbildung von Lehrlingen wird zwangsläufig durch den IG-Metall-Kurs in Mitleidenschaft gezogen."? Ich fürchte, einen wirklich überzeugenden Beweis für die Richtigkeit unserer Posi¬ tion werden wir erst im nachhinein lie¬ fern können, wenn durch die Arbeits¬ zeitverkürzung nachprüfbar Arbeits¬ plätze gesichert und geschaffen wurden, wie es in der Vergangenheit immer der Fall war. Wenn ein Arbeitgeber statt bisher 5 nur 4 Auszubildende einstellen würde, nur um der Öffentlichkeit zu demon¬ strieren, daß die Ausbildungswilligkeit der Unternehmen unter der Gewerk- schaftspolitik leidet, wenn so nicht nur ein Arbeitgeber verführe, sondern wenn 10 000 so handelten, stünden bereits 10 000 Lehrlinge auf der Straße. Wären dann die Gewerkschaften schuld? Wenn es nach der Logik des Bundesarbeitsmi¬ nisters ginge, gewiß. Oder vielleicht doch die Arbeitgeber, die ihre wirt¬ schaftliche Machtposition rücksichtslos ausnutzen? Wenn Arbeitgeber im Rahmen des Spielraums, der für jede wirtschaftliche Entscheidung zur Verfügung steht, ver¬ suchen würden, durchgesetzte Arbeits¬ zeitverkürzungen die Arbeitnehmer ausbaden zu lassen, indem sie Neuein-. Stellungen hinauszögern und statt des¬ sen das Arbeitstempo erhöhen — kön¬ nen sie dann wirklich eine zusätzliche Arbeitskraft nicht bezahlen oder nutzen sie wieder nur ihre Machtposition aus? Diese drei Beispiele mögen ausrei¬ chen, um erkennen zu lassen, welche unmittelbaren faktischen Schwierigkei¬ ten aus dem oben dargestellten prinzi¬ piellen Vorsprung der Arbeitgeber im öffentlichen Argumentations-Kampf um die 35-Stunden-Woche für die Gewerk¬ schaften entspringen. Der Satz, mit dem sich diese gesamten Überlegungen zu¬ sammenfassen lassen, könnte etwa lau¬ ten: Wer die größere Macht hat, hat kei¬ neswegs immer die besseren Argu¬ mente, aber er hat die größere Möglich¬ keit, solche Tatbestände zu schaffen, die seine Argumente als die besseren er¬ scheinen lassen.- in. Die Ablehnung aller beschäftigungs¬ politischen Initiativen des DGB in der Vergangenheit hat die Gewerkschaften nicht entmutigt. Die Dringlichkeit, den Kampf gegen die Beschäftigungskrise aus eigener Kraft zu führen, wurde j dadurch für die Gewerkschaften im Ge¬ genteil eher erhöht. Die massiven An¬ griffe, mit denen die Arbeitgeber, die Bundesregierung und Teile der Öffent¬ lichkeit in der Gegenwart auf diesen Kampf reagieren, ändert nichts an sei¬ ner Notwendigkeit: Ohne Arbeitszeit¬ verkürzung Ist eine nachhaltige Redu¬ zierung der Arbeitslosigkeit nicht er-