DAS RECHT DER ARBEIT MIT BEILAGE: ENTSCHEIDUNGEN DES OBERLANDESGERICHTES WIEN IN SOZIALVERSICHERUNGSSACHEN 9. JAHR/Nr. 2 APRIL 1959 36. HEFT Med.-Rat Dr. FRIEDRICH PAULA (Wien): Arbeitsmedizinische Hinweise für die Bewertung der menschlichen Arbeitsbelastung*) Als Praktiker und langjähriger wissenschaftlicher Bearbeiter arbeitsmedizinischer Fragenkomplexe steht man in der Begutachtungs- und Spruchpraxis immer wieder verwundert vor einer recht oberflächlichen Ein¬ stellung, die sich auf die Berufsarbeit und Leistungsfä¬ higkeit der Menschen bezieht. Im täglichen Gebrauch erstarrte oder völlig entleerte Begriffe bilden häufig die Grundlagen von Urteilen und Entscheidungen. Zu jedem Begriff gehört schon nach den fundamen¬ talen Gesetzen der Logik ein Begriffsinhalt. Das müßte somit auch für die üblicherweise gebrauchten Klassifi¬ kationen jeder Berufsarbeit seine Geltung haben. Doch wer glaubt, einen Leistungsvorgang über den Daumen hinweg als „leicht", „mittelschwer" und „schwer" aus¬ reichend gekennzeichnet und vielleicht noch in der In¬ terpolation „leicht bis mittelschwer" eine brauchbare Spezifizierung gefunden zu haben, dürfte auf die Frage nach einer Maßrelation oder nach der Gewinnung seines Werturteiles in Verlegenheit geraten oder bestenfalls auf den im jeweiligen Arbeitsprozeß erforderlichen Mus¬ kelaufwand verweisen. Dabei sagt ein altes Sprichwort: Leicht ist, was man kann, schwer fällt, was man nicht kann — und bein¬ haltet damit mehr an unausgesprochenem Naturwissen, als heutzutage Ärzte und Nichtärzte mit ihren Schlu߬ folgerungen punkto Arbeit zum Ausdruck bringen! Es scheint mir zunächst ein unbedingtes Erfordernis zu sein, sich mit grundsätzlichen Erkenntnissen der Ar¬ beitsphysiologie1) vertraut zu machen. Ganz allgemein wird unter der Schwere einer Ar¬ beit die Größe der Muskelanstrengung und implizite der damit korrespondierende Arbeitskalorienverbrauch ver¬ standen. Dieser bestimmt sich aus der Messung des ver- *) Anm. d. Red.: Der Verfasser dieses Artikels ist ständig beeideter Gerichtssachverständiger für Arbeitsmedizin beim Landesgericht f. ZRS, Wien. Seine Ausführungen werden von der Zeitschrift .Das Recht der Arbeit" an hervoriagender Stelle abgedruckt, da ihnen wegen der speziell für das Leistungsstreitverfahren nach dem ASVG geforderten Verbesserung des ärztlichen Sachverständigenwesens (vgl. DRdA, Heft 34, 1958, S. 123 ff.) besondere Bedeutung zukommt. ') Vgl. meinen Aufsatz .Der arbeitende Mensch und seine betrieb¬ liche Umwelt", Sichere Arbeit, Folge 1, 1954 und siehe auch Fußnote 2. brauchten Sauerstoffes und der abgegebenen Kohlen¬ säure als Ausdruck aller Verbrennungsvorgänge im Or¬ ganismus. Er besteht aus dem sogenannten „Grundum¬ satz" (bei möglichster Untätigkeit aller Organe) und dem „Leistungszuwachs" (durch erhöhte Tätigkeit aller Organe). Letzterer wird hauptsächlich durch Aktionen der Muskulatur und durch Vorgänge im Verdauungs¬ trakt hervorgerufen. Als Beispiel sei nur angeführt, daß schon vom Liegen über das Sitzen, Stehen und Gehen eine merkliche Steigerung des Grundumsatzes erfolgt, daß bei leichter Muskeltätigkeit (etwa langsames Gehen in der Ebene) die Erhöhung bereits 200%, bei mitt¬ lerer Arbeit 300 bis 400% und bei schwerer Arbeit 600 bis 700% und mehr beträgt. Selbstverständlich haben die Aktionen der Muskula¬ tur auch die stärksten Auswirkungen auf Herz, Kreis¬ lauf und Lunge. Der bekannte Forscher Knipping hat diesbezüglich von einem regelrechten „Arbeitssystem" gesprochen. Nun haben aber neben der Muskeltätigkeit auch an¬ dere Komponenten, wie z. B. das Klima, maßgebliche Einflüsse auf Herz, Kreislauf und Lunge. Bei der rein kinetischen Betrachtungsweise, wonach die Arbeit ergo- metrisch nach Meterkilogramm oder kalorimetrisch nach der Zahl der verbrauchten Nahrungskalorien meßbar ist, ergäbe sich bestenfalls eine Aufteilung der sogenannten manuellen, also grob motorischen Arbeit, wobei zumeist unberücksichtigt bleibt oder bleiben muß, ob der gleiche Kalorienverbrauch gleichmäßig über die Arbeitszeit ver¬ teilt ist oder ob längere Zeiten relativ geringer An¬ strengungen mit kurzen Höchstleistungen abwechseln oder ob sich zu hohen Grundbelastungen plötzliche, vor¬ übergehende Höchstleistungen gesellen. In der Vernach¬ lässigung dieses Gesichtspunktes liegt z. B. ein ganz gro¬ ber Fehler bei der generellen Gepflogenheit der Arbeits¬ beurteilung. Es werden für gewöhnlich einfach Berufsbe¬ zeichnungen hergenommen, also etwa Pflasterer, Packer, Transportarbeiter usw., und mit dem üblichen Vorstel¬ lungsinhalt eindrucksvoller Tätigkeiten solcher Arbeiter Werturteile verknüpft, ohne zumindest den Tagesablauf solcher Arbeitsvorgänge der Beurteilung zugrunde zu 45