Neue Bücher 559DRdA ? 6/2013 ? Dezember Besonders deutlich kommen diese Anliegen in den ersten beiden Abschnitten zum Ausdruck: „Das Arbeitsrecht und das Postulat der Einheit der Rechtsordnung“ und „Arbeitsrecht in der sozialen Marktwirtschaft“. Hervorgehoben seien daraus der Aufsatz „Die Stellung des Arbeitsrechts in der Privat- rechtsordnung“ (aus 1989) und jener über „Die Rolle des Arbeitsrechts im marktwirtschaftlichen System“ (aus dem Ordo-Jahrbuch 1985). Im erstgenannten geht Reuter ver- schiedenen Vorverständnissen im Arbeitsrecht nach, unter- scheidet dazu Ansätze (schuldrechtlich, personenrechtlich und klassenrechtlich) und zeigt, wie sich diese Ansätze bei Einzelfragen jeweils unterschiedlich auswirken. Der bekann- te Ordo-Aufsatz bündelt die Anliegen Reuters im Angesicht des (damals) herrschenden Verständnisses des Arbeitsrechts. Auch andere Beiträge spiegeln die Grundanliegen Reuters wider, etwa wenn er zur Funktion von Kündigungsschutz (insb Schutz im Arbeitsverhältnis oder vor Konkurrenz) und Sozial- planabfindung (Steuerung des AG-Handelns, nicht-Entschä- digung für Arbeitsplatzverlust) oder gegen die Ableitung des Kündigungsschutzes aus der Erwerbsfreiheit Stellung nimmt. Die Arbeiten Reuters zeigen, dass Rechtswissenschaft auch im Arbeitsrecht mehr sein kann (und soll) als bloße Rechtskunde, die Vorhandenes sammelt und ein wenig dis- kutiert, nämlich das Durchdenken der Probleme im größeren Zusammenhang – und damit etwas, was auch sehr gute Anwälte und Richter mangels Zeit idR nicht mehr schriftlich leisten. Die Lektüre von Beiträgen aus dem vorliegenden Band ist daher für alle, die sich für Arbeitsrecht wissenschaft- lich interessieren, ein Gewinn, auch wenn sie Auffassungen nicht teilen. Fraglich ist allerdings, wie sich die Anliegen Reuters zum Unionsrecht verhalten. Wie die Urteile Viking und Laval zei- gen, sieht der EuGH das Arbeitsrecht zwar nicht als Sonder- bereich – eine konsistente oder gar dogmatisch durchdring- bare Rechtsordnung ist dem EuGH aber offenbar auch kein Anliegen. Man kann nur hoffen, dass Jüngere die systemati- schen Anliegen Reuters in diesem Bereich weiterverfolgen. ROBERT REBHAHN (WIEN) WiR – Studiengesellschaft für Wirtschaft und Recht (Hrsg) Alter und Recht Linde Verlag, Wien 2012, 216 Seiten, Hardcover, € 58,– Die Studiengesellschaft für Wirtschaft und Recht griff mit „Alter und Recht“ ein Thema für ihr jährliches Symposium 2011 auf, das ähnlich einer Stoßfront, durch Unionsrecht erzeugt, auf unsere nationale Rechtsordnung trifft und dabei auch dort Dynamik erzeugt, wo bisher einmütige Behag- lichkeit herrschte. In elf Vorträgen, die dieser Sammelband bewahrt, wurde dieser Umstand beleuchtet. Die ersten vier Beiträge bilden einleitend den gemeinsa- men Nenner: Ulrike Schneider (S 15-34) führt zuerst mit ihrer Darstellung der gesellschaftlichen Alterung vor, wo die demo- graphischen Herausforderungen für Recht und Politik beson- ders liegen: in der Alters- und der Gesundheitssicherung. Elisabeth Holzleithner (S 35-45) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Menschenwürde als Wurzel des Verbots der Alters- diskriminierung, um autonomes Handeln und damit auch die eigene Identität realisieren zu können – zwischen all den ökonomischen Aspekten, die freilich dem Unionsrecht als Marktordnung inhärent sind, ist dies eine Wohltat zu lesen. Die Schranken des einfachen Gesetzgebers zeichnen die nächsten beiden Beiträge einleitend vor: Magdalena Pöschl (S 47-70) bereitet das Verbot der Altersdiskriminierung aus verfassungsrechtlicher Sicht, insb aus dem Blickwinkel des Gleichheitssatzes, auf und weist auf Gemeinsames, aber auch Trennendes (vor allem, dass jede/r altert) zu den klas- sischen Diskriminierungsmerkmalen hin. Robert Rebhahn (S 71-86) gewährt einen kompetenten Überblick über die RL 2000/78/EG mit ihrer Rsp des EuGH von Mangold bis Prigge, des Art 21 Grundrechte-Charta und des im Urteil Mangold erkannten allgemeinen Rechtsgrundsatzes als uni- onsrechtliche Grundlagen des Altersdiskriminierungsverbots. Dabei finden sich auch kritische Töne zur Ausdehnung des Diskriminierungsverbots über die Arbeitswelt hinaus auf die Sozialsphäre, wie sie bereits von der Europäischen Kommis- sion (KOM[2008] 426 endg), aber auch als „levelling up“ vom BMASK (407/ME 24. GP) vorgeschlagen wurde. Nach diesem allgemeinen Teil folgt nun der besondere Teil, in dem einzelne Rechtsgebiete näher betrachtet werden. Brigitta Lurger (S 87-111) nähert sich ihrem Thema der Gren- zen der Selbstbestimmung im Alter aus privatrechtlicher Sicht über Menschen mit Behinderungen, die nicht mehr selbst bestimmen können, und stellt im Rahmen der Geschäfts- fähigkeit die relativ jungen Rechtsinstitute der Vorsorgevoll- macht und der Patientenverfügung einschließlich speziell deren Auslandsbezüge vor. Dieser Ansatz geht aber nicht am Thema Alter vorbei, sondern zeigt gerade, wie indirekt das Alter wirkt: Denn je älter man ist, desto eher ist man von Pati- entenverfügung und Vorsorgevollmacht betroffen. Christoph Kietaibls Beitrag über die gesetzliche Altersvorsorge (S 113- 122) lässt sich als direkte Verlängerung von Schneiders einlei- tender Darstellung lesen: Nach Abbilden der Altersvorsorge im System der gesetzlichen PV, der berufsständischen Kam- mervorsorge und der BeamtInnenversorgung und ihrer Pro- bleme beim Übertritt von einem in das andere System sieht er durch die gesellschaftliche Alterung größere Probleme in der langfristigen Finanzierung, wie überhaupt in der Legitima- tion des Gesamtsystems, entstehen. Eine Gegenrede dazu könnte man bspw in B. Schwarz, Alterssicherung mit Zukunft (2012) lesen. Stefan Perner (S 123-133) geht in seinem Bei- trag, der wortgleich und mit einer Fußnote ergänzt auch in der Festschrift für Gert Iro (2013) veröffentlicht ist, der Frage nach, ob die EuGH-E Test-Achats, mit der Unisex-Tarife im privaten Versicherungsrecht geboten sind, auch auf das Alter übertragbar ist; dabei fällt sein Blick auch auf den schon oben erwähnten Kommissionsvorschlag. Cornelia Köchle (S 135-152) wendet sich dem Alter und Medizinrecht zu und konzentriert sich dabei auf die gesundheitsrechtliche Frage, ob das Alter ein Allokationskriterium für medizinische Leistun- gen ist bzw sein kann. Ihre Ausführungen zu dieser Frage der Altersrationierung basieren vor allem auf dem ASVG und dem verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz. Angenehm les- bar ist der Beitrag von Harald Eberhard (S 153-179) mit seinen Überlegungen zum Alter im Berufsrecht. Nachdem er exemplarisch verschiedene Altersregelungen im Berufs- recht nennt, konkretisiert er in Fortsetzung der Beiträge von Pöschl und Rebhahn die unions- und verfassungsrechtlichen Vorgaben aus berufsrechtlicher Perspektive und zeigt, dass das unionsrechtliche Verbot der Altersdiskriminierung gleich- heitsrechtliche Fragestellungen neu aufwirft. Einen weiteren Beleg, wie indirekt Alter auf an sich altersunabhängige Nor- men wirken kann, bietet Michael Lang mit seinem Blick auf das Alter im Steuerrecht (S 181-195), wenn er darlegt, dass sich die für die Einkommensteuer maßgebende Besteuerung