1.11. Einkommenspolitik werden. In den USA ist es dem Federal Reserve System in den neunziger Jah- ren gelungen, durch eine pragmatische Geldpolitik die wirtschaftliche Dyna- mik zu beflügeln, ohne inflationäre Spannungen hervorzurufen. In Europa blieb die Geldpolitik dagegen über Jahre auf restriktivem Kurs, wie an der in- versen Zinsstruktur bis 1994 abgelesen werden kann. Auf internationaler poli- tischer Ebene bedeutet Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Budgetdefizite auch Kampf gegen anhaltend hohe Realzinssätze. Die Europäische Zentralbank sollte angehalten werden, eine ausgewogene Geldpolitik zu verfolgen. Neben dem Stabilitätsziel darf in der Geldpolitik auch das Beschäftigungsziel nicht außer acht gelassen werden. Zur Koordinierung dieser Ziele sollten daher auch ein Mechanismus zwischen den Sozialpartnern als autonome KV-Partner und der unabhängigen EZB geschaffen werden. Für die Wettbewerbsposition innerhalb Europas spielen die Lohnstückko- sten gemeinsam mit den Wechselkursen eine entscheidende Rolle. Die durch die Abwertungen wichtiger Handelspartner verursachte Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit kann vor allem dadurch wieder wettgemacht werden, daß die Produktivität rascher und die Arbeitskosten schwächer als in den Ab- wertungsländern steigen. Die nationale Einkommens- und Lohnpolitik muß daher auf die internationale Wettbewerbsfllhigkeit Rücksicht nehmen, wobei die Bedeutung der Lohnpolitik, die in der Autonomie der Kollektivvertrags- partner liegt, im Zuge der zunehmenden internationalen Verflechtung und des Wegfalles des Instrumentes der Wechselkurspolitik innerhalb der WWU zu- nimmt. Es ist zu erwarten, daß Österreich hier seine Vorteile aus der Kon- senspolitik der Sozialpartner und den Erfahrungen als Hartwährungsland wei- ter ausspielen kann. Die Lohnkostenentwicklung verdient auch besondere Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit der Reallohnflexibilität. Die Flexibilität, mit der die Real- löhne auf Schocks reagieren, ist in Österreich relativ hoch, auch wenn es in der ersten Hälfte der neunziger Jahre aufgrund externer Effekte (Wechselkursver- schiebungen) kurzfristig zu Anpassungsproblemen kam. Die flexible Lohn- und Einkommenspolitik war damit in Österreich in der Vergangenheit ein wichtiger Eckpfeiler in der Verhinderung von Arbeitslosigkeit. In der Wirt- schafts- und Währungsunion wird den Lohnbildungsprozessen noch entschei- dendere Bedeutung bei der Sicherung eines hohen Beschäftigungsgrads zu- kommen. Angesichts der großen Einkommensunterschiede zwischen Österreich und den neuen Industriestandorten Südostasiens und Osteuropas erscheint eine Anpassung an das viel niedrigere Niveau jedoch weder möglich noch wün- schenswert. Eine hochentwickelte Volkswirtschaft, die Europalohnniveau er- reicht hat, kann nicht wieder den Rückweg antreten, sondern sie muß das Pro- duktivitätsniveau durch ständige Innovation anheben, um den hohen Lebens- standard aufrechterhalten zu können. 42