61 n. WIRTSCHAFT UND ARBEITSMARKT - ANALYSE I. Einleitung Der Arbeitsmarkt stellt die Wirtschafts- und Sozialpolitik seit den siebziger Jahren vor große Probleme. Die Arbeitslosigkeit steigt in jedem Konjunktur- abschwung und geht im Aufschwung kaum zurück. Das hat zu der weitver- breiteten Meinung gefllhrt, daß sich der Arbeitsmarkt von der Wirtschafts- entwicklung abgekoppelt hätte. Die logische Schlußfolgerung aus dieser Sicht wäre, daß eine Wirtschaftspolitik,die auf eine Beschleunigung des längerfri- stigen Wirtschaftswachstums ausgerichtet ist, keinen Beitrag zur Wiederher- stellung der Vollbeschäftigung leisten könnte. Entgegen dieser landläufigen Meinung stimmt die These der Abkoppelung der Beschäftigungsentwicklung vom Wirtschaftswachstum nicht. Ein bestimm- tes BIP- Wachstum ist heute sogar mit einer deutlich höheren Beschäftigungs- steigerung verbunden als in vergangenen Jahrzehnten. Das gilt nicht nur fllr Österreich, sondern auch fllr die gesamte Europäische Union. Die zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze zum Teil jedoch keine Vollzeit-Arbeitsplätze. Der falsche Eindruck des Wachstums ohne Beschäftigungszunahme Gob- less growlh) entsteht unter anderem dadurch, daß - wegen des stllndigen Pro- duktivitätsfortschritts - etwa 2% Wirtschaftswachstum nötig sind, um die Zahl der Arbeitsplätze konstant zu halten. Die Beschl1ftigungsintensität des Wirtschaftswachstums ist allerdings keine fix vorgegebene exogene Größe; dies zeigt ein Vergleich der europäischen Be- schäftigungsentwicklung mit jener in den USA, wo mittelfristig ftlr jeden Pro- zentpunkt Wirtschaftswachstum ein etwa dreimal höherer Beschäftigungszu- wachs als in Europa verzeichnet wurde. Die Kehrseite der Medaille besteht allerdings darin, daß die Beschäftigungsintensität des Wachstums definitorisch ja nichts anderes als die Entwicklung der Arbeitsproduktivität darstellt. Höhere Beschäftigungsintensität heißt daher auch geringere Produktivitätszuwächse und niedrigere Reallohnsteigerungen, in der Regel gekoppelt mit stark zuneh- menden Disparitäten in den Lohnstrukturen. Nicht die Arbeit aus gesamtwirtschaftlicher Sicht geht uns also aus, aber mehr und mehr die Industriearbeit - ftlr viele noch der Prototyp der Arbeit. Zwar besteht auch in der Industrie nach wie vor ein enger konjunktureller Zu- sammenhang zwischen Produktions- und Beschäftigungsentwicklung, doch reicht das längerfristige Wachstum der Industrieproduktion nicht mehr aus, um mit dem Produktivitätsfortschritt mitzuhalten. Um die Zahl der Arbeitsplätze in der Industrie zu halten, wäre eine jährliche Ausweitung der Industriepro- duktion um fast 5% erforderlich. Ein solches Wachstumstempo ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mittelfristig nicht mehr erreichbar. Der Verlust an Industriearbeitsplätzen hängt aber nicht nur mit abflachen- den mittelfristigen Wachstumsraten, sondern auch mit verstärkten Rationalisie- rungs- und Auslagerungsstrategien in der Industrie zusammen. Der zuneh- mende internationale Konkurrenzdruck hat zunächst in der ersten Hälfte der achtziger Jahre und dann neuerlich seit dem Ende der achtziger Jahre zu einem echten Rationalisierungsschub geftlhrt. Vor allem in den letzten Jahren hat sich