Die vorliegenden empirischen Befunde bis Anfang der neunziger Jahre zu den Charakteristika des gesamtwirtschaftlichen Lohnbildungsprozesses in Österreich lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Reallohnflexibilität ist in Österreich relativ hoch, auch wenn es in der ersten Hälfte der neunziger Jahre aufgrund externer Effekte (Wech- selkursverschiebungen) kurzfristig zu Anpassungsproblemen kam. Die flexible Lohn- und Einkommenspolitik basierend auf der Konsenspolitik der Sozialpartner war damit in Österreich in der Vergangenheit ein wichtiger Eckpfeiler in der Verhinderung von Arbeitslosigkeit. Die Entwicklung der realen Produzentenlöhne (Nominallohnentwick- lung, deflationiert mit Änderung der Erzeugerpreise) folgte mittelfristig der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung; dies implizierte, daß die Lohnquote langfristig konstant blieb. - InflationsschUbe, die von realen Importpreissteigerungen bzw. indirekten Steuererhöhungen ausgehen, wurden im Lohnbildungsprozeß insofern vollständig absorbiert, als von derartigen Preis schocks offenbar kein in- flationärer Impuls auf die realen Produzentenlöhne ausgegangen ist. Die Erhöhung der direkten Steuer- und Abgabenbelastung des Faktors Arbeit im Untersuchungszeitraum (vorwiegend in Form höherer Sozial- versicherungsbeiträge) ist hingegen in einem signifikanten Ausmaß auf die realen Produzentenlöhne vorgewälzt worden und hat damit, ceteris paribus, zu einer Steigerung der realen Arbeitskosten gefilhrt. Aus den ökonometrischen Schätzergebnissen ergibt sich ein Vorwälzungskoeffi- zient von 60% bis 70%. - Die empirische Analyse deutet darauf hin, daß diese Vorwälzungspro- zesse filr Steuern bzw. Abgaben, die formal auf die Arbeitgeber entfal- len, stärker akzentuiert sind als fUr jene der Arbeitnehmer. Dieses Er- gebnis ist allerdings statistisch nicht gesichert. - Von der Arbeitslosigkeit gehen zwar deutlich dämpfende Impulse auf die Lohnentwicklung aus, der Effekt ist aber nicht linear ausgeprägt, d. h. mit der höheren Arbeitslosigkeit ist auch eine steigende Zahl von Arbeitslosen mit geringerer Arbeitsmarkteffektivität, ausgedrUckt z. B. im steigenden Anteil der Langzeitarbeitslosen, verbunden gewesen, wo- durch die lohndämpfende Wirkung der Arbeitslosigkeit ceteris paribus abgenommen hat. Diese Befunde mahnen einerseits zur Vorsicht bei der weiteren Gestaltung der Faktorbesteuerung in Form lohnbezogener Abgaben. Theoretische Überle- gungen sprechen zwar dafilr, daß solche Abgaben langfristig vollständig auf die Arbeitnehmer Uberwälzt werden, dies schließt aber nicht aus, daß kurz- bis mittelfristig negative Effekte sowohl auf die Arbeitsangebotsseite wie auf die Arbeitskräftenachfrageseite einwirken, wodurch die gleichgewiChtige Arbeits- losenquote erhöht wird. Die vorliegende internationale Evidenz deutet indes 73