Colin Crouch (European University Institute, Florenz) Die Rolle von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften in der Anpas¬ sung des Europäischen Modells Bezüglich der Rolle von Interessenverbänden bestehen zwei grundverschiedene Sichtweisen: 1.) Der von der neoklassischen ökonomischen Theorie inspirierte Neoliberalismus sieht in Verbänden rentenmaximierende Kartelle und Lobbies, Hindernisse für wirt¬ schaftlichen Strukturwandel und ganz allgemein Quellen der Ineffizienz. Diese Betrachtungsweise war bis vor kurzem dominant und bedurfte deshalb auch kaum einer näheren Begründung, rechtfertigte sich also selbst. Sogar Aspekte einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kamen aufgrund dieser Modewelle zum Tragen: Investoren auf Standortsuche entscheiden sich eher für Länder mit stärker deregu¬ lierten Arbeits- und Produktmärkten, da diese gemäß dem herrschenden Dogma als effizienter gelten. Einer der Maßstäbe, mit denen der wirtschaftliche Erfolg von wirt¬ schaftspolitischen Strategien gemessen wird, ist der Zustrom an ausländischen Di¬ rektinvestitionen... Die neoliberale Ideologie entspricht den Interessen bestimmter Akteure: Die empiri¬ sche Evidenz zeigt, daß Deregulierung zu Marktverhältnissen führt, die von der ato- mistischen Konkurrenz perfekter Märkte weit entfernt sind. Diese real existierenden deregulierten Märkte begünstigen transnational tätige Großunternehmen, Kapitalbe¬ sitzer, Topmanager und deren Berater. In den betreffenden Ländern sind die Steuern vergleichsweise niedrig, ist der Sozialstaat wenig ausgebaut, sind die Einkommens¬ unterschiede sehr ausgeprägt, ist (als Ursache und Folge) die Verhandlungsposition der Gewerkschaften schwach. Es ist somit wenig verwunderlich, daß multinationale Großkonzerne zu den aktivsten Proponenten der neoliberalen Agenda zählten. Und ferner kann es kaum erstaunen, daß sich die neoliberale Literatur kaum mit dem rentensuchenden Verhalten von Einzelunternehmungen befaßt... Legitimität bezog die neoliberale Sichtweise allerdings auch aus den Schwierigkei¬ ten, welche real existierende neokorporatistische Systeme mit der Dämpfung der In¬ flation in den siebziger und achtziger Jahren, mit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den achtziger und neunziger Jahren sowie im Zusammenhang mit Strukturwandel und Intemationalisierung hatten. Die politische Schlußfolgerung aus der neoliberalen Sichtweise ist einfach und radi¬ kal: Es gelte, den schädlichen Einfluß der Verbände durch deren Schwächung und Marginalisierung möglichst einzudämmen. Die Ergebnisse empirischer Untersuchungen über die wirtschaftlichen Leistungen stärker deregulierter Volkswirtschaften sind jedoch zwiespältig. Wären eher deregu¬ lierte Wirtschaften tatsächlich systematisch anderen, stärker neokorporatistisch ver¬ faßten Ökonomien überlegen, so müßte dies immer und in allen Sektoren gelten. Dies ist freilich nicht der Fall. So übertrafen (und übertreffen) viele der kontinentaleu¬ ropäischen Volkswirtschaften die Wirtschaft der USA über längere Zeiträume hinweg in bezug auf wichtige Indikatoren wie das Produktivitätswachstum, den Export und die Entwicklung bedeutender Industriezweige. In Ländern, welche mit neokorporati- stischen Strukturen wirtschaftlich erfolgreich waren und sind, hätten ein - vom Gei¬ ste des Neoliberalismus und den entsprechenden Interessen inspirierter - rascher Abbau der entsprechenden Institutionen und die bewußte Zurückdrängung der Ver¬ bände irreparable volkswirtschaftliche Schäden zur Folge. -6-