730 \rs 4« tn l« bn fc«? kfl i« < DER BETRIEBSRAT Vor allem schon die beiden Streitteile: Auf der einen Seite die sozialdemokratische Gemeindeverwal¬ tung — also die ersten Vertrauensmänner des Wiener Proletariats, alterprobte und bewährte Kämpfer um die Rechte der Arbeiter nicht nur auf politischem Gebiete, sondern auch auf jenem, das bei diesem Streik, wie übrigens bei jedem anderen auch, im Vordergrund des Interesses stand: auf dem des Ar¬ beitsvertrages. Demjenigen nun, der angesichts dieser Erscheinung sich dreimal bekreuzt, da er in der Naivheit seines Gemütes bisher glaubte, es sei in der kapitalistischen Weit auch nur eine dauernde Aus¬ schaltung aller Meinungsverschiedenheiten auf dem Gebiete des Arbeitsverhältnisses möglich, sei in aller Gemütsruhe gesagt, daß diese Ausschaltung nie mög¬ lich sein wird, auch nicht dann, wenn auf beiden Seiten Sozialdemokraten die Wortführer der beiden Kampfparteien sind, solange die kapitalistische Wirt¬ schaft besteht und sonach die Nutznießung der menschlichen Arbeitskraft nach kapitalistischen Grundsätzen — auch von sozialistischen Verwaltern — naturnotwendig erfolgen muß. Allerdings haben alte Sozialdemokraten das Recht zu fragen, ob diese in der kapitalistischen Welt nicht wegdenkbaren Gegensätzlichkeiten zu einem so ernsten Konflikt ausarten müssen, wie es der Straßen¬ bahnerstreik war, auch dann, wenn auf beiden Seiten Sozialdemokraten stehen, von denen doch anzu¬ nehmen ist — oder zumindest anzunehmen sein sollte! — daß beide das gleiche Interesse an einer möglichst reibungslosen Erledigung des Konflikts haben. Auf diese Frage kann die Antwort nur in einer näheren Betrachtung der beiden Kampfparteien ge¬ funden werden. Auf der einen Seite — auf der der Gemeindeverwaltung — in jahrzehntelangen Kämpfen um die Rechte der Arbeiter, zur' Disziplin und zum ausgeprägtesten Verantwortliclikeitsgefühl erzogene Männer, die darum auch in diesem Konflikt in allem bis an die Grenze des Möglichen gingen, soweit sie glaubten, dies mit ihrem schweren Amte als Ver¬ walter der Gemeinde nur irgendwie in Einklang bringen zu können — auf der anderen Seite eine ver¬ hältnismäßig junge Organisation, im eigentlichen Wesen erst erstanden aus den Stürmen des Um¬ sturzes und der Revolution, deren Mitglieder zum großen Teil deshalb auch von den Fehlern aller frisch geworbenen Gewerkschaftsmitglieder noch nicht frei sind, die vor allem darin gelegen sind, die Grenzen der Macht der Organisation nie richtig beurteilen zu können. Kommt nun noch hinzu, daß die Wiener Straßen¬ bahner unter der bürgerlichen, will sagen: christlich¬ sozialen Gemeindeherrschaft immer ein Stück Politi- kum darstellten und daß diese Partei noch immer nicht von dem Irrwahn geheilt ist. es könne ihr noch einmal gelingen, eine auch nur halbwegs nennens¬ werte christiichsoziale Arbeiterbewegung zu schaffen, und ihr partim jeder Arbeiterkonflikt — um so mehr also einer im Tätigkeitsgebiete der sozialdemokrati¬ schen Gemeindeverwaltung! — als gut genüg er¬ scheint, um dieser Fata Morgana nachzujagen, und erinnert man sich weiters der vollkommen verant¬ wortungslosen Demagogie der kommunistischen Partei, der es um so leichter gelingt, Augenblicks¬ erfolge zu erringen, je weniger durchgebildet eine bestimmte Arbeitergruppe ist, also je jünger ihre ge¬ werkschaftliche Organisation ist. so wird man es schon begreiflich finden, daß es dem holden Dreibund: g e w e r k s c h a f 11 i c h - o r g a n i s a t o r i s c h e r Rückständigkeit der Mehrheit der Straßenbahner, christlich sozialem M i t g 1 i e d e r f a n g und kommunistischer Demagogie verhältnismäßig leicht gelang, die alt¬ bewährten Vertrauensmänner der Straßenbahner in den Hintergrund zn drücken und an ihre Stelle Ele- # . r™™~ mentezu setzen, die außer ihrem nicht anzweifele baren guten Willen, den Interessen ihrer Mandatgeben zu dienen, nichts mehr zur Versehung ihres schweren, nicht nur Verantwortlichkeitsgefühl, sondern auch' reiches soziales Wissen erfordernden Amtes mit« brachten. * Als besonders charakteristisch für den Geist, von dem dieser Streik getragen war, mag wohl die: Behandlung des Organisations¬ problems erwähnt werden. Gewiß hat es aucK schon früher Lohnbewegungen in den verschiedensten] Berufen gegeben, wo die Mehrheit der daran inter- , essierten Arbeiter mit den Ergebnissen der von deri Organisationsleitung geführten Verhandlungen nicht zufrieden war, und dementsprechende Beschlüsse, die geignet waren, die mit den Verhandlungen Be¬ trauten zu desavouieren, gefaßt wurden. Jeder Ge-. werkschaftsfiihrer wird aus seinen Erfahrungen, ins¬ besondere seit der Zeit der Unrast, die der Umsturz; auf wirtschaftlichem Gebiete mit sich gebracht, Bei¬ träge zu diesem Kapitel gewerkschaftlicher Tätigkeit beisteuern können. Immer jedoch, wenn es sich um einen solchen Fall unter 'gewerkschaftlich gründlich' vor- und durchgebildeten Arbeitern handelte, war es die selbstverständliche Voraussetzung aller weiteren Aktionen, daß der Organisationsleitung das Vertrauert gewahrt blieb und sie den Auftrag erhielt, in neuer-, liehen Verhandlungen einen den Anschauungen der Mehrheit mehr entsprechenden Erfolg zu erzielen. Nicht so in diesem Falle. Rasch fertig ist die Jugend (auch die der Organisation) mit dem Wort! Und frisch und froh, als handle es sich etwa um irgendeine Kleinigkeit, bestand die erste Tätigkeit der; mit den Ergebnissen der Verhandlungen nicht zufrie¬ denen Mehrheit der Bediensteten darin, ihre erprobte Organisation, die sie aus der Rechtlosigkeit der vor¬ revolutionären Zeit zur heutigen sozialrechtlicheri Höhe geführt, die für sie im Laufe einiger weniger, Jahre aus dem Nichts Arbeitsrechte geschaffen, die nicht im geringsten den gleichgearteten Rechten auf höchster sozialer Stufe stehender Arbeiter nach¬ stehen, über Bord zu werfen und sich förmlich über Nacht an deren Stelle eine ganz, neue Organisation mit ganz neuen Männern —< mitten im Kampfe stehend! — zu schaffen. Natürlich zeugt dieses Tun von der größten kind¬ lichen Naivität und muß gänzlich wirkungslos bleiben. Es war sicherliclrauch nicht so bös gemeint und sollte nichts anderes 'als eine schöne, möglichst radikal aus¬ sehende Pose darstellen. Man erkennt daran den kom¬ munistischen Einschlag der Bewegung! Ist es aber; nicht kennzeichnend füf den Mangel an gewerkschaft¬ licher Reife, der diese Bewegung,, sein Merkmal auf¬ drückte, daß die Streikenden glaubten, es sei wirk¬ lich geeignet, ihrer Sache zu dienen, wenn sie mitten im Kampfe ihrer Organisation das weitere Vertrauen entzogen, an deren Stelle ein ganz neues Verhand¬ lungskomitee setzten, um auch dieses wieder förmlich über Nacht für vertrauensunwürdig zu erklären, da es sich allmählich anschickte, den Weg der Vernunft zu betreten? Wäre die Sache, um die es sich bändelt, nicht se bitter ernst und die beiderseitigen Interessen, die bei diesem Konflikt auf dem Spiele standen, nicht so schwerwiegende: man könnte wirklich lachen über das naive Getue, welches sich da breitmachte und mit dem die Streikenden, respektive deren Wort¬ führer ihrer Sache zu dienen glaubten. So wenig wir auch geneigt sind, in diesem Zu¬ sammenhange die materiellen Forderungen, die diesen' Kampf hervorgerufen, auf ihre Berechtigung zu prüfen, und so sehr wir uns bemühen wollen, lediglich nur einige der gewerkschaftlichen Probleme, die sich io den Vordergrund der, . öffentlichen Biskuissiftn _