DER BETRIEBSRAT 795 iwi t*> vi y > <*** i »CO t* einer wichtigeren Branche Folgeerscheinungen her¬ vorruft, welche tief in das Leben der Volkswirtschaft und der Gesellschaft eingreifen und den Streik weit über die bloße Angelegenheit einer einzelnen Branche hinausheben, ihn vielleicht in einschneidender Weise nicht mehr bloß wie früher die gewerkschaftlichen Interessen der einzelnen Arbeiter und Arbeitsberufe, sondern die volkswirtschaftlichen Interessen der Ge¬ samtheit der Arbeiterklasse berühren lassen. So wird also nicht mehr allein die Kampfrüstung und Schlag¬ fertigkeit jeder Organisation, der innere Ausbau jeder einzelnen Gewerkschaft zum brennenden Erfordernis der Gesamtheit, sondern mehr wie je gilt heute auch fiir uns der Grundsatz, daß die Taktik der einzelnen Heersäulen unserer gewerkschaftlichen Armee abge- stinftnt sein muß auf die Erfordernisse der Gesamt¬ heit. Jedes Losschlagen eines einzelnen Armeekorps zieht unfehlbar die gesamte Armee in den Kampf und jede Verstrickung in eine Niederlage gibt nicht nur bereits Errungenes in der einen Branche preis, son¬ dern gefährdet die ganze soziale Machtstellung (Ter 'Arbeiterklasse. Ein Streik ist also heute mehr denn je eine An¬ gelegenheit. die mit größter Besonnenheit erwogen .werden muß und nicht nur Bedachtnahme auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Gewerkschaft und darüber hinaus auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Arbeiterklasse überhaupt erfordert, sondern auch die gründliche Berücksichtigung aller ökonomischen, politischen und moralischen Folgen, die die Gesamt¬ heit auf sich zu nehmen hat und nur dann auf sich nehmen wird, wenn eine gewerkschaftliche Aktion wirklich von allgemeiner proletarischer Tragweite ist. Die Solidarität, welche eine im Kampfe mit dem Kapital stehende Berufsgruppe mit 'Recht von allen anderen Arbeiterschichten heischt, dieselbe Solidarität dürfen auch alle anderen Arbeiter¬ schichten von dieser einen Berufsgruppe heischen. Solidarität aller für einen, aber auch eines für alle, Solidarität auch in dem anderen Sinne, daß eine ein¬ zelne Berufsgruppe nicht mit engherzigem Blick nur den vermeintlichen eigenen Vorteil wahrnehme und darob die Kollision (den Zusammenstoß) mit den Inter¬ essen der Gesamtheit übersehe, daß sie nicht einen Kampf führe, der, wenn sie ihn auch für ihre persön¬ lichen Sonderinteressen für nutzbringend hält, ihr nie und nimmer frommen kann, sobald er die Gesamt- interessen in schwerwiegender Form verletzt. Ein Streik zum Beispiel, der wider den wohlmeinenden "Rat aller gewerkschaftlich in Betracht kommenden Instanzen als „wilder" Streik geführt würde, in den dazugehörigen wilden Formen mit fortwährend wechselnden und sich gegenseitig stürzenden Streik¬ komitees oder ein Streik, der ohne Not und Zwang gegen eine sozialistische Stadtverwaltung, gegen Gemeinwirtschaften und lebenswichtige Betriebe vom Zaun gehrochen würde, verletzte nicht allein die primitivsten Grundsätze gewerkschaftlicher Taktik, sondern noch mehr jenen Grundsatz der Solidarität, den wir soeben mit herzerfreuender Einmütigkeit von der arbeitenden Gesamtheit zugunsten der kämpfen¬ den Kollegen in der graphischen Branche zur An¬ wendung gebracht werden sahen. Wie die Buch¬ drucker, eben weil sie eine erfahrene, disziplinierte, kampferprobte Gewerkschaft sind, in ihrer ruhmvollen Geschichte niemals leichtfertig zur Waffe des Streiks gegriffen haben, so haben sie sich auch diesmal, erst als wirklich keine andere Wahl mehr blieb, zum äußersten Mittel entschlossen. Und wie jede gerechte Sache ihre Kraft in sich selbst trägt und der Sympathie der breiten Massen gewiß ist, so haben auch die Buchdrucker spontan (ganz von selbst) die Popularität gefunden, die ihr gerechter Kampf: die Abwehr der von der vereinigten Unternehmerschaft in letzter t Linie gegen das ganze Proletariat ge¬ richteten Aushuneerungstendenzen .verdiente. Weit der Kampf der Buchdrucker gerecht war und in Ein¬ klang mit den proletarischen Gesamtinteresen stand — halfen doch die Buchdrucker durch ihren Kampf mit, dem Anschlag auf den Index entgegenzutreten — darum hat dieser Kampf, ganz anders wie kürzlich ein anderer Streik, auch wirklich die Massen hinter sich gehabt, hat er Erfolg gehabt und die Begehrlichkeiten des Kapitals, das sich so viel proletarischen Opfermutes und proletarische Soli¬ darität durchaus nicht versehen hatte, tapfer zurück¬ gewiesen. Nicht das freilich ebenfalls ungemein wichtige, nun so deutlich aufgetauchte gewerkschaftliche Problem der Finanzierung künftiger Lohnkämpfe, der Anpassung der gewerkschaftlichen Kampfmethoden an die Wertbewegung des Geldes scheint uns das Vor¬ waltende, sondern der immer entschiedenere U ra¬ se h 1 ag jedes gewerkschaftlichen Lohn- kampfes großen Stils in ein ein poli¬ tischen Machtkampf, die immer sichtbarere" Verkettung der einzelnen Berufsinteressen mit der Ökonomie als ganzer. Der öffentlich¬ rechtliche Charakter der Gewerk¬ schaften — gesehen aus der nationalen Wirt¬ schaft heraus — der ist es, der organisch aus der Zeiten Schoß hervorwächst und uns vor unerhörte neue Aufgaben stellt. Die neuen Aufgaben erweitern das Kampf- und Arbeitsfeld der Gewerkschaften, sie erhöhen auch ihre Verantwortlichkeit und lähmen in diesem gesunden Sinne jeden falsch verstandenen „Kadikalismus". Darum wollen wir gegenüber den nach dieser Richtung zielenden gewissenlosen und auch diesmal bestimmt nicht ausbleibenden Angriffen der Kommunisten es mit den Worten halten, die Otto Bauer schon nach dem Buchdruckerstreik 1914 im „Kampf" (VII. Jahrgang, Seite 246) ge¬ schrieben hat: „Viele Gewerkschaften fürchten, der Eifer der Arbeiterschaft für ihre Gewerkschaften werde er¬ kalten, wenn wir ihr sagen, wieviel schwerer als früher der Kampf jetzt geworden ist. Wir halten diese Befürchtung für unbegründet. Eine Arbeiter¬ schaft, die die neuen Kampfbedingungen nicht kennt, wird zum Kampf drängen, wo der Kampf nur mit einer Niederlage enden kann; sie wird gegen die Organisation rebellieren, wenn die Vertrauensmänner sie pflichtgemäß von hoffnungslosem Wagnis ab¬ halten wollen; sie wird die Vertrauensmänner mit Vorwürfen überhäufen und an der Organisation ver¬ zweifeln, wenn der erwartete Erfolg nicht errungen werden kann. Eine geschulte Arbeiterschaft dagegen wird begreifen, daß wir Lohnkämpfe heute nicht mehr so leichten Herzens wie früher wagen können. Sie wird verstehen, warum wir uns heute so oft mit kargen Erfolgen bescheiden müssen. Sie wird er¬ kennen, daß wir alle unseren Eifer für die gewerkschaftliche Organisation verdoppeln und verdreifachen müssen, wenn die Arbeiterschaft nicht dem er¬ starkenden Kapital wehrlos erliege u. s o 11." J. Hanna k Wirtschaft, Horatio! Schon während des Krieges hat der bekannte deutsche Nationalökonom Lujo Brentano in einem gedankenreichen Vortrag auf die furchtbaren Folgen der handelspolitischen Feindseligkeiten hingewiesen, die während des blutigen Völkerringens den Waren¬ austausch lahmlegten. Wenn schon in der normalen Friedenswirtschaft, wo der ungestörte Fleiß von Millionen schaffender Menschen den Nationalwohl¬ stand der einzelnen Länder zu einer erstaunlichen Höhe gebracht hatte, die Verkehrshindernisse der; kapitalistischen Zoll- und Absperrungspolitik die Lebenshaltung der breiten Massen immer, wieder, jbe-