268 Oli» BETRIEBSRAT geboren. Dieser Staat ist entweder Industrie- oder Agrar¬ staat. er ist schwach bevölkert, mit zahlreichen Arbeits- gelogeniieiteri, oder er ist übervölkert und muß daher einert Teil seines Bevöikerungsüberschusses an das Ausland ab¬ geben, er kann im wesentlichen die Bedürfnisse seiner Bevölkerung: decken und noch einen Überschuß an einzelnen Produkten abgeben, oder er ist mehr oder weniger auf die Einfuhr ausländischer Waren angewiesen, der Wert seines Geldes ist ein guter oder ein schlechter. Der Neugeborene kommt entweder geistig oder kör¬ perlich gesund auf die Welt oder er ist mit Gebrechen be¬ ruftet, er entstammt entweder einer kinderreichen oder kinderarniüii Familie, durch den Beruf und die wirtschaft¬ liche Stellung seiner Eltern wird er entweder von vorn¬ herein ein Mitglied der wohlhabenden Schichten der Be¬ völkerung oder er wird Proletarier. Bei fortschreitender Entwicklung fühlt der einzelne immer mehr, wie bedeutungslos im Getriebe der Allge¬ meinheit seine eigene Existenz ist und daß er bei allem leinen Tun und Lassen fortwährend von Tatsachen beein¬ flußt wird, auf die er gar keinen Einfluß nehmen kann. Die Art und das Ausmaß seiner Vorbildung wird gewöhnlich von seinen Eltern und sonstigen Verwandten bestimmt, leine Berufswahl wird in den meisten Fällen getrofien, ohne daß seine wirklichen Kenntnisse und Neigungen aus¬ schlaggebend wären, sondern der Beruf der Eltern, die Notwendigkeit, rasch zu verdienen, eine momentan sich bietende günstige Gelegenheit auf dem Arbeitsmarkt und .viele andere äußere Umstände geben seinem Leben die entscheidende Wendung. Steht er aber einmal im Erwerbsleben und hat er die „von ihm so heiß herbeigesehnte Selbständigkeit erreicht, so ist er erst recht äußeren Einflüssen unterworfen und muß die größten Anstrengungen machen, um sich im Kampfe um das Dasein zu behaupten. Das Entgelt, das er für seine Arbeitniefstung erhält, wird nicht von ihm be¬ stimmt und regelt sich nicht nach seinen Bedürfnissen, sondern die Bedingungen des Arbeitsvertrages werden nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage diktiert. Sein Arbeitgeber vermag gegenüber seinen Lohnansprüchen die Behauptung geltend zu machen, daß er von der Lage des Wirtschaftsmarktes, von der Preislage seiner Pro¬ dukte am Weltmarkt abhängig ist, und das schließlich festgesetzte Entgelt stellt sich als Ergebnis eines Kampfes zwischen den beiden großen Produktionsfaktoren des Wirt¬ schaftslebens, dem Kapital und der Arbeitskraft, dar. Von Seinem Entgelt kann sich der Arbeiter zu verschiedenen Zeiten verschieden viel kaufen, denn die Preise aller Pro¬ dukte und auch die der lebenswichtigen Bedarfsartikel werden von zahlreichen wirtschaftlichen Momenten, von Export und Import, von der politischen und wirtschaftlichen Macht des Staates, von der Zoll- und Tarifpolitik usf. be¬ einflußt. Mühsam versucht der Arbeiter eine regelmäßige Haushaltungsstatistik zu führen, um seine Ausgaben den Einnahmen anpassen zu können, aber eine Teuerungswelle, deren Ursachen er gar nicht zu überblicken vermag, macht alle seine Berechnungen wieder zunichte. Der Arbeiter heiratet; scheinbar ist wenigstens dieser Entschluß ein vollkommen freier, und doch trifft dies nicht ganz zu, denn er heiratet, weil er sich in dem ent¬ sprechenden Alter befindet, weil es andere auch tun und weil er schließlich mit der Zeit gezwungen ist, einen Haus¬ halt zu führen, um nach des Tages Arbeit wenigstens einigermaßen zur Ruhe kommen zu können. Um seine Stellung im Kampfe ums Dasein zu stärken, sucht der Arbeiter Anschluß an- Vereine und insbesondere an Berufsorganisationen zu gewinnen, er entscheidet sich durch die Wahlen für eine bestimmte politische Richtung und nimmt auf diese Weise an den großen Ent¬ scheidungen teil, dfe in Staat, Land und Gemeinde von den berufenen Körperschaften gefällt werden. Durch die kraft gesetzlicher Bestimmung vor sich gehende Eingliederung in die Sozialversicherung wird der Arbeiter wenigstens einigermaßen vor der Verelendung durch Krankheit. Alter, Invalidität und Arbeitslosigkeit geschützt. Der eine vermag sich im Kampfe um das tägliche Brot zu behaupten, der andere bricht unter dem Einfluß äußerer Ereignisse zu¬ sammen; Krankheiten seiner eigenen Person, seiner Frau und seiner Kinder .jntergraben sfiine Existenz. Die Lebens¬ dauer des Arbeiters und seine Arbeitsfähigkeit hängen viel¬ fach mit dem Beruf zusammen, den er sich nur in den 6. itensten Fällen ii ?i gewählt hat und den er gewöhnlich JBicht mehr zu wechseln vermag, auch wenn er dessen nn- jgiiastiitß üißwjrkuat;_auf. seine. Gesundheit.„erkannt bat Die Summe von äußeren Ereignissen, die das Leben beherrschen, sind wir gewohnt unter dem Sammelbegriff Schicksal zusammenzufassen, und doch ist der Platz, der, jedem einzelnen im Rahmen der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung, zugewiesen wird, durch statistisch erfaß* bare Tatsachen bedingt Deren Gestaltung und Tragweite können wir nur erfassen, wenn wir in dieses ganz« Getriebe von Erscheinungen und Beziehungen einen Ein¬ blick gewinnen; diesen vermittelt uns neben anderen Quellen der Erkenntnis vor allem die Statistik auf den verschiedensten Gebieten. „Von der Wiege bis zur Bahre geleitet die Statistik den modernen Menschen durch das Leben und getreulich folgt ihm der Schatten, den er selbst und seine Werke im schonungslosen Lichte der Zahlen werfen." *) Die Statistik lehrt uns die Erscheinungen zahlen¬ mäßig zu beobachten und daraus unsere Schlüsse zu ziehen. Natürlich wird diese Beobachtung von jedem einzelnen von seinem Standpunkt aus vorgenommen und der eine zieht aus dem Ergebnis seiner Forschungen diese, der andere jene Lehre. Gleiche Beobachtungen führen zu gleichen Schlußfolgerungen, so daß die Bildung von Gruppen und Klassen, die wir auf anderen Gebieten feststellen können, sich naturgemäß auch dann vollzieht, wenn es sich um die Beurteilung und Verwertung statistischer Erhebungen handelt. Um aber die Ereignisse des wirtschaftlichen und sozialen Lebens überhaupt zahlenmäßig beobachten zu können, müssen wir zunächst statistisch denken lernen und wir müssen nicht nur unsere Beobachtungen festzustellen verstehen und auswerten, sondern auch die der Gegen¬ seite; nur dann werden wir in der Lage sein, uns ein richtiges Urteil zu bilden und mit Erfolg die eigenen Inter¬ essen zu vertreten, eventuell sogar mit Benützung der Argumente der Gegner. Edmund Patin. j Sozialpolitik |f^»| Abbau Auf Schritt und Tritt begegnet man jetzt diesem Wort, welches für jeden Arbeiter und Angestellten Not und Elend bedeuten kann. Ob sich wohl alle Unternehmer, welche jetzt Entlassungen vornehmen, der Verantwortlich¬ keit bewußt sind und bei der Auswahl der betreffenden Arbeiter oder Angestellten sich keiner schwarzen Liste bedienen, sich nicht von persönlichen Eindrücken, vun Zorn wegen irgendeines in der Aufregung bei Lohn« differenzen etc. gefalleneu Wortes leiten lassen, sondern einzig und allein von der Erwägung, wer es am leichtesten ertragen könne?! Als Not an Lebensmitteln herrschte, hat man diese rationiert, um zu verhindern, daß der eine gar nichts, der andere alles im Überfluß erhält. Unter diesem Gesichtspunkt sollte sich in der gegenwärtigen Krise, wo Not an Arbeitsgelegenheit herrscht, auch der Abbau voll¬ ziehen. Wenn es auch nicht so einfach geht, wie bei den Lebensmitteln, so könnte doch bei einigem guten Willen so manche Familie vor der äußersten Not bewahrt werden. Es gibt nämlich eine sehr große Zahl von Doppel¬ verdienern. eine große Zahl von Familien, wo Mann und Frau ihrem Beruf nachgehen, wo noch erwachsene Kinder, mitverdienen, und anderseits gibt es viele Familien, welche nur einen einzigen Verdiener haben, und deren Existenz von diesem einen Verdienst abhängt. Es ist nun ein großer Unterschied, ob eine Entlassung eine solche Familie oder eine Familie mit mehreren Verdienern trifft Zweck dieser Zeilen ist es. die Kollegen Betriebs¬ räte darauf aufmerksam zu inachen, daß sie in dieser Richtung ihren ganzen Einfluß beim Unternehmer geltend machen, damit Entlassungen nur mit ihrer Beizieliung durchgeführt werden. Ist ja das für den Unternehmer selbst von Vorteil, weil durch die Vertrautheit der Be¬ triebsräte mit den einzelnen Familienverhältnissen eine gerechtere Auswahl, soweit sich da überhaupt von Gerech¬ tigkeit reden läßt,-gewährleistet wird, was für den unge¬ störten Frieden des Betriebes ja nur von Vorteil ist. Es muß auf diese Weise versucht werden, die vorhandene Arbeitsgelegenheit auf die Familien, nicht auf das Individuum zu verteilen. Karl S i e g 1 (Betriebsrat). *) Vgl. Schott: „Statistik ", San 'ung aus „Kitur und L.Geistesweit", Verlag jeubner, Leipzig J9J.3,