Fallstudien Großbritannien Die Restrukturierungsmaßnahmen gingen Hand in Hand mit der von der konservativen Regierung entwickelten Gesetzgebung zur Disziplinierung der Gewerkschaften und brachten eine Annäherung der industriellen Beziehungen im Elektrizitätssektor an die Verhältnisse in der Privatwirtschaft. Im Kontext Versorgungsbetriebe ist hier auf das Verbot des ‚Closed Shops’46, das Verbot des ‚Secondary Picketing’47, und das Verbot politischer Streiks wozu auch Kampfmaßnahmen gegen Privatisierungen gezählt wurden, zu verweisen. Grundsätzlich hat die Privatisierung des Sektors die Position der Gewerkschaften und ihr Verhältnis zum Management nicht unberührt gelassen, auch wenn hervorgehoben wird, dass die Reaktionen und Entwicklungen der Unternehmen sehr unterschiedlich sind. Trotzdem weisen viele Studien (exemplarisch Cully et al. 1999, Brown et al. 1998) darauf hin, dass die Gewerkschaften zumindest in den Kernbereichen ihre Positionen halten konnten, natürlich aber neue Strategien und Aktionsformen gegenüber dem Management wie auch gegenüber den AktivistInnen und Belegschaften entwickeln mussten. So erforderte etwa die Dezentralisierung der Kollektivvertragsverhandlungen die Mobilisierung und Schulung einer größeren Zahl von AktivistInnen, damit diese mit den sie erwartenden Anforderungen und Konflikten auf dezentraler Ebene umgehen können. Grundsätzlich wurde im Zuge der Restrukturierung der Energiewirtschaft das System überbetrieblicher Kollektivvertragsverhandlungen zerschlagen und durch ‚Single- Employer’- und ‚Single-Table’-Verhandlungen (so es mehrere Gewerkschaften in einem Betrieb gibt) ersetzt. In neu entstehenden Tochterfirmen, bzw. ausgelagerten Bereichen gibt es oft keine gewerkschaftliche Vertretung oder sie wird von der Betriebsleitung nicht als Verhandlungspartner anerkannt. In diesem Fall gibt es keine kollektiven Vereinbarungen über Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Einige Studien heben hervor, dass der Personalabbau letztlich auch zu rückläufigen Mitgliedszahlen (Brown et al. 1998) geführt hat. Obwohl in der Regel von einer gewissen Stabilität der industriellen Beziehungen im Elektrizitätssektor ausgegangen wird, kam es doch in einigen Fällen zur Aufkündigung von Verhandlungen (‚derecognition’) mit den Gewerkschaften. Das ist auf die Veränderung der Manage- mentstrategien in und nach der Privatisierung zurückzuführen, schreibt aber gleichzeitig die eher als konflikthaft zu kennzeichnende Tradition der industriellen Beziehungen in manchen Bereichen des Elektrizitätssektors fort. Erst in den letzten Jahren haben sich, 46 Als ‚Closed Shops’ wurden Unternehmen bezeichnet, in denen die Gewerkschaften durchgesetzt hat- ten, dass neueingestellte Beschäftigte gleichzeitig der jeweiligen Gewerkschaft beitreten mussten (und dies gegebenenfalls sogar vom Unternehmen empfohlen wurde). Diese Unternehmen hatten in der Regel einen Organisationsgrad von 100%. 47 ‚Secondary Picketing’ bezeichnet eine Strategie der britischen Gewerkschaften, Streikaktivitäten und andere gewerkschaftliche Maßnahmen auf Betriebe, die nicht oder schlecht organisiert waren, durch das Aufstellen von Streikposten (Pickets) auszudehnen. Auf diese Weise konnten auch Unternehmen, die noch keine Gewerkschaft anerkannt hatten, gezwungen werden Kollektivvertragsverhandlungen zu führen und eine kollektive Interessensvertretung der Belegschaften zuzulassen. Dies war v.a. für die Organisierung ausgelagerter oder neuer Betriebsstätten von Bedeutung. 137